Montag, 15. März 2021

der Anfang vom Ende

Heute vor zweihundertvierzig Jahren hat der englische General Lord Cornwallis bei Guilford Courthouse eine Schlacht gegen die Amerikaner gewonnen, es war die letzte Schlacht, die er in Amerika gewann. Wenige Monate später musste er sich George Washington in Yorktown ergeben. In Roland Emmerichs Film ✺The Patriot kommt die Schlacht auch vor, aber das lassen wir mal weg, das hat nichts, aber auch gar nichts, mit historischer Wirklichkeit zu tun. Und Roland Emmerich Filme kommen in diesem Blog sowieso nicht vor. Dies ist kein Bild aus dem Film von Emmerich, es ist ein Photo von einem Re-Enactment der Schlacht. Denn die Schlacht wird als Spektakel für Touristen jedes Jahr wieder geschlagen (ich habe hier einen interessanten ✺Film dazu). In diesem Jahr fiel das allerdings wegen Covid-19 aus.

Historiker haben die Schlacht als einen Pyrrhussieg für Charles Cornwallis bezeichnet, er behauptete zwar das Feld, weil sich der amerikanische General Nathanael Greene mit seinen Truppen geordnet zurückzog, aber gewonnen hatte Cornwallis nichts. There are few Generals that have run oftener, or more lustily than I have done... But I have taken care not to run too far and commonly have run as fast forward as backward, to convince our enemy that we were like a crab, that could run either way, wird Nathanael Greene sagen. Seine Maxime ist: we fight, get beat, rise, and fight again. Ein Sieger würde nach einer Schlacht den Besiegten verfolgen, aber Corwallis bleibt zwei Tage und zwei Nächte mit all den Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld. Sein Stellvertreter O'Hara wird schreiben: I never did, and hope, I never shall experience two such days and Nights, as these immediately after the Battle, we remained on the very ground on which it had been fought cover'd with Dead, with Dying and with Hundreds of Wounded, Rebels as well as our own. Cornwallis kann Greene nicht verfolgen, er hat einen großen Teil seiner Truppen verloren. Seine Leute können nicht mehr. Und sie haben keinerlei Vorräte mehr. Wenn Cornwallis das Schlachtfeld verlässt, wird er fünfundsiebzig Verwundete dort liegen lassen, in der Hoffnung, dass die Rebellen sich um sie kümmern. Ein Sieg sieht anders aus.

Der entscheidende Augenblick in der Schlacht, die nur neunzig Minuten dauerte, war der Angriff der englischen Garde von General Charles O'Hara, der sich schnell gegen die zahlenmäßig überlegenen Amerikaner festläuft. Und in dem Augenblick befiehlt Cornwallis seiner Artillerie, auf die eigenen Leute zu feuern. Sein Freund O'Hara soll mit Tränen in den Augen versucht haben, ihn davon abzubringen. Man nennt eine solche Aktion neuerdings euphemistisch friendly fire, aber nichts daran ist friendly. Die Engländer verlieren ein Viertel ihrer Truppen, die Amerikaner sind in den Wäldern verschwunden. General O'Hara wird vom Pferd geschossen und kämpft trotz zweier Schusswunden weiter. Sein Neffe, ein 21-jähriger Artillerieleutnant, wird in der Schlacht sterben. Nach Plutarch hat Pyrrhus angeblich gesagt: Sind wir noch einmal siegreich gegen die Römer, sind wir verloren! Und das zitiert der Führer der englischenWhig Partei Charles James Fox, wenn er sagt: Another such victory would ruin the British Army! Und Horace Walpole, nie um ein böses Wort verlegen, wird sagen: Lord Cornwallis has conquered his troops out of shoes, and himself out of troops.

Im Jahr 1781 entscheidet sich der Unabhängigkeitskrieg. Das beginnt im Januar mit der Schlacht von Cowpens, die die Amerikaner dank des taktischen Geschicks von General Daniel Morgan gegen die überlegenen Engländer gewinnen. Dann kommt im März dieses Unentschieden von Guilford Courthouse und im September die alles entscheidende Seeschlacht von Chesapeake BayUnd dann geht es auch schon schnell zuende, Lord Cornwallis kapituliert in Yorktown. Eine englische Militärkapelle wird The World Turned Upside Down spielen:

If buttercups buzz'd after the bee,
If boats were on land, churches on sea,
If ponies rode men and if grass ate the cows,
And cats should be chased into holes by the mouse,
If the mamas sold their babies
To the gypsies for half a crown;
If summer were spring and the other way round,
Then all the world would be upside down
.

Sie hätten ja am liebsten eine ironische Version vom Yankee Doodle gespielt, aber das hatte man ihnen untersagt, jetzt ist es passiert: die Welt ist upside down.

Lord Cornwallis mag seinem Feind Washington nicht gegenübertreten, um ihm seinen Degen zu übergeben. Er schützt eine Krankheit vor (vielleicht hatte er auch wirklich Malaria), sein Stellvertreter Charles O'Hara, auf dessen Truppen er im März feuern ließ, soll den Degen als Zeichen der Unterwerfung übergeben. O'Hara will ihn dem französischen General Rochambeau überreichen, doch der weist mit einer Handbewegung auf George Washington. Der wird zu dem Iren O'Hara sagen: Never from such a good hand, statt seiner nimmt Benjamin Lincoln den Degen in Empfang. Und gibt O'Hara den Degen gleich wieder zurück, man hat noch Manieren. O'Hara ist nun ein Gefangener, wird aber wie ein Gentleman behandelt und von Washington zum Abendessen eingeladen. Er wird nach drei Monaten ausgetauscht und geht zurück nach England.

Er muss sich zwölf Jahre danach wieder ergeben, diesmal nicht den Amerikanern, sondern den Franzosen. Er ist der einzige englische General, der ein Gefangener von Washington und von Napoleon wurde. Die Franzosen geben ihn nicht nach drei Monaten wieder her, die behalten ihn für Jahre. Das Weihnachtsfest 1793 verbringt er im Gefängnis in Paris, aber dieses The World Turned Upside Down, das brauchte er sich nicht mehr anzuhören. Obgleich die Welt draußen aus den Fugen ist. Da ist er während der Schreckensherrschaft im Palais du Luxembourg besser aufgehoben. Und wo sollte er hin, nach England traut er sich nicht zurück. Er hat hohe Spielschulden. Einem Mitgefangenen hat er damals gesagt: In England we can say King George is mad; you dare not say here that Robespierre is a tiger. 1795 tauscht man ihn aus. Gegen - und das ist eine Ironie der Geschichte - den Sohn jenes Comte de Rochambeau, der einst seinen Untergang bei Yorktown besiegelte.

Den General Cornwallis geben die Amerikaner auch wieder her. Einer der Offiziere, die den Waffenstillstand aushandeln, ist Washingtons Adjutant, Colonel John Laurens (hier in der Mitte der drei Herren in einem Ausschnitt aus einem Bild von John Trumbull). Er ist der Sohn des im Londoner Tower gefangenen amerikanischen Kongressabgeordneten Henry Laurens, den die Engländer anderthalb Jahre inhaftiert hatten. Benjamin Franklin hatte vergeblich versucht, ihn gegen General Burgoyne auszutauschen, aber jetzt geht alles ganz schnell, es bleibt sozusagen in der Familie. 

Der ehemalige Präsident des Continental Congress Henry Laurens kommt frei, und die Engländer kriegen Lord Cornwallis zurück. Der übrigens, und das ist eine weitere Ironie der Geschichte, der Constable of the Tower ist. Der amerikanische Senat hat das Bild von Laurens im Tower, das Lemuel Francis Abbott gemalt hatte, 1886 gekauft, es hängt heute im Capitol. Ein Jahrzehnt nach seinem unfreiwilligen Englandaufenthalt ist Henry Laurens wieder in Europa, er gehört der Kommission an, die den Pariser Frieden aushandelt, der den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beendet. Er steht auf dem Bild von Benjamin West hinter Benjamin Franklin. Die rechte Bildhälfte ist leer. Da sollten die englischen Diplomaten hin, aber die haben sich geweigert, für Benjamin West Modell zu sitzen. Die Engländer sind schlechte Verlierer bis zum Schluss.


Es gibt schon zu den Schlachten aus den Jahren 1780-1781 hier eine Reihe von Posts. In der Chronologie der Ereignisse sind das die Posts: miles gloriosus, Cowpens, Nathanael Greene, Banastre Tarleton und Chesapeake Bay.


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