Sonntag, 19. September 2010

Saratoga


Das ist Mrs Schuyler, wie sie gerade ihren Weizen anzündet, damit die englische Armee ihn nicht bekommt. Wir sind im Amerika des Jahres 1777, der Unabhängigkeitskrieg tobt. Der Ehemann von Mrs Schuyler hat ihr gesagt, dass sie den Weizen anzünden soll. Der Ehemann heißt Philip Schuyler und kommandiert hier die amerikanischen Truppen. Wir wissen nicht wirklich, ob Mrs Schuyler ihren Weizen niedergebrannt hat oder ob sich Emanuel Leutze diese Szene nur ausgedacht hat. Die Geschichte taucht in einem Buch von Elizabeth Ellet The Women of the American Revolution 1848 auf, daher hat Leutze sie. Wir wissen aber ziemlich sicher, dass die Schlacht zwischen den Engländern und Amerikanern auf dem Grund und Boden der Schuylers stattfinden wird und dass die Engländer das Haus der Schuylers abbrennen werden.

Heute vor 233 Jahren begann die Schlacht von Freeman's Farm, der Beginn von wochenlangen Kämpfen, die zusammengefasst als Schlacht von Saratoga bezeichnet werden. An deren Ende wird sich eine ganze englische Armee unter dem Generalmajor John Burgoyne, genannt Gentleman Johnny, ergeben. Schuyler wird sein Haus wieder aufbauen, man kann es heute noch besichtigen. In der gleichen Gemeinde Schuylerville kann man noch ein anderes Haus besichtigen, das Marshall House heißt. Hier ist bei der Schlacht von Bemis Heights (manchmal auch Saratoga II genannt) eine andere Frau eine Heldin, die Baroness Friederike Charlotte Riedesel.

Sie macht aus Marshall House ein Feldlazarett, sie ist jetzt eine Vorläuferin von Florence Nightingale. Man würde sie heute zu Recht als tough bezeichnen. Die Engländer nennen sie Mrs. General. Sie ist ihrem Mann, der General Braunschweigs in englischen Diensten ist, nach Amerika gefolgt, ein Kleinkind unter dem Arm (auch in Amerika wird sie ihm noch Kinder gebären). Sie wird alles aufschreiben, was sie in Amerika erlebt, ihr Buch Die Berufs-Reise nach America. Briefe der Generalin Riedesel auf dieser Reise und während ihres siebenjährigen Aufenthaltes in America zur Zeit des dortigen Krieges in den Jahren 1777 bis 1783 nach Deutschland geschrieben ist für Historiker eine Fundgrube. Ist aber auch für den normalen Leser amüsant, man kann es antiquarisch noch finden. Sie ist ein klein wenig borniert, weiß alles besser und die Amerikaner sind für sie Barbaren. Außer dem netten und gebildeten Mr Jefferson, bei dem sie sich dann später in der Kriegsgefangenschaft befinden. Die Riedesels haben sich in der Nähe von Jeffersons Landsitz Monticello ein einfaches Holzhaus gebaut, man besucht sich gegenseitig und macht Hausmusik miteinander. Jefferson verkauft Riedesel sogar ein Klavier, einer der braunschweigischen Offiziere wird Jefferson beim Abschied alle seine Noten schenken. Man hat in diesen Kreis damals noch Stil.

Der Feldzugsplan, den John Burgoyne persönlich Lord Germain, der englischen Regierung und dem König verkauft hatte, sah auf der Landkarte so schön aus. Von Kanada aus auf den großen Seen nach Süden, dann den Hudson hinunter nach Albany. Und schon hat man die aufständischen Kolonien zweigeteilt, wie mit dem Buttermesser. Zuerst geht ja noch alles gut.

Der Generalgouverneur von Kanada Sir Guy Carleton hat alles gut vorbereitet, und Burgoyne kann den Rebellen das Fort Ticonderga schnell abnehmen. Aber statt jetzt schnell weiter mit den flachen Booten auf dem Lake George nach Süden zum Hudson zu schippern (a splendid regatta, notiert ein Zeitgenosse), macht Burgoyne den Fehler, an Land zu gehen. Und nun wird er mit seiner Armee, beinahe 8.000 Mann und den Kanonen und Nachschubwagen sehr langsam. Zumal diese gemeinen Rebellen ständig Bäume umhacken, was den Marsch Stunden um Stunden verzögert. Und weit hinten überfallen die Rebellen, die von Tag zu Tag mehr werden, seinen Tross und nehmen ihm den Nachschub weg. Glücklicherweise bleiben dem Lebemann (vorerst) die Wagen, in denen er seinen Champagner transportiert. Die Baroness Riedesel, die Burgoyne nicht ausstehen kann, deutet an, dass es im Troß von Burgoyne auch einen fahrbaren Puff gibt. Und während sie nach der Schlacht von Freemans Farm das Essen vom Tisch geräumt hatte, damit der arme General Simon Fraser darauf sterben kann amüsierte sich [Burgyone] mit der Frau eines Commissairs, die seine Maitresse war und, wie er, den Champagner liebte.

Aber sei es wie es sei, Burgoyne steckt fest. Von dem Colonel Barry St. Leger, der das Mohawk Valley und Fort Stanwix erobern und dann zu Burgoynes Armee stoßen sollte, hört man auch nix mehr. Und die tausend Mann, hauptsächlich Hessen, die er nach Bennington in Vermont geschickt hatte, damit sie dort ein Vorratslager plündern, sieht er auch nicht wieder. So langsam dämmert es unserem Lebemann Gentleman Johnny, dessen erstes Theaterstück gerade auf den Londoner Bühnen gespielt wird, dass er die Wette nicht gewinnen wird, die er zuhause in seinem Club abgeschlossen hat. Dass er Weihnachten wieder siegreich in London sei.

Wenn er jetzt schlau wäre, würde er kehrtmachen. Aber er ist ein Spieler und hofft darauf, dass der Colonel St. Leger doch noch auftaucht oder dass die Generäle Clinton oder Howe ihn von Süden her unterstützen. Aber Clinton bleibt sicherheitshalber (beinahe den ganzen Krieg) in New York. Und Sir William Howe hatte Lord Germain mitgeteilt, dass er jetzt Philadelphia erobern wolle. Außerdem muss er sich um seine Geliebte, Mrs Betsy Loring, kümmern. Und hat ständig diesen Washington im Nacken.

Es kümmert ihn auch nicht groß, dass es jetzt so nette Verse gibt wie:

Sir William he,
snug as a flea,
Lay all this time a snoring,
Nor dreamed of harm
as he lay warm,
In bed with Mrs. Loring.

Da wäre Burgoyne jetzt vielleicht auch lieber, stattdessen verwüstet er Grund und Boden von General Schuyler. Der wird ihn aber trotzdem, wenn sich Burgoyne Wochen später ergibt, sehr höflich behandeln. Er beherbergt ihn sogar später in Albany. Beherbergt auch die zickige Baroness Riedesel, die überrascht ist, einen Mann von solcher Höflichkeit und Lebensart bei den Amerikanern zu finden. Normalerweise kann es ihr ja keiner rechtmachen, aber die kritisiert ja nun (ausser ihrem Mann, der ganz toll ist und dem die Engländer besser das Oberkommando gegeben hätten) jeden. Der arme Major Acland, schon bei Ticonderoga verwundet, und jetzt von den Rebellen durch beide Beine geschossen und gefangen genommen. Seine Frau holt sich von General Burgoyne einen Pass, rudert den Hudson hinunter durch die amerikanischen Linien, um ihrem Mann beizustehen. Die Amerikaner behandeln sie sehr höflich, sie darf ihren Mann gesundpflegen. Aber unsere Baroness kann es nicht lassen, und muss dem noch ein ob er gleich ein roher Mensch war, der sich fast alle Tage betrank hinzusetzen. Acland, von dem es ein Portrait von Joshua Reynolds gibt, wird sich dank der liebevollen Pflege von Lady Harriet (die auch ein Diary führen wird) von den Verletzungen erholen. Wenn er wieder in England ist, wird er nicht müde werden, die ritterliche Haltung der Amerikaner zu rühmen. Er stirbt nach einem Duell. Allerdings nicht durch eine Schuss- oder Stichverletzung, er hat sich an dem kalten Oktobermorgen verkühlt. Er hatte einen jungen englischen Leutnant zu dem Duell gefordert, weil der eine herablassende Bemerkung über die Amerikaner gemacht hatte.

Catherine (genannt Kitty) Van Rensselaer Schuyler ist gerade dabei, die Möbel aus dem Haus in Saratoga abzuholen, damit die Engländer die nicht mitnehmen, als sie die Nachricht von ihrem Mann bekommt, sie solle auch den Weizen anzünden. So steht es 1848 bei Mrs Ellet in ihrem Buch über die Heldinnen des Unabhängigkeitskrieges. Auf das Haus können die Schuylers verzichten, sie wohnen hier nicht ständig. Sie haben ein Haus in Albany, der Hauptstadt von New York. Dort beherrscht Kitty Schuyler als umschwärmter Mittelpunkt auch die Gesellschaft, sie kommt aus einer der reichsten holländischen Familien des Staates New York.

Hier auf dem Familienbild von der Kapitulation hat man ihren Gatten schon ganz schön aus der Bildmitte geschoben. In der Bildmitte ist Horatio Gates, vielleicht der unfähigste General, den die Amerikaner jetzt haben. Er weist mit einer dieser Gebärden, die wir auf dieser Art von Bildern immer wieder finden, das Schwert von Johnny Burgoyne zurück. Lass stecken, Kumpel. Nach der Zeremonie wird zu einem kleinen Umtrunk geladen, obgleich man nicht genug Gläser für den Punsch hat. Philip Schuyler ist der fünfte von rechts, der in dem braunen Anzug. John Trumbull hat ihn nicht mit einer blauen Generalsuniform gemalt, obgleich Schuyler als einer der ersten vom Kongress ernannten Generalmajore einer der ranghöchsten Soldaten ist. Aber er hatte in diesem Jahr diese Gichtanfälle, konnte sich kaum bewegen, hat manches schleifen lassen. Und das nutzte der intrigante Horatio Gates aus, um den Posten von Schuyler zu bekommen. Er legt sich ins gemachte Bett, denn Schuyler hatte den Ort der Schlacht ausgewählt, durch Thaddäus Kosciuszko die Befestigungsanlagen bauen lassen und die Anwerbung der Truppen vorangetrieben. Gates wird später noch an einer Intrige zur Entmachtung Washingtons beteiligt sein und wird drei Jahre später bei der einzigen Schlacht, die nicht von anderen für ihn gewonnen wird, eine verheerende Niederlage erleiden und vom Schlachtfeld von Camden fliehen. Danach gibt man ihm nie wieder ein Truppenkommando.

Gates hat einen Kumpel, der noch peinlicher ist als er selbst, das ist der Colonel James Wilkinson. Wahrscheinlich das kriminellste Element, das je in der US Army war, jemand der keine Schlacht gewonnen und kein Kriegsgerichtsverfahren verloren hat. Er wird es Jahrzehnte später noch bis zum ranghöchsten amerikanischen Offizier bringen. Man kann seinen Kopf ganz klein über der Hand von Gates sehen. Der kleine Kopf über dem Schwert von Burgoyne ist übrigens der Freiherr Riedesel zu Eisenbach. ➱Thaddäus Kosciuszko ist nicht auf dem Bild. General Benedict Arnold, der auch gerne den Oberbefehl im Norden hätte, auch nicht. Aber das Bild ist Jahrzehnte nach dem Ereignis gemalt, da mochte man den Vaterlandsverräter vielleicht nicht auf dem Bild sehen. Der Mann, der nach der Vorbereitung von Schuyler und Kosciouszko, die Schlacht wahrscheinlich mit seinen Leuten entscheidet, trägt hier eine extravagante weiße Uniform. Es ist der Colonel Daniel Morgan, und ihm werde ich irgendwann später doch noch eine kleine Abhandlung widmen.

Frauen sind nicht auf dem Bild, aber sie gehören natürlich zu der Geschichte. Saratoga würde uns nichts bedeuten, wenn Mrs Schuyler ihren Weizen nicht verbrennen würde, solch ein Bild vergisst man nicht. Die Baroness Riedesel wird nach der Kapitulation von einem ihr unbekannten Mann angesprochen und mit ihren Kindern zu einem frugalen Mal in sein Zelt eingeladen. Es ist Philip Schuyler, der sie einlädt. Er wird die Riedesels auch in sein schön möbliertes Haus (das mit den Möbeln fällt Henrike Charlotte gleich auf) nach Albany einladen, selbst wenn sie jetzt Gefangene sind.

Die kleine Geschichte mit Kitty Schuyler, ist eine nette Beigabe derjenigen, die Geschichte erzählen. Eine gute Erzählung braucht dekorative Elemente. Wie diese Betsy Ross, die das erste Sternenbanner genäht haben soll oder Molly Pitcher, die die Schlacht von ➱Monmouth entscheidend beeinflusst haben soll. In einer anderen Kategorie bewegen sich die Baroness Riedesel und Lady Harriet Acland, sie sind mittendrin, da wo Geschichte gemacht wird, und sie führen ein Tagebuch. Wie unzuverlässig es auch sein mag. Aber was ist mit den Frauen, die zwischen den Lagern stehen?

Was ist mit Margaret Kemble, einer der schönsten Frauen in den Kolonien? Verheiratet mit dem englischen General Thomas Gage, der nur ungern Krieg gegen seine eigenen Landsleute führt. Soll den Revolutionären geheime Pläne zugespielt haben. Aber das sind nur Verdächtigungen, bewiesen ist nichts. Obgleich ihr Gatte das seiner Frau schon zutraut, er schickt sie sicherheitshalber nach England. Und dann haben wir noch Peggy Shippen, die sich ein wenig entblösst, um George Washington aufzuhalten, als ihr Gatte, der Verräter Benedict Arnold, gerade dabei ist zu türmen. Ihre Verwicklungen in Verrat und Spionage sind schon etwas handfester als bei Margaret Kemble Gage. Und damit kommen wir noch einmal zurück auf Mrs Loring. Was ist dran an der These, dass die Engländer den Krieg verloren haben, nur weil General Howe in ihrem Bett lag? Oder haben sie in Philadelphia doch nur ein paar Mal getanzt? Klatsch und Tratsch sind natürlich immer schön, und Geschichten entstehen jetzt im Kriege schnell, die dann von der Propaganda immens vergrößert werden.

Wir wissen wissen, dass die blonde Schönheit Elizabeth Lloyd Loring damals seit beinahe zehn Jahren mit Joshua Loring Jr verheiratet war. Dass er Kommissär für die englische Armee war und sich dabei sicherlich bereichert hat, dass ihm die Generäle Gage, Howe und Cornwallis Empfehlungsschreiben ausgestellt haben. Er zieht mit Betsy nach England, sie wird ihm noch drei Kinder schenken (eins davon wird noch ein englischer Admiral werden). Nach seinem Tode wird sie eine Staatspension beantragen, was Lord Howe mit etwas zittriger Hand befürwortet: I certify to the Facts as stated in this Petition relative to the late Mr. Loring’s Loyalty, to the Widow’s present distressed circumstances, and to the affluent income Mr. Loring enjoyed in America- W. Howe. Sie wird noch lange leben, bis zum Jahre 1831. Sieben Jahre vorher war Margaret Kemble Gage gestorben, sie war neunzig Jahre alt geworden. Sie wird ewig bewahrt auf dem Bild von John Singleton Copley, wo sie in der gerade modischen türkischen Verkleidung auf dem Sofa drapiert ist.  Von Elizabeth Loring haben wir leider kein Bild.

Diese Dame auf dem Bild von Gilbert Stuart fällt nicht unter die Kategorie der Schönheiten der amerikanischen Revolution von leicht zweifelhaftem Ruf. Abigail Adams ist eine der ersten First Ladies der amerikanischen Geschichte, die einzige Frau, die Gattin eines Präsidenten und Mutter eines Präsidenten ist. Remember the Ladies, hat sie ihrem John in einem Brief geschrieben: I long to hear that you have declared an independancy-and by the way in the new Code of Laws which I suppose it will be necessary for you to make I desire you would Remember the Ladies, and be more generous and favourable to them than your ancestors. Do not put such unlimited power into the hands of the Husbands. Remember all Men would be tyrants if they could. If perticuliar care and attention is not paid to the Laidies we are determined to foment a Rebelion, and will not hold ourselves bound by any Laws in which we have no voice, or Representation.

That your Sex are Naturally Tyrannical is a Truth so thoroughly established as to admit of no dispute, but such of you as wish to be happy willingly give up the harsh title of Master for the more tender and endearing one of Friend. Why then, not put it out of the power of the vicious and the Lawless to use us with cruelty and indignity with impunity. Men of Sense in all Ages abhor those customs which treat us only as the vassals of your Sex. Regard us then as Beings placed by providence under your protection and in immitation of the Supreem Being make use of that power only for our happiness.


Und das ist eins der revolutionärsten Dokumente in der amerikanischen Revolution, eine Frau fordert die Rechte der Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft ein! Zuerst wollte ich ja eigentlich über die Schlacht von Saratoga schreiben, ich hatte das hübsche Bild von Leutze von Mrs Schuyler, aber dann bin ich über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben (um Kleist ein wenig zu verändern) zu den Frauen der amerikanischen Revolution gekommen. Und jetzt merke ich, dass man darüber noch viel mehr schreiben könnte. Aber für heute soll es mal reichen.

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