Sonntag, 5. September 2010

Samuel Pepys


Am 5. September 1666 bekommt man das Feuer unter Kontrolle, beinahe die ganze City von London ist abgebrannt. In der Nacht hatte sich Samuel Pepys in seinem Büro auf eine von seinem Assistenten Will Hewer geliehene Decke gelegt being mighty weary and sore in my feet with going, till I was hardly able to stand. Er ist jetzt seit Tagen auf den Beinen, nachts schläft er in seinem Büro. Als er das Feuer zuerst sah, in der Nacht zum Sonntag dem 2. September, hat es ihn nicht weiter beunruhigt: So I rose, and slipped on my night-gown and went to her window, and thought it to be on the back side of Mark Lane at the farthest; but being unused to such fires as followed, I thought it far enough off, and so went to bed again, and to sleep. Irgendwo brennt es damals ja immer in London. Aber jetzt in der Nacht vom 5. September, als ihm seine Frau sagt, dass auch ein Feuer in ihrer Strasse (Seething Lane) ausgebrochen ist, da bekommt Samuel Pepys doch die Panik: I up; and finding it so, resolved presently to take her away, and did, and took my gold which was about ₤ 2.350. Das ist damals sehr viel Geld, wir können daraus schließen, dass dieser Samuel Pepys kein x-beliebiger Londoner Bürger ist.

Und er führt Tagebuch, das ist auch außergewöhnlich. In einer Art Geheimschrift. Wenn man seine Diaries eines Tages entdeckt, wird man noch Jahre brauchen, um sie zu entschlüsseln. 1825 werden sie zum ersten Mal erscheinen. Das Schöne an den Tagebüchern von Pepys ist, dass er alles hineinschreibt, Wichtiges und Unwichtiges. Staaatsaffären und Liebesaffären, die natürlich sorgfältig verschlüsselt, meistens in einer anderen Sprache als Englisch. No sex please, we are English, Seitensprünge bekommen immer französische, spanische oder lateinische Bezeichnungen. Am 25. Oktober 1668 erwischt ihn seine Frau mit dem hübschen siebzehnjährigen Dienstmädchen (for my wife, coming up suddenly, did find me embracing the girl), was für ihn ganz schrecklich ist: which occasioned the greatest sorrow to me that ever I knew in this world. Ein halbes Jahr später gibt er sein Tagebuch auf. Leider, now my amours are past, schreibt er. Ich glaube ihm kein Wort.

Samuel Pepys war der Sohn eines Londoner Schneiders, aber er hat einflussreiche Verwandte, die ihm eine gute Schul- und Universitätsbildung finanzieren. Und an der Seite seines Vetters Edward Montague, des späteren Earl of Sandwich, wird er Karriere machen. Er ist auch ein kleiner Wendehals, der übergangslos schafft, von einem Anhänger Cromwells (er war bei der Hinrichtung von Charles I als Zuschauer dabei) zu einem Günstling des Herzogs von York (des späteren Königs James II) zu werden. Er ist zur Zeit des großen Feuers Staatssekretär für die Marine und für deren Ausrüstung und den Neubau von Schiffen zuständig. Das ist eine große Aufgabe, denn England ist ständig im Krieg mit den Holländern. Eine Flotte wie 1588, als man die spanische Armada besiegen konnte, hat man nicht mehr. Seit der Admiral Tromp einen Besen an dem Großmast seines Schlachtschiffs befestigt hatte, um den Engländern zu zeigen, dass er sie aus dem Ärmelkanal fegen wollte, ist es mit der englischen Seeherrschaft nicht so weit her. Rule Britannia! Britannia rule the waves! kann man erst im nächsten Jahrhundert singen.

Samuel Pepys hat auch deshalb soviel Geld, weil er im Vorjahr ein wenig in die Kasse mit den Prisengeldern gegriffen hat. Das tut damals offensichtlich jeder Marinebeamte. Aber diesmal ist es herausgekommen, und es gibt einen Skandal. Er kommt aber ungeschoren davon, sein Vetter Lord Sandwich hat mindestens 4.000 Pfund genommen. Der König, der seine Finger auch in dem Deal der Prisengelder hat (nach Sandwichs Schätzung geht es um eine halbe Million Pfund), entlässt ihn erst einmal als Admiral (aber er kommt wieder). Es wächst auch schnell Gras über die Sache, weil man in London andere Probleme hat, die Pest ist da. Das Ärgerliche für die Engländer ist nur, dass Lord Sandwich den größten Teil der holländische Handelsflotte in Bergen in Norwegen hatte entkommen lassen, dabei hatte man die Schiffe doch schon für die Royal Navy eingeplant. Das Prisengeld war auch schon verteilt, davon wollte der englische König sogar dem dänischen König etwas abgeben. Obgleich der eigentlich ein Verbündeter der Holländer war. Mit der Moral hat man es bei Königs nicht so, wenn nur die Kasse stimmt.

Aber aus dem Desaster von 1665 hat die Admiralität offensichtlich nicht so richtig etwas gelernt, denn kaum hat man Pest und Feuersbrunst überstanden, hat man die holländische Flotte schon wieder am Hals. Diesmal segeln sie in die Themsemündung hinein, hinein in den Medway, wo die halbe englische Flotte liegt. Und hinterher haben die holländischen Marinemaler für die nächsten Jahre genügend zu tun.

Schöne Bilder vom holländischen Triumph, man kapert nicht nur das englische Flaggschiff, man holt sich auch alle Schiffe wieder zurück, die man zwei Jahre zuvor an die Engländer verloren hat. Samuel Pepys hat während dieser eine Woche andauernden Schlacht alle Hände voll zu tun. Besatzungen von Kriegsschiffen fordern ihren Lohn, die Admirale wollen mehr fireships (die im deutschen Marinejargon Brander heißen). Pepys kauft jeden Themsekahn auf, damit die Marine ihn mit brennbarem Material beladen und gegen den Feind dirigieren kann. Pepys, der sich beim ersten Gerücht von einem holländischen Angriff sein Gehalt hatte in bar auszahlen lassen, ist ein fähiger Verwaltungschef, das bezeugen alle zeitgenössischen Aussagen. Er modernisiert Flotte und Verwaltung und bringt zum ersten Mal etwas Professionalität in die Admiralität.

Er schämt sich ein wenig, dass er Peter Pett, der dem König die Schiffe baut, so herablassend behandelt hat (I all this while showing him no respect, but rather against him, for which God forgive me! for I mean no hurt to him). Der Schiffbauer Pett steht jetzt vor einem gestrengen Ausschuss, weil er die aufgeslippten Schiffe nicht genügend gesichert hat (die Sache mit der Kette über den Fluss hat natürlich nicht funktioniert). Und die Tatsache, dass er sich weniger um die Rettung von Englands Stolz zur See als um die Rettung seiner Schiffsmodelle gekümmert hat, bringt die Admiralität zum Lachen. Es wäre ihnen lieber gewesen, wenn er die Schlachtschiffe gerettet hätte, statt seine Modell zu retten. Aber er antwortet ihnen he did believe the Dutch would have made more advantage of the models than of the ships, and that the king had had a greater loss thereby. Bürokraten werden einen Schiffbauer niemals verstehen. Denn natürlich hat er Recht, Schiffsmodelle sind dazu da, um nachgebaut zu werden. Aber erstmal lacht ganz England über ihn. Am Ende des Tages hört Pepys von seiner Frau, die er mit dem Schwiegervater aufs Land geschickt hat, um das Pepysche Gold zu vergraben, dass sie das Gold am hellichten Tag im Garten vergraben hat. Über soviel Unvorsichtigkeit ist er erst einmal gehörig stinkig: I did not sup with her nor speak to her tonight, but to bed and sleep. England vor dem Abgrund und Ehekrise im Hause von Samuel Pepys.

Es wird jetzt nicht nur über Peter Pett (hier im Bild von Peter Lely aus dem Jahre 1637) gelacht, es wird auch in schnell gedruckten anonymen broadsides Hohn und Spott über den König und die Admiralität ausgegossen. So schreibt Andrew Marvell in seinem Gedicht Last Instructions to a Painter:

After this loss, to relish discontent,
Someone must be accused by punishment.
All our miscarriages on Pett must fall:
His name alone seems fit to answer all.
Whose counsel first did this mad war beget?
Who all commands sold through the navy? Pett.
Who would not follow when the Dutch were beat?Who treated out the time at Bergen? Pett.
Who the Dutch fleet with storms disabled met,
And rifling prizes, them neglected? Pett.
Who with false news prevented the Gazette,
The fleet divided, writ for Rupert? Pett.
Who all our seamen cheated of their debt,
And all our prizes who did swallow? Pett.
Who did advise no navy out to set,
And who the forts left unrepairèd? Pett.
Who to supply with powder did forget
Languard, Sheerness, Gravesend and Upnor? Pett.
Who should it be but the Fanatic Pett?
Pett, the sea-architect, in making ships
Was the first cause of all these naval slips:
Had he not built, none of these faults had been;
If no creation, there had been no sin.
But his great crime, one boat away he sent,
That lost our fleet and did our flight prevent.

Marvell veröffentlicht das natürlich anonym, richtig in Buchform erscheint es erst nach der Glorious Revolution. Es ist immer schön, wenn man einen Sündenbock hat, aber Marvell greift in diesem Gedicht nicht nur Peter Pett an, er lässt kein gutes Haar an den Mächtigen der Zeit. Die Sache mit dem Angriff auf die Themsemündung hören die Engländer heute immer noch nicht so gerne. Rudyard Kipling, der ja gerne ungefragt England warnt, hat über das Ereignis gedichtet:

If wars were won by feasting,
Or victory by song,
Or safety found, 
by sleeping sound
How England would be strong!
But honour and dominion
Are not maintained so,
They’re only got by sword and shot
And this the Dutchmen know!

The moneys that should feed us
You spend on your delight,
How can you then, have sailor-men
To aid you in your fight?
Our fish and cheese are rotten,
Which makes the scurvy grow –
We cannot serve you if we starve:
And this the Dutchmen know!

Our ships in every harbour
Be neither whole nor sound,
And when we seek to mend a leak,
No oakum can be found,
Or, if it is, the caulkers,
And carpenters also,
For lack of pay have gone away,
And this the Dutchmen know!

Mere powder, guns and bullets,we scarce can get at all;
Their price was spent in merriment
And revel at Whitehall,
While we in tattered doublets
From ship to ship must row,
Beseeching friends for odds and ends –
And this the Dutchmen know!

No King will heed our warnings,
No Court will pay our claims –
Our King and Court for their disport
Do sell the very Thames!
For, now De Ruyter’s topsails
Off naked Chatham show,
We dare not meet him with our fleet –
And this the Dutchmen know!

Kipling macht sich mal wieder zum Anwalt der kleinen Leute, der Matrosen und Handwerker, die keinen Lohn und keine Bezahlung erhalten. Pepys hätten diese Zeilen wehgetan, er weiß das alles, er versucht ja sein bestes, aber woher soll er das Geld nehmen? Für das Geld, das der König für seine Sonnenuhr ausgibt, hätte man die halbe Flotte reparieren können. Das Tagebuch von Samuel Pepys, das ohne Anspruch auf ein literarisches Ziel geschrieben wurde, bleibt auch noch Jahrhunderten eine wunderbare Lektüre. In unserer Zeit, in der die einfachsten und überflüssigsten Dinge eine monatelange Diskussion mit sich bringen (wie zum Beispiel die weltbewegende K-Frage), wird man überrascht sein, wie klar und einfach (trotz aller politischen Ranküne und Verstellungen bei Hofe) das Leben im 17. Jahrhundert sein kann.

Und unser Tagebuchschreiber verstellt sich vor uns kaum. Das Dienstmädchen, mit dem ihn seine Frau erwischt, heißt Deborah Willet, sie wird natürlich sofort gefeuert, aber erst nachdem sie eine andere Stelle gefunden hat. Sie solle ihn niemals wiedersehen, sagt er im Beisein seiner Frau. Aber ist das wirklich so? Eine Wissenschaftlerin namens Dr. Kate Loveman (welch schöner Name für jemanden, der sich mit dem Liebesleben von Pepys beschäftigt!) hat herausgefunden, dass Deborah Willet ganz in der Nähe von Pepys gewohnt hat. Sie hat später einen Theologiestudenten geheiratet, für den Pepys noch eine Stelle als Schiffskaplan in der Royal Navy gefunden hat. Aber in den Jahren vor ihrer Hochzeit, da könnte sich der gute Samuel doch auch ein wenig um sie gekümmert haben, zumal seine Frau gerade gestorben war? So wie wir ihn kennen, hat er Deb, die ja very pretty war, nicht widerstehen können.

Man kann Pepys jederzeit lesen, man muss nur etwas Zeit mitbringen. Den meisten Lesern werden Ausgaben genügen, die aus dem Werk das wichtigste auswählen. Meine alte Everyman Ausgabe aus den fünfziger Jahren ist eigentlich schon eine hundert Jahre alte Ausgabe. Sie hat anderthalbtausend Seiten, das hat mir immer gereicht. Penguin hat eine Ausgabe mit 1.152 Seiten auf dem Markt, der Insel Verlag eine deutsche Ausgabe mit 706 Seiten. Und bei Zweitausendeins gibt es seit vier Wochen aus dem Haffmanns Verlag eine vollständige deutsche Ausgabe mit 4.416 Seiten für 169,90 €.

Kommentare:

  1. Habe das mit großem Vergnügen gelesen, zumal es wieder so erfreulich bebildert ist, Samuel Pepys war mir schon einmal aufgefallen, also hatte ich viel Freude beim Wiedertreffen.

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  2. Schöner Artikel, nur eine kleine Korrektur:

    Pepys hat keine Geheimschrift, sondern eine Kurzschrift verwendet, das System nach Shelton, wenn ich nicht irre.

    Grüße

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  3. Vielen Dank für die Korrektur. Es ist richtig, dass Pepys das gerade von Thomas Shelton erfundene System verwendete. Ich wollte das nicht komplizieren und habe deshalb von einer "Art Geheimschrift" gesprochen.

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