Sonntag, 12. September 2010

Trauer


I THAT in heill was and gladnèss
Am trublit now with great sickness
And feblit with infirmitie:—
Timor Mortis conturbat me.

Our plesance here is all vain glory,
This fals world is but transitory,
The flesh is bruckle, the Feynd is slee:—
Timor Mortis conturbat me.

The state of man does change and vary,
Now sound, now sick, now blyth, now sary,
Now dansand mirry, now like to die:—
Timor Mortis conturbat me.

No state in Erd here standis sicker;
As with the wynd wavis the wicker
So wannis this world's vanitie:—
Timor Mortis conturbat me.

Unto the Death gois all Estatis,
Princis, Prelatis, and Potestatis,
Baith rich and poor of all degree:—
Timor Mortis conturbat me.

He takis the knichtis in to the field
Enarmit under helm and scheild;
Victor he is at all mellie:—
Timor Mortis conturbat me.

That strong unmerciful tyrand
Takis, on the motheris breast sowkand,
The babe full of benignitie:—
Timor Mortis conturbat me.

He takis the campion in the stour,
The captain closit in the tour,
The lady in bour full of bewtie:—
Timor Mortis conturbat me.

He spairis no lord for his piscence,
Na clerk for his intelligence;
His awful straik may no man flee:—
Timor Mortis conturbat me.

Art-magicianis and astrologgis,
Rethoris, logicianis, and theologgis,
Them helpis no conclusionis slee:—
Timor Mortis conturbat me.

In medecine the most practicianis,
Leechis, surrigianis, and physicianis,
Themself from Death may not supplee:—
Timor Mortis conturbat me.

I see that makaris amang the lave
Playis here their padyanis, syne gois to grave;
Sparit is nocht their facultie:—
Timor Mortis conturbat me.

He has done petuously devour
The noble Chaucer, of makaris flour,
The Monk of Bury, and Gower, all three:—
Timor Mortis conturbat me.

The good Sir Hew of Eglintoun,
Ettrick, Heriot, and Wintoun,
He has tane out of this cuntrie:—
Timor Mortis conturbat me.

That scorpion fell has done infeck
Maister John Clerk, and James Afflek,
Fra ballat-making and tragedie:—
Timor Mortis conturbat me.

Holland and Barbour he has berevit;
Alas! that he not with us levit
Sir Mungo Lockart of the Lee:—
Timor Mortis conturbat me.

Clerk of Tranent eke he has tane,
That made the anteris of Gawaine;
Sir Gilbert Hay endit has he:—
Timor Mortis conturbat me.

He has Blind Harry and Sandy Traill
Slain with his schour of mortal hail,
Quhilk Patrick Johnstoun might nought flee:—
Timor Mortis conturbat me.

He has reft Merseir his endite,
That did in luve so lively write,
So short, so quick, of sentence hie:—
Timor Mortis conturbat me.

He has tane Rowll of Aberdene,
And gentill Rowll of Corstorphine;
Two better fallowis did no man see:—
Timor Mortis conturbat me.

In Dunfermline he has tane Broun
With Maister Robert Henrysoun;
Sir John the Ross enbrast has he:—
Timor Mortis conturbat me.

And he has now tane, last of a,
Good gentil Stobo and Quintin Shaw,
Of quhom all wichtis hes pitie:—
Timor Mortis conturbat me.

Good Maister Walter Kennedy
In point of Death lies verily;
Great ruth it were that so suld be:—
Timor Mortis conturbat me.

Sen he has all my brether tane,
He will naught let me live alane;
Of force I man his next prey be:—
Timor Mortis conturbat me.

Since for the Death remeid is none,
Best is that we for Death dispone,
After our death that live may we:—
Timor Mortis conturbat me


Das Gedicht von William Dunbar hat den Titel Lament for the Makers. Die Leser von Michael Innes sind jetzt im Vorteil, denn sie werden sich erinnern, dass er einen beinahe gleichnamigen Kriminalroman geschrieben hat, in dem immer wieder auf dieses Gedicht angespielt wird. ➱Michael Innes war unter seinem wirklichen Namen J.I.M. Stewart Professor in Oxford, der kannte sich in der Welt der englischen Literatur aus. Das vermittelt er dann in seinen Kriminalromanen seinen Lesern, sein Detektiv John Appleby ist ein gebildeter Mann. Das Schöne bei dieser Sorte von Detektivromanen ist, dass sie so ganz nebenbei mancherlei an Bildung vermitteln. Der Detektivroman wird so zu einer Art Bildungs-Roman für den Leser. Ich würde meinen Lesern (trotz meiner Begeisterung für Michael Innes) nun nicht unbedingt mittelenglische (in diesem Fall eher mittelschottische) Literatur zumuten, wenn ich nicht gestern in der Zeitung gelesen hätte, dass der Kieler  Professor für mittelalterliche englische Literatur Dietrich Jäger im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Der hätte mit solch einem Text keinerlei Schwierigkeiten gehabt, was normalen Lesern beinahe unverständlich ist, war sein täglich Brot.

Denn so hat die Anglistik einmal im 19. Jahrhundert angefangen, als wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Altenglischen und dem Mittelenglischen. Mit dem altenglischen Beowulf Lied und Chaucers mittelenglischen Canterbury Tales oder so schönen Dingen wie Iwain and Gawain und Sir Gawain and the Greene Knighte. Das gehörte, als ich in den sechziger Jahren studierte, noch zum Standardrepertoire des Faches, wurde selbstverständlich  im Examen abgeprüft. Heute brauchen Studenten das nicht mehr zu lernen, nicht mal mehr einen Test im Fun Trivia Quiz bestehen. Vor hundert Jahren war Ferdinand Holthausen in Kiel, dessen kommentierte Ausgabe des Beowulf ganze Generationen von Anglisten durch das Jahrhundert begleitet. Eine Professur für Mediävistik gibt es heute nicht mehr in Kiel.

Der englische Professor Sir Frank Kermode, der gerade im Alter von neunzig Jahren verstorben ist, hat in seiner wunderbaren Autobiographie Not Entitled: A Memoir beschrieben, dass man ihn mit völlig falschen Versprechungen in das Englischstudium gelockt hatte. Und was gab es dann als erstes? Sie ahnen es schon: Altenglisch und Mittelenglisch. I was not keen to learn Anglo-Saxon, but I did, der Satz hätte von mir sein können. Damals, als ich es lernen musste, habe ich es verflucht, aber wenn man sich im Beowulf und in der Artusepik auskennt, ist das doch ganz schön. Ich habe einmal auf einem Kindergeburtstag Sir Gawain and the Green Knight mit leicht veränderter Handlung zur großen Freude einer Gruppe von Fünfjährigen nacherzählt.

Nun sind tote Sprachen natürlich nicht jedermanns Sache, man kann das ja alles auch in neuenglischer Übersetzung lesen. Der Nobelpreisträger Seamus Heaney hat zum Beispiel den Beowulf vor Jahren neu übertragen und manchmal ein wenig uminterpretiert. Literatur, die älter als tausend Jahre ist, hält einiges aus. Und der englische Dichter Simon Armitage hat vor kurzem Sir Gawain and the Greene Knighte neu übersetzt. Ist dazu ganz naiv in British Museum gegangen und hat nach dem Cotton Nero A.x. Manuskript gefragt, aber ich lasse ihn mal selbst zu Wort kommen:

The lady on the desk seems torn between taking me seriously and sliding her hand towards the panic button. I'm in the reading room of the British Library and I've just asked to see the original manuscript of Sir Gawain and the Green Knight. Behind me, a couple of dozen readers, poring over ancient maps and documents, have overheard my outrageous request and have raised their eyes to just over the rim of their spectacles. The lady says, "You do realise it is one of our most priceless possessions?"

It isn't a particularly cold day in London, though when I left Yorkshire at 7am there was frost on the pavement. This is why I am wearing a heavy-duty parka, a pair of big boots, and why I am sweating. I've never been in the British Library before, and with my new membership card laminated less than an hour ago, I'm beginning to wish that was still the case. At this stage, the best course of action would be to say something like, "My name is Simon Armitage, I'm a published poet, and I've been commissioned to translate the poem." Who knows, she might even have heard of me. But instead, I have entered what is often referred to in our house as Alan Bennett mode, characterised by the outward demonstration of inadequacy and unworthiness when standing before the edifices of the establishment. So instead of speaking, I just sweat some more, and the lady on the desk, says, "There aren't a many pictures in it."

Als ich die Geschichte vor Jahren im Observer las, habe ich mich köstlich amüsiert und gleich eine Photokopie des Artikel für Dietrich Jäger gemacht. Hat ihn auch amüsiert. Wenn Sie den ganzen Artikel lesen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Simon Armitage ist kein Mediävist, er hat im Supermarkt Regale gefüllt und als Bewährungshelfer gearbeitet, bevor er Dichter wurde. Aber ebenso wie ein Professor der Mediävistik vermittelt er einen Text, der hunderte von Jahren zuvor entstanden ist (auch wenn, wie die Bibliothekarin sagt, nicht so viel Bilder drin sind), an ein modernes Publikum. Und das ist immer eine Leistung. Auch auf Kindergeburtstagen.

Man kann natürlich auch aus dieser fremden Welt etwas ganz anderes machen und sie auf eine ganz andere Weise vermitteln. Wie ein anderer Professor für Mediävistik, der sich von den Zeilen Eala Earendel engla beorhtastofer middangeard monnum sended aus dem altenglischen Cynewulf angezogen fühlte: I felt a curious thrill, as if something had stirred in me, half wakened from sleep. There was something very remote and strange and beautiful behind those words, [...] far beyond ancient English. Er wird middangeard, die Mittelerde, zu einem ganzen literarischen Kosmos ausbauen. Und er wird auch, in einem Aufsatz über Beowulf, den unsterblichen Satz formulieren: Gute Monster sind rar. Der Name des Mannes ist J.R.R. Tolkien. Hätte er sich nicht so gut in der alt- und mittelenglischen Literatur ausgekannt, dann hätten wir die Hobbits oder The Lord of the Rings nicht bekommen. Die Geburtsstunde der fantasy Literatur liegt also in der englischen Mediävistik.

Sie sehen schon, ob wir Simon Armitage oder J.R.R. Tolkien nehmen (der Gawain and the Green Knight auch übersetzt hat): das ganze Gebiet ist natürlich hochinteressant. Ich kenne mich da dank Dietrich Jäger ein klein wenig aus, denn ich habe bei ihm vor beinahe einem halben Jahrhundert zwei Hauptseminare zur mittelenglischen Literatur besucht.

Dietrich Jäger hat in Kiel, Kopenhagen und Dublin Anglistik, Germanistik, Komparatistik und Mediävistik studiert. Seine Dissertation hatte die hochmittelalterliche Epik zum Thema, seine Habilitation das germanische Heldenlied im Vergleich mit dem altenglischen heroischen Epos. Er war von 1971 bis 1993 Professor an der Christian Albrechts Universität Kiel, hat aber danach nicht aufgehört zu lehren (und zu schreiben). Noch im letzten Sommersemester hat er Kurse an der Universität angeboten. Er war Herausgeber einer international angesehenen Literaturzeitschrift, hat nach seiner Pensionierung noch drei Bücher geschrieben und hat vor Jahren noch einen Kongress über den deutschen Philosophen Ludwig Klages organisiert. Er war einer der belesensten und gebildetsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Und er bot in den Jahrzehnten seiner Tätigkeit keineswegs nur Kurse zur Mediävistik an, sondern offerierte die ganze Breite der Anglistik und Amerikanistik. Was in den sechziger Jahren häufig noch die Regel war, dass ein Professor sein Fach in seiner ganzen Breite vertrat, ist heute ja leider kaum noch zu finden. Heute sind an den Universitäten in vielen Fächern leider Leute die Regel, die sich auf sehr kleine Gebiete spezialisiert haben. Wenn man heute im Fach Anglistik damit Doktor der Philosophie werden kann, dass man das chinesische Essen in New York untersucht, dann haben ganze Generationen von Philologen etwas falsch gemacht. Die universale Bildung eines Gelehrten, wie Jäger es war, ist in den Zeiten von Pisa und Bologna ein wenig verschwunden. Von der Komparatistik, einst die Königsdisziplin der Philologie, hört man heute nicht mehr so viel. Das Fach und die Universität haben sich gewandelt, nicht unbedingt zum Besseren.

Dietrich Jäger hat niemals einen Computer besessen, auch kein Auto. Dafür ging er riesige Strecken zu Fuß und entdeckte im hohen Alter noch das Fahrrad. Er ist unbeschadet durch die sogenannte 68er Revolution gekommen, man hat ihn nie mit Farbe übergossen oder sein Büro mit dem Feuerlöscher ausgeschäumt. Er hielt, wie viele aus seiner Generation, sein Privatleben sorgfältig verborgen, eine Homepage als advertisement for myself  wäre für ihn ein Horror gewesen. Heute gibt es ja Jungprofessoren, die sich ihren eigenen Wikipedia Artikel schreiben, weil sie glauben, dass sie dann berühmt sind. Er hätte das mit seiner zurückhaltenden Bescheidenheit schreiend komisch gefunden. Er besaß sowieso einen großen Sinn für das Komische des Jahrmarkts der akademischen Eitelkeiten.

Wenn Thomas Steinfeld in seinem Buch Der leidenschaftliche Buchhalter: Philologie als Lebensform Glanz und Elend der deutsche Philologie beschreibt, dann klingt da trotz aller Gehässigkeiten gegen die Universitäten, doch auch ein Bedauern auf den Verlust der Ideale der deutschen Philologie durch. Die wären aber das einzige, sagt die schrille amerikanische Professorin Camille Paglia in Junk Bonds and Corporate Raiders: Academe in the Hour of the Wolf, was es zu verteidigen gilt. Die Abwendung in der Literaturwissenschaft von der Literatur, die Hinwendung zur Gesellschaftswissenschaft oder zu was immer, ist Dietrich Jäger ein Graus gewesen. In seinen Vorlesungen und Seminaren ging es um Literatur, um Chaucer oder Faulkner, um Wallace Stevens oder Eugene O'Neill, nicht um das Auswendiglernen unverdauter Theorie Häppchen. Er soll sehr viele Bücher besessen haben (er war auch Jahrzehnte lang zusammen mit mir Wissenschaftlicher Leiter der Fachbibliothek), was eigentlich für einen Literaturwissenschaftler selbstverständlich ist. Ich erwähne das auch nur, weil ich in den letzten Jahren gesehen habe, dass eine viel jüngere Generation heute mit ganz kleinen Buchregalen auskommt. Einmal das Billy Regal von Ikea reicht da schon völlig.

Das angeblich geheimnisvolle Privatleben eines immer korrekt gekleideten Hochschullehrers reizte eine Studentengeneration nach der nächsten zur Erfindung der wildesten Geschichten. Es wurden ihm eine Vielzahl von Liebesaffären angedichtet, und wenn jemand erzählt hätte, Dietrich Jäger hätte ein Verhältnis mit Caroline von Monaco, hätte das niemanden verwundert. Er hat das still lächelnd nie kommentiert. Auch nicht, als eine Studentin, die angeblich eine Liaison mit ihm gehabt haben soll, ihn zum Helden eines Enthüllungsromans machte. Diesem dann allerdings das caveat vorausschickte, dass die Geschichte kein Vorbild in der Wirklichkeit hätte und dass der universitäre Rahmen mit allen vorkommenden Personen fiktiv sei. Das ist ja nicht so originell wie Mark Twains Persons attempting to find a motive in this narrative will be prosecuted; persons attempting to find a moral in it will be banished; persons attempting to find a plot in it will be shot. Dem eindruckvollen Debüt der Autorin (so der Klappentext des Verlages) war kein großer Erfolg beschieden. Er reichte auch literarisch nicht annähernd an Philip Larkins Jill, Kingsley Amis' Lucky Jim oder die Romane von David Lodge heran. Der Verlag, der ansonsten mit Comics handelt, verramscht den Roman zur Zeit für einen Euro. Sic transit gloria mundi.

Der große Historiker Jürgen Kuczynski hat in seinem schönen kleinen Buch Alte Gelehrte am Ende des Buches gesagt:

Jeder alte Gelehrte, der ein kreatives Leben verbrachte, der diese und jene kleinere oder größere Wahrheit gefunden hat und auf diese Funde zurückblickt, kann sicher sein, daß diese Wahrheiten, ob später mit seinem Namen verbunden oder nicht, niemals eingesargt werden. Mögen sie auch einige Jahre den Scheintod erleiden, sie werden immer wieder lebendig werden und wenn nicht seinen Namen, so doch seinen Geist durch die Geschichte tragen. Und wer solches von sich, rückblickend auf seine Arbeiten, sagen kann, wird, trotz aller Stürme der Zeiten, in die er vielleicht sogar noch im Alter das Glück hat verwickelt zu sein, eine allen, die ihn kennen, wohltuende Souveränität, auch seinem Leben und Werk gegenüber, ausstrahlen.

Das lassen wir doch mal so stehen, das hätte ihm gefallen.

1 Kommentar:

  1. Das ist aber schön, dass Sie den Kuczynski zitieren.
    Ach, ich hätte was Ordentliches studieren sollen. ;)

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