Donnerstag, 16. September 2010

Sportjackett


Dies hübsche Teil wollte ich doch den Modefreaks zeigen, die meinen Blog immer in der Hoffnung anklicken, ich könnte mal wieder so witzig und leicht bösartig über Mode schreiben. Das wird kommen, von Zeit zu Zeit. Versprochen. Ich möchte heute einmal über einen Modetrend schreiben, den ich persönlich sehr nett finde, eine Entwicklung zu einem unstrukturierten Sportjackett, das man vielleicht besser als eine Joppe bezeichnet. In den fünfziger Jahren, als es in der tristen Adenauerzeit keine wirkliche Herrenmode gab, bin ich einmal mit meinem neuen Tweedjackett (schwarz-graues Fischgrätmuster) zu meiner Oma, um sie zu überreden, das ganze Innenleben aus dem Jackett herauszunehmen. Ich hatte das schon vorher beim Schneider meines Vaters versucht, war da aber abgeblitzt. Meine Oma war (wie viele Omas in dieser Zeit) eine Meisterin mit Nadel und Faden und mit der Nähmaschine. Sie hat mir mal ein Hemd mit blau-weißen Streifen genäht, so richtig englisch, als es in ganz Deutschland nur weiße Hemden, vorzugsweise aus dem schrecklichen Nyltest gab.

Aber diesmal weigerte sich Oma, meine modischen Vorgaben schneiderisch auszuführen, Schulterpolster und Einlagen gehörten nun mal in ein Jackett. Und das waren damals Einlagen, knallhart. Formtreu hieß eine Marke von C&A, und formtreu waren ihre Produkte. Das waren Jacketts, die man hinstellen konnte. Textile Ritterrüstungen für das Wirtschaftswunder. Die Assoziationen, die sich aufdrängten, hießen Wellblech oder Asbest. Es ist natürlich schade, dass Oma das nicht gemacht hat, denn sonst wäre Jay der Erfinder des unstructured jackets gewesen und nicht Giorgio Armani. Das muss an dieser Stelle einmal ganz klar gesagt werden.

Die Anfänge dieser Art Jackett scheinen im Norfolk Jackett des 19. Jahrhunderts zu liegen, so haben ja alle sogenannten Sportjacketts mal angefangen (und die englische Army Uniform auch). Nun ist natürlich der Gürtel um den Bauch nicht jedermanns Sache, meine schon gar nicht. Aber ich kenne jemanden, der sich von einem Schneider ein stilechtes Norfolk Jackett nach einer Illustration aus dem 19. Jahrhundert hat machen lassen. Manche Schneider der Savile Row verkaufen das auch gerne gutgläubigen amerikanischen Touristen als Inbegriff der Englishness. Wenn man den Weg in die Row scheut (das war jetzt eben Yuppiedeutsch), sollte man sich zu dem nächsten Zentrum der Englishness begeben, der Freien und Hansestadt Hamburg. Wenn Sie in der Büschstraße 9 bei ➱Rudolf Beaufays nicht fündig werden sollten, dann fällt mir zu dem Thema nix mehr ein. Der kann ja ganze Agatha Christie Verfilmungen inklusive aller Nebendarsteller ausstatten, sein Laden ist ja für viele Hamburger eine Art Gral der englischen Mode.

Aber lassen wir mal das englische Norfolk Jackett einen Augenblick beiseite, es wandert ja im 20. Jahrhundert nach Europa. Vor allem nach Italien, weil die Italiener, wenn sie nicht gerade diese kleidsamen faschistischen Uniformen tragen, sich nur an der englischen Mode orientieren. Ob sie nun ➱Cifonelli heißen oder wie immer (ein Cifonelli Junior hat ja auch mal in London gelernt), sie sind modemäßig jetzt so etwas wie die Japaner, Weltmeister im Kopieren. Aber qualitativ auf höherem Niveau. Und es gibt noch einen zweiten interessanten Weg, der die italienische sartoria beflügelt. Eine Vielzahl von italienischen Tenören verdient jetzt in Amerika ihr Geld, nicht nur Enrico Caruso. Die schicken irgendwann ihre abgelegte Luxuskleidung zu den armen Verwandten nach Italien zurück. Und die, Sie ahnen es schon, zerlegen die Anzüge Millimeter für Millimeter und lernen von der Technik der großen Meister, bei denen sich unser Italiener die Anzüge machen ließ.

Das Norfolk Jackett wird jetzt variiert, verliert den Gürtel, bekommt noch Brusttaschen, Kellerfalten, Schultersattel, Pivotfalte, Pilasterfalten, manchmal auch Lederflecken auf den Ärmel und (als shooting jacket) auch Leder an die rechte Schulter. Für Reiter wird es etwas länger, bekommt schräge Taschen und heißt dann hacking jacket, aber das ist eigentlich nur eine Variante des guten alten Tweedjacketts.

Achten Sie mal auf die ➱Ärmelknöpfe: ganz tief unten an der Ärmelkante. Machen Engländer gerne, um zu betonen, dass dies ein Maßjackett ist, bei dem an der Ärmellänge nichts geändert zu werden braucht. Wenn unsere Ärmelknöpfe erst Zentimeter über dem Ärmelende anfangen, dann liegt ja nur daran, damit es hier Platz für Änderungen gibt. Aber so nett und stylish dies hacking jacket ist, es ist nicht der Typ des Jacketts, den ich hier zu beschreiben suche. Denn das ist eher dem gamekeeper's jacket der dreißiger Jahre ähnlich, aber die tragen ja heute alle Barbour Jackets (da kann ja auch prima tote Tiere oder lebende Frettchen drin unterbringen). Man kann solche Jacketts auf italienischen Photos aus den dreißiger Jahren sehen, wo sie italienisch modifiziert in die bessere Gesellschaft gewandert sind. Giorgio Armani hat für Sean Connery (in The Untouchables) so etwas geschneidert. Natürlich ohne Schulterpolster.

Es ist mir schon klar, dass das, was ich suche, ein Retro Trend ist, etwas Nostalgisches. Aber seit Jahren taucht er beharrlich wieder auf. Wenn man modisch up to date sein will, dann trägt man solche Zwergenjäckchen wie Beckmann das tut, aber da suche ich lieber Retro. Die Südtiroler Firma Luis Trenker hatte ja in ihren Anfängen offensichtlich das Ziel, alle Jacken, die Luis in irgendeinem Film getragen hat, nachzuschneidern. Die hatten mal solche Joppen, und ich hätte auch eine gekauft, wenn sie nicht diesen dösigen Gürtel gehabt hätte. Leider macht Luis Trenker heute etwas, was modisch sicherlich fetziger ist, und sicherlich interessant für die Beckmanns dieser Welt ist. Aber nicht unbedingt für mich, ich würde lieber so etwas haben.

Die italienische Firma Capalbio macht aber noch solche Jacken, die sich an italienischen Vorbildern der Jagdkleidung der dreißiger Jahre orientieren. Ich habe eine quietscherote Cordjacke von denen, sieht toll aus. Ich habe meine ideale Jacke ja auch schon beinahe gefunden, ist von Ed. Meier in München und hat innen ein wunderbares Etikett, das offensichtlich von einem Ed. Meier Plakat aus den dreißiger Jahren stammt. Wetterschutz steht da unter einer Szene, bei der ein eleganter Bergsteiger (Luis Trenker?) einer Dame in weinrotem Kleid auf einen Berggipfel hilft. Keiner der beiden trägt eine Wetterschutz Jacke. Wenn jetzt ein Unwetter käme, wären sie für meine Jacke dankbar. Deren Futter ist nämlich grell-orange und hat einen silbernen Reflektorstreifen, wenn man das Futter nach außen trägt, entdeckt einen der Rettungshubschrauber der Bergwacht auch noch in der Nacht.

Da unten im Süden scheint, wo sich Tracht und Sportkleidung mischen, sowieso ein guter Platz für diese Sorte Jacke zu sein, die ich immer noch suche. Die Firma Seisser in München, Nachfolger von Commerzienrath Seisser’s Salon für alpine und süddeutsche Landestrachten, Arbeits- Jagd- und Reisegewänder in äechtem Loden und bairischem Bauernleinen schneidert Jacken aus einer vergangenen Zeit nach. Ich habe eine davon gesehen, die war aber leider schon weg, als ich mich nach Tagen endlich entscheiden konnte.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit der eleganten sportiven Joppe habe ich gestern Nachmittag field studies betrieben. Bin zu meinem Herrenausstatter rein, der Nummer 20 auf dieser ➱Liste (das hier ist der Besitzer Michael Rieckhof mit seinem Hund Luzie). Michael Rieckhof hat auch so eine rote Capalbio Jacke wie ich) und habe zu der netten Frau Tirtey gesagt, was ich mir so vorstellte. Die wußte sofort, was ich meinte und hat mir auch sofort alles gezeigt, auch diese ungefütterte Jacke von Luciano Barbera. Die mir aber leider nicht richtig passt, ich habe die nämlich schon mal angehabt. Aber da war doch noch so ein Teil von den Country Classics von Susanne von Dörnberg? Die haben wir Herrn XYZ verkauft, das war die letzte. Sie waren doch dabei und haben ihn beraten. Ja, das war damals ein Fehler, XYZ ist der wirklich reizende Typ, der mir meinen neuen Mac verkauft hat. Jetzt hat er diese Jacke, die meinem Ideal sehr nahe kam und ich habe sie nicht. Auf der Gralssuche nach der idealen Joppe muss ein Ritter Opfer bringen.

Bin dann noch bei Weltgewand vorbei, Second Hand und Vintage. Solche Läden liebe ich ja. In solchen Läden habe ich alles gelernt. Habe mir meine Uhrmacherlupe mitgenommen und die Innenverarbeitung von allen Luxusfirmen zentimeterweise studiert. Das war nicht so weit weg von den Verwandten der italienischen Tenöre. Aber geben Sie mir ein Jackett ohne Etikett und ich sage Ihnen, wer es hergestellt hat. Ich weiß, das ist nutzloses Wissen, wenn man nicht in der Klamottenbranche ist, aber es ist eine wunderbare Entspannung.

Früher hieß der Laden N+H Kleidermarkt und hatte Teile zu Preisen, von denen man nur träumen kann. Also ein nagelneues Kiton Cashmere Jackett für 39 Mark oder ähnliche Dinge. Als Ladage und Oelke in Hamburg abgebrannt waren, weil jemand das China Restaurant daneben abgefackelt hatte, landeten alle Burberrys hier. Kosteten 39 Mark und rochen noch nicht mal nach Feuerwehr. Aber diese tollen Dinge wurden mit der Zeit immer weniger und der Laden erlebte einen Besitzerwechsel nach dem anderen.

Jetzt heißt er Weltgewand und hat Birte Stahl (Bild) und Alexander Witte zum Besitzer. Die sind riesig nett und kennen offensichtlich jeden in der Kunst- und Kulturszene, und der Laden ist auch zu einer Art Szeneladen für Teenies geworden, die sich mit schriller Retromode verkleiden wollen (es gibt da auch getanzte Modeschauen und Straßenfeste). Der schnelle Umschlag von Luxusware mit vielleicht zweifelhafter Herkunft ist nicht mehr, es gibt auch für weibliche Teenies ein größeres Angebot als für anglophile Renter. Obgleich ich mich nicht wirklich beklagen kann, immerhin habe ich in diesem Jahr dort schon ein Kiton Jackett (Kaschmir 79 Euro) und einen erstklassigen Schneideranzug aus der Savile Row (98 Euro) gefunden. Und wenn man nichts findet wie ich gestern, bleibt einem immer noch ein geistvolles Gespräch mit Alexander Witte, der den halben bayrischen Adel und den ganzen Rest der Welt kennt. Das wiegt alles auf. Können Sie bei P+C mit jemandem über mittelalterliche Philosophie, die ➱Chiemseemaler, den Marquis de Lafayette oder den Photographen F.C. Gundlach reden?

Also nix gefunden, ich brauche auch nicht wirklich etwas, die Schränke sind voll. Der Weg ist das Ziel. Aber jetzt muss ich noch auf das Teil zurückkommen, das da oben unter der Überschrift hängt. Etro, dunkelgrün, großes Karo, wozu man im Deutschen Glencheck sagt. Die Engländer nennen es eher Glen Urquhart check oder Prince of Wales check (weil der es in den dreißiger Jahre popularisiert hat). Die Schneider haben diese Karomuster nicht so geliebt, weil es sehr viel Sorgfalt (und mehr Stoff) beim Zuschneiden erforderte. Denn für einen Schneider war das matching the checks selbstverständlich, jede Linie eines Karos musste auf einer Linie eines anderen Karos enden (und kein Knopfloch in der Vorderfront durfte auf einer Karolinie liegen). Heute stückelt die Konfektion den Mittelteil zwischen Front und Rücken irgendwie an, sieht man ja angeblich nicht. Aber die besseren Firmen halten sich  immer noch an die Maxime des matching the checks. Glücklicherweise Etro bei meinem Jackett auch.

Mein Jackett hat Blasebalgtaschen, einen kleinen Sturmriegel am Revers, Rückenschlitze und riesige patches auf dem Ärmel (aus dem gleichen Stoff). Vier Ärmelknöpfe (knöpfbar). Das ist eigentlich schon wieder zu viel des Guten, für einen eleganten Anzug ist das O.K., aber am Sportjackett reicht eigentlich einer. Machten Dunn & Co, die Könige des englischen Tweedjacketts, nur so. Mein Jackett ist aus Baumwolle, aber fingerdick und schwer, ungefüttert. Eine solche Baumwollqualität, die schon irgendwie gegen Samt oder moleskin tendiert, habe ich noch nie gefühlt. Ist ein wirklich tolles Teil, kommt dem Traumjackett schon ganz nahe. Hat mich (niegelnagelneu) bei Ebay 52 Euro und 51 Cent gekostet.

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich inspirierender Artikel. Irgendwie finde ich würde auch dieses Jackett in die oben beschriebene Reihe passen:
    https://www.lanificiocolombo.it/Collezioni/Lanificio-Colombo-collezione-uomo-autunno-inverno-2013-14_7_2_it_C.html#/0
    Es handelt sich um ein Cashmere/Seide-Jackett des italienischen Wollwebers Lanificio Luigi Colombo.

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