Dienstag, 7. September 2010

Battle of Britain


We few, we happy few, we band of brothers steht in dem Glasfenster der Royal Air Force Chapel in der Westminster Cathedral. Das sind die Worte die Shakespeares Henry V vor der Schlacht von Azincourt am St. Crispin's Day sagt. Sie sind sicher passend für die Royal Air Force, über die Winston Churchill jetzt sagt Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few. Über England tobt die Battle of Britain, und heute vor siebzig Jahren wird zum ersten Mal London bei Tag angegriffen. Die Deutschen haben es aufgegeben, die Flugplätze an Englands Südküste anzugreifen, um Englands Luftwaffe zu vernichten. Das Unternehmen Seelöwe ist gescheitert. Für den Air Vice Marshall Keith Park markiert deshalb der 7. September das Ende der Battle of BritainThe Few werden auch die Teilnehmer der Battle of Britain heißen, es gibt für sie auch einen Schlips. Aber während man sich einen Royal Air Force jederzeit im Laden kaufen kann, den kann man nicht kaufen.

Er ist dunkelblau, und darauf sind in Gold die Umrisse von England und die englische Rose der Tudors. Man kann ihn bei Gieves & Hawkes kaufen, aber man muss schon nachweisen, dass man damals dabei war. Aber solche Paraphernalia interessieren damals niemanden, es geht jetzt um das Überleben Englands. Es gibt aber noch eine andere Battle of Britain. Die finden im Geheimen statt, und es ist ein Machtkampf innerhalb der Royal Air Force, der die Ausmaße einer Shakespeare Tragödie annimmt.

Die Anfänge liegen schon in der Zeit vor dem Krieg, wenn man nicht weiß, ob man leichte, schnelle Jagdflugzeuge oder große Bomber bauen soll. Die Flugzeuge, mit denen Bomber Harris Deutschland angreifen wird, sind für die Verteidigung Englands in der Luft völlig ungeeignet. Aber auch innerhalb des Fighter Command gibt es unterschiedliche Konzepte. Air Marshall Sir Hugh Dowding setzt auf das Konzept von Air Vice Marshall Keith Park, dem die 11. Fighter Group untersteht. Park lässt seine Hurricanes und Spitfires unterstützt von englischen Radar im letzten Augenblick als Abfangjäger aufsteigen. Air Chief Marshall Trafford Leigh-Mallory setzt dagegen auf ein big wing Konzept und will seine ganze Flotte die ganze Zeit in der Luft behalten (in der Praxis funktioniert dieses System natürlich nicht). Dowding und Park setzen sich durch, und sie gewinnen damit die Luftschlacht über England. Das Bild oben zeigt einen fighter pilot der RAF, man erkennt ihn daran, dass er seinen obersten Knopf offenlässt, das sind die feinen Unterschiede, wenn es an das Sterben geht.

Dowding, der in dem Film Battle of Britain von Sir Laurence Olivier (im Krieg Reserveoffizier und Pilot bei der Marine, allerdings ohne jeden Fronteinsatz) gespielt wird, hat sicherlich einen one track mind, sein Spitzname ist Stuffy. Was er für richtig hält, setzt er konsequent durch. Er macht sich dadurch in den Ministerien eine Vielzahl von Feinden, er ist kein bisschen diplomatisch. Aber er hat seit Ende der dreißiger Jahre sein Konzept (Radar, Sprechfunk und schnelle Jagdflugzeuge) durchgesetzt. Gegen die Intrigen, die jetzt gesponnen werden, ist er machtlos. Es gehört sicherlich zum Wesen des Militärs, dass es eine Vielzahl von hochrangigen Offizieren in Whitehall, im Cabinet Office, im War Office und im Air Ministry gibt, die den ganzen Krieg über ihren Schreibtisch nicht verlassen. Die haben viel Zeit für Kabalen und Intrigen. Überhaupt keine Zeit dafür hat der Neuseeländer Keith Park, der ist die ganze Zeit mit seinem Flugzeug in der Luft. Der kennt jeden Flugplatz und jede Jagdstaffel. Er wird im Film von Trevor Howard gespielt, der mit seiner weißen Fliegerkombi richtig fesch aussieht. Der Film hält sich historisch ziemlich genau an die Wahrheit, deutet aber den Machtkampf zwischen Dowding und Leigh-Mallory nur an.

Wenn die Luftschlacht gewonnen ist, werden Dowding und Park ins Ministerium geladen und wie Angeklagte vor einem Kriegsgericht behandelt. In Anthony Powells wunderbarem Gesellschaftsbild A Dance to the Music of Time (das in zwölf Bänden die englische Gesellschaft vom Ersten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre zeigt) gibt es eine Romanfigur namens ➱Widmerpool. Eine charakterliche Ratte, der es aber im Krieg bis zum Brigadier bringt, der König der Intrigen im Cabinet Office. Bei allem, was ich über England im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, fällt mir bei diesem Augenblick, in dem Dowdings Gegner triumphieren, immer nur der Name Widmerpool ein. Anthony Powell (der sich übrigens Pole ausspricht) wußte, worüber er schrieb, er hat seinen Krieg in Whitehall verbracht.

Keith Park weiß, was die Stunde geschlagen hat, als er am 17. Oktober in den Raum des Air Ministry kommt - die wollen nicht ihn und Dowding als Helden feiern, die bloody Air-Marshals (wie Lord Beaverbrook sie nennt, der für die Produktion von Flugzeugen zuständig ist) wollen Dowdings Kopf. Jahrzehnte später hat Park gesagt: To my dying day I shall feel bitter at the base intrigue which was used to remove Dowding and myself as soon as we had won the Battle of Britain. Dowding (der der ranghöchste Offizier im Raum ist) wehrt sich nicht, er kann nicht mit diesen Whitehall Intriganten umgehen. Er bekommt später einen Telephonanruf, dass er sein Büro innerhalb von 24 Stunden zu räumen habe, dem folgt noch ein Brief, in dem steht dass das Air Ministry habe no further work to offer you. Keith Park wird auf ein nebensächliches Kommando abgeschoben (wird aber später noch eine entscheidende Rolle im Luftkrieg im Mittelmeer spielen).

Vor wenigen Jahren hat eine Memorial Campaign für Sir Keith Park begonnen, der der am wenigsten gefeierte Held Englands ist. Der Marshall of the Air Force (ein Rang, den man Dowding und Park vorenthalten hat) Lord Tedder hat über Park gesagt If ever any one man won the Battle of Britain, he did. I don't believe it is realized how much that one man, with his leadership, his calm judgement and his skill, did to save not only this country, but the world. Vielleicht sollte das heute, siebzig Jahre nach dem Ende der Battle of Britain, noch einmal wiederholt werden.

Sir Hugh Dowding (in Zivil am zweiten Jahrestag der Battle of Britain) wird noch lange leben. Er wird Bücher über Theosophie und Parapsychologie schreiben, er glaubt auch an UFOs, und die verstorbenen Piloten sind dem Spiritisten erschienen. Trotz dieser etwas spinnerten Freizeitbeschäftigung  wird unter Luftwaffenoffizieren sein Ruf über die Jahre legendär. Ein halbes Jahr vor seinem Tod hat er noch die Genugtuung, dass er bei der Vorführung des Filmes Battle of Britain (er hatte zuvor die Dreharbeiten besucht) lange standing ovations von Luftwaffenoffizieren erhielt.

Dowding und Park sind auch die Helden in Len Deightons Buch Fighter, einer der seriösesten Darstellungen der Luftschlacht von England. Dass dies Buch von jemandem kam, der als Autor von Spionageromanen wie The Ipcress File berühmt geworden war, und nicht von einem Berufshistoriker, mag auf den ersten Blick erstaunen. Aber man sollte Deighton nicht unterschätzen. Der Mann, der den ersten Schreibcomputer in England besaß, kann recherchieren und Fakten sammeln. Und er hat 1970 mit seinem Roman Bomber (einer Art non-fiction novel) gezeigt, dass er eine Menge von der Royal Air Force versteht (in der er von 1946 bis 1949 selbst gedient hatte). Der berühmte englische Historiker A.J.P. Taylor hatte ihn gedrängt, dieses Buch zu schreiben, in dem Deighton die Erlebnisse von hunderten von Überlebenden der Luftschlacht verwendet hat. Über den Kiwi war hero Keith Rodney Park gibt es eine neuere Biographie von dem neuseeländischen Historiker Vincent Orange (der auch Biographien über Dowding und Tedder geschrieben hat). Kurze, aber hervorragende Lebensläufe aller Beteiligten finden sich in dem von Hew Strachan edierten Band Military Lives (Oxford University Press 2002), einer Auswahl der besten Artikel aus dem Dictionary of National Biography.


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