Mittwoch, 1. September 2010

Blaise Cendrars


Tu m'as dit si tu m'écris
Ne tape pas tout à la machine
Ajoute une ligne de ta main
Un mot un rien oh pas grand chose
Oui oui oui oui oui oui oui oui
Ma Remington est belle pourtant
Je l'aime beaucoup et travaille bien
Mon écriture est nette est claire
On voit très bien que c'est moi
qui l'ai tapée
Il y a des blancs que je suis seul à savoir faire
Vois donc l'oeil qu'à ma page
Pourtant, pour te faire plaisir j'ajoute à l'encre
Deux trois mots
Et une grosse tache d'encre
Pour que tu ne puisses pas les lire
.

Lettre heißt das Gedicht. Er solle nicht alles mit der Maschine schreiben, wenn er ihr schreibt, sagt seine Geliebte. Aber was wäre der Dichter ohne seine Remington Schreibmaschine? Er erwähnt sie immer wieder (die Geliebte auch). Er erwähnt auch mehrfach in seinem Werk seinen Larousse de poche, weil er ohne den keine Zeile schreiben könne, ohne fünfzehn Fehler zu machen. Und dann die Leerzeilen, die ihm niemand nachmacht. Und den dicken Tintenklecks, damit die Geliebte den Liebesbrief nicht lesen kann. Er schreibt die schönsten Liebesgedichte der Welt.

Quand tu aimes il faut partir
Quitte ta femme quitte ton enfant
Quitte ton ami quitte ton amie
Quitte ton amante quitte ton amant
Quand tu aimes il faut partir

Le monde est plein de nègres et de négresses
Des femmes des hommes des hommes des femmes
Regarde les beaux magasins
Ce fiacre cet homme cette femme ce fiacre
Et toutes les belles marchandises

II y a l'air il y a le vent
Les montagnes l'eau le ciel la terre
Les enfants les animaux
Les plantes et le charbon de terre

Apprends à vendre à acheter à revendre
Donne prends donne prends
Quand tu aimes il faut savoir
Chanter courir manger boire
Siffler
Et apprendre à travailler

Quand tu aimes il faut partir
Ne larmoie pas en souriant
Ne te niche pas entre deux seins
Respire marche pars va-t'en

Je prends mon bain et je regarde
Je vois la bouche que je connais
La main la jambe l'œil
Je prends mon bain et je regarde

Le monde entier est toujours là
La vie pleine de choses surprenantes
Je sors de la pharmacie
Je descends juste de la bascule
Je pèse mes 80 kilos
Je t'aime


Kennen Sie einen Dichter, der auf die Waage steigt, um festzustellen, dass er achtzig Kilo wiegt, bevor er in der letzten Zeile des Gedichts Je t'aime sagt? Das ist der Mann, der sein Auto mit einem Seil an zwei Kiefern festbindet, damit es nicht den steilen Hang von dem kleinen Chateau l'Escayrol herunterrollt. Er hat es gemietet, weil er da aufs Meer schauen kann, bis Cape Couronne und Porte-Saint-Louis. Unser Dichter liebt das Meer. Die Einheimischen bewundern ihn, weil er der einzige ist, der mit seinem Sunbeam den Berg herauf und wieder herunterkommt. Später wird er einen Alfa-Romeo fahren (oben), den er Georges Braque für 1.000 Francs abgekauft hat. Das Auto ist ein fahrender Braque, weil der Künstler ihn eigenhändig bemalt hat. Er kennt viele Maler, sein Freund Modigliani wird ihn malen. Bevor er 1910 nach Paris kommt, ist er schon überall gewesen. Mit sechzehn ist er von zuhause fortgelaufen, wird Angestellter bei dem Schweizer Juwelier und Uhrmacher Henri Albert Leuba in St. Petersburg. Das hätte er in der Uhrmacherstadt La-Chaux-de-Fonds, wo er geboren wurde, einfacher haben können. In St. Petersburg hat er angefangen zu schreiben, und er hat dort seine spätere Frau Fela kennengelernt. Dann ist er in die Schweiz zurückgekehrt, hat Medizin studiert. Es hat ihn aber nicht lange in Bern gehalten, 1911 ist er in New York. Da schreibt er Les Pâques à New York, das erste Gedicht, das er mit Blaise Cendrars unterschreibt, nicht mehr mit seinem Geburtsnamen Frédéric-Louis Sauser. Ostern in New York endet mit:

Seigneur, je rentre fatigué, seul et très morne ...
Ma chambre est nue comme un tombeau ...
Seigneur, je suis tout seul et j'ai la fièvre ...
Mon lit est froid comme un cercueil ...
Seigneur, je ferme les yeux et je claque des dents ...
Je suis trop seul. J'ai froid. Je vous appelle ...
Cent mille toupies tournoient devant me yeux ...
Non, cent mille femmes ... Non, cent mille violoncelles ...
Je pense, Seigneur, à mes heures malheureuses ...
Je pense, Seigneur, à mes heures en allées ...
Je ne pense plus à Vous. Je ne pense plus à Vous.


Das Gedicht macht ihn berühmt, beeinflusst Guillaume Apollinaire, mit dem er jetzt befreundet ist. Wenig später geht er in die Fremdenlegion, verliert in der Somme Schlacht seinen rechten Arm. Jetzt muss er mit links schreiben, da kommt ihm die Remington gerade recht. Er rollt sich auch seine Zigaretten mit links. Das fällt Hemingway auf, der mag Cendrars nicht. Er sagt gehässige Dinge über ihn in A Moveable Feast. Aber das ist nur Neid, weil Cendrars das ist, was Hemingway gern wäre. Among all living writers he is the one who has lived the most, lived the fullest. Beside him, for example, Hemingway is a Boy Scout, hat Henry Miller gesagt. Es gibt nur wenige originelle Dichter wie ihn, wenn man Cendrars liest, wird man Rilkes Lyrik für schales Gewäsch halten. Leider ist Blaise Cendrars heute ein wenig vergessen. Aber wenn man ihn einmal gelesen hat, kann man ihn nicht vergessen. Nie wieder. Habe ich etwa die Geschichte mit dem Auto auf dem Berg vergessen, die ich vor fünfunddreißig Jahren gelesen habe?

Blaise Cendrars ist heute am 1. September im Jahre 1887 geboren worden, er starb 1961 in Paris, kurz nachdem er den Großen Literaturpreis der Stadt Paris bekommen hatte. Zum Kommandeur der Légion d'Honneur hatte André Malraux ihn im Jahr davor gemacht. Das war ja auch das Mindeste, was der Schriftstellerkollege für ihn tun konnte.


Man kann Blaise Cendrars jederzeit lesen, es gibt seine Bücher noch zu kaufen. Meine schöne zweisprachige Ausgabe der Gedichte vom Ende der siebziger Jahre beim Arche Verlag in Zürich gibt es leider nicht mehr. Dafür gibt es aber seit einigen Jahren Ich bin der Andere: Gesammelte Gedichte, herausgegeben von Claude Leroy. Und übersetzt von Peter Burri, der Romanautor und ehemalige Kulturredakteur des Schweizer Rundfunks hatte schon 1986 einen Band Cendrars entdecken herausgegeben. Es gibt eine 614-seitige Biographie von Cendrars Tochter Miriam über ihn, aber ich weiß wirklich nicht, ob man die empfehlen kann. Es ist weniger eine Biographie als eine Art Roman, oder eine Art Drehbuch, sehr konfus. Poetisch sein wollend, aber nicht wirklich poetisch. Offensichtlich mögen die Franzosen sowas, denn das Buch hat einen Preis von der Académie Française bekommen. Da sollte man lieber die autobiographischen Erzählungen wie zum Beispiel L'homme foudroyé, La main coupée und Bourlinguer lesen, macht mehr Spaß.

Ich gebe jetzt mal Henry Miller (zitiert aus The Books in My Life) das Schlusswort, weil ich es nicht besser sagen kann: Read him! I say. Read him, even if at the age of sixty you have to begin to learn French: Read him in French, not in English. Read him before it is too late, for it is doubtful if France will ever again produce a Cendrars.

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