Mittwoch, 8. Mai 2019

Wiederholungen


Aber nicht alle drei Tage, sagte sie. Dann einmal im Monat, sagte ich. Hmmm, sagte sie. Das Hmmm war eher ein Ja als ein Nein. Wir redeten nicht über Sex. Wir redeten über das nächtliche Telephonieren. Früher haben wir mal jede Nacht telephoniert, ich höre ihre Stimme gerne, sie hat so etwas Vertrautes. Den Klang von Heimat und Jugend. Was ist die Jugend? Ein Traum. Was ist die Liebe? Der Inhalt eines Traumes. Hat Sören Kierkegaard gesagt, er hat viel zur Liebe gesagt, aber er ist mit seiner Liebe zu Regine Olsen nicht glücklich geworden. Mancher Philosoph ist durch Frauengeschichten aus seiner Bahn geworfen worden. Seltener ist es, das einer durch eine Frau überhaupt erst auf die Bahn gerät. Und dies nicht durch eine bedeutende Dame von Welt, sondern durch ein einfaches Bauernmädchen von ganzen fünfzehn Jahren. Eben dies widerfährt Sören Kierkegaard. Denn ohne Regine Olsen wäre er nicht geworden, was er geworden ist, und hätte er nicht geschrieben, was er geschrieben hat.

Wir telephonierten damals nachts, weil es bei der Post einen Nachttarif gab. Also in diesem damals, als es noch gelbe Telephonzellen gab, einen Postminister und Zinsen aufs Sparbuch. Wenn wir am selben Ort waren, brauchten wir nicht zu telephonieren. Dann konnten wir das andere tun, mindestens alle drei Tage. Irgendwann über die Jahre hörten wir auf, jede Nacht zu telephonieren; wir entglitten uns, tout doucement, sans faire de bruit. Es gab keine Nachttarife mehr und auch keinen Postminister. Man brauchte keine langen Telephonkabel mehr, es gab schnurlose Telephone. Doch bei allem technischen Fortschritt fehlte mir etwas. Ihre Stimme.

Es war noch nicht so schlimm wie in Dorothy Parkers Erzählung A Telephone Call, wo es heißt: Please, God, let him telephone me now. Dear God, let him call me now. I won't ask anything else of You, truly I won't. It isn't very much to ask. It would be so little to You, God, such a little, little thing. Only let him telephone now. Please, God. Please, please, please. Nein, so schlimm war es nicht, aber ich habe dieses Harmoniebedürfnis, das zurück möchte in den Traum der Jugend. Da bin ich wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman, der Can't repeat the past? Why of course you can! sagt. Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Das ist nicht Kierkegaard, das schreibt in Les Liaisons Dangereuses der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Der Verbalerotiker Kierkegaard wird das Buch gekannt haben, denn sein Buch Tagebuch des Verführers erscheint wie eine Variation zu Choderlos de Laclos.

Kierkegard hat uns zum Thema der Wiederholung auch etwas zu sagen: Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen ‚Erinnerung‘ war. So wie diese damals lehrten, dass alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, dass das ganze Leben eine Wiederholung ist. Das schreibt er in Die Wiederholung, einer kleinen Erzählung, die er als einen Versuch in der experimentierenden Psychologie bezeichnet. Sie ist nichts als die philosophische Aufarbeitung seiner Liebe zu Regine Olsen, die ihn verlassen und sich neu verlobt hat.

Die Liebe der Wiederholung ist in Wahrheit die einzig glückliche, sagt Kierkegaards Erzähler Constantin Constantinus. Sie kennt ebensowenig wie die Erinnerung die Unruhe der Hoffnung, nicht die beängstigende Abenteuerlichkeit der Entdeckung, aber auch nicht die Wehmut der Erinnerung, sie hat des Augenblicks selige Sicherheit. Die Hoffnung ist ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend, man hat es jedoch niemals angehabt, und weiß darum nicht, wie es einen kleiden wird oder wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr paßt, da man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unverschleißbares Kleid welches fest und zart sich anschmiegt, weder drückt noch schlottert.... Die Wiederholung ist ein geliebtes Eheweib, dessen man niemals leid wird.

Die Ansichten von Kierkegaards romantischem Helden Constantin werden konterkariert durch den kommentierenden ironischen Sören Kierkegaard. Zwischen Kierkegaards Bruch mit Regine und der Niederschrift von Die Wiederholung liegen zwei Jahre. Zwischen unserem nächtlichen Telephonieren und den Telephongesprächen jetzt liegen fünfzig Jahre. Je t'aimais tant, tu étais si jolie, comment veux-tu que je t'oublie? Wir wissen, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können. Doch was immer das Hmmm damals bedeutete, wir telephonieren wieder. Nicht alle drei Tage. Aber immer nachts. Reden ist Silber, Schweigen ist Blei, niemand weiß das besser als der Autor von À la recherche du temps perdu. Das letzte Mal haben wir eine dreiviertel Stunde geredet, das Mal davor war es eine Stunde. War alles, alles wieder gut! Alles! Alles, Lieb und Leid. Und Welt und Traum! Es wäre an der Zeit, dass sie mal wieder anruft. Damit ich diese Stimme mit der leisen Ironie wieder hören kann. Sprich, damit ich dich sehe.

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