Sonntag, 27. Dezember 2015

Michel Piccoli


Weshalb er in The Lines of Wellington mitgespielt hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wollte er ➱Catherine Deneuve Gesellschaft leisten, die sich auch in diesen ➱Zelluloidschrott verirrt hatte. Aber vielleicht hat ihn das auch gereizt, er liebt ja kleine Rollen in Filmen zu spielen. Wie in Hitchcocks Topaz, wo er als Doppelagent agiert. Zugegeben, der Filmtod von Karin Dor (lesen Sie ➱hier mehr) ist gut gemacht. Ist aber nichts gegen die Szene, in der es Piccoli klar ist, dass er enttarnt worden ist. Er verlässt den Saal, geht still nach Hause und bringt sich um. Topaz ist einer der schlechtesten ➱Filme von Hitchcock, oder wie der Telegraph schrieb:

This really is the low point, without even star value to get us through a limply tortuous plot: it's about the uncovering of a Soviet spy in General de Gaulle's retinue. Save for a single overhead view of Karin Dor being shot, her purple dress spilling out in a lifeless pool beneath her, all imagination was absent, and the ending had to be recut in total desperation, without a shred of suitable footage to imply Michel Piccoli's suicide. Hitchcock blew this one, and knew it. Truffaut Fans gucken sich diesen Film natürlich nur wegen ➱Claude Jade an.

Michel Piccoli war elf Jahre mit ➱Juliette Gréco verheiratet (aus der ersten Ehe mit Éléonore Hirt hat er eine Tochter), jetzt ist er seit fünfunddreißig Jahren mit Ludivine Clerc verheiratet. Die der Wikipedia Artikel als Großgrundbesitzerin bezeichnet. Das mag sie auch sein, aber sie ist auch Drehbuchautorin und Schauspielerin, das sollte man nicht unterschlagen.

Er war immer mit schönen Frauen zu sehen, er hat gerne mit Romy Schneider zusammen gespielt, wie in Die Dinge des Lebens, Das Mädchen und der Kommissar oder hier in Trio infernal (und noch in anderen Filmen). Ich fand Sautets Melodram Die Dinge des Lebens damals ziemlich kitschig (finde ich wahrscheinlich heute noch). Es war für mich auch eine Enttäuschung, weil Sautet wenige Jahre zuvor einen klassischen Gangsterfilm wie Der Panther wird gehetzt mit Lino Ventura gedreht hatte (zu Lino Ventura gibt es hier einen Post). Aber Piccoli mochte Sautet und drehte viele Filme mit ihm.

Sautets ➱Film Vincent, François, Paul und die anderen mochte ich allerdings, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ➱Yves Montand da mitspielte. Von diesem Film hat es mal ein amerikanisches Re-Make gegeben, wo Richard Gere die Rolle von Michel Piccoli spielt. Gere kann man vergessen, aber die rothaarige Lolita Davidovich war auch in dem Film, und die vergisst man natürlich nicht. Piccoli war am Anfang seiner Karriere mit Bunuel berühmt geworden, und Bunuel ist eine ganz andere Sache als Sautet mit seinen love stories. Aber die Franzosen lieben das Erzählkino mit seinen Geschichten.

In ➱Claude Lelouchs Komödie Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung bringt eine Figur den schönen Satz: der amerikanische Film erzählt eine kleine Geschichte mit riesigen Mitteln, der französische Film erzählt eine riesige Geschichte mit kleinen Mitteln. Und das wird er immer wieder tun. Schauen Sie doch einmal in diese wunderbare ➱Szene von Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung, dann wissen Sie, weshalb die Franzosen diese Sorte Film immer wieder drehen werden. Truffaut hatte schon recht: Le cinéma c'est de l'art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes.

Wenn Piccoli bei Sautet auch gradlinige Charaktere spielt, ist er doch in vielen anderen Filmen immer ein wenig zwielichtig. So wie hier in Belle de Jour: äußerlich der korrekte Bourgeois, aber doch geheimnisvoll, hintergründig. Er hat einmal gesagt, er würde gerne so spielen wie Munch malte. Er liebt es, seine Rollen mit ein wenig Theorie zu untermauern, er hat in Interviews viel über seine Rollen und seine Filme gesagt. Sie können auf dieser Seite der ➱Cahiers du Cinéma ein langes ➱Interview mit ihm lesen.

In Godards Le Mépris (Die Verachtung) hatte er seine erste Hauptrolle. Wir sehen ihn hier nackt mit Hut in der Badewanne, ➱Brigitte Bardot (die seine Ehefrau spielt) trägt eine Perücke. Er spielt einen Drehbuchautor in der Krise, so wie Godard in den sechziger Jahren ständig in einer Krise zu sein scheint. Ich habe an meinen Figuren oft bemerkt, dass ich eigentlich den Regisseur spiele. Die Regisseure delegieren ihr Geheimnis an mich, hat er einmal gesagt. Für Le Mépris gilt das auf jeden Fall.

Truffaut hatte keine großen Aversionen gegen Hollywood. Dort hat er 1962 Hitchcock interviewt, woraus dann sein großartiges Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? entstand ist. Und er flog nach Hollywood, um in Close Encounters of the Third Kind mitzuspielen. Godard dagegen weigerte sich vor fünf Jahren, den Ehrenoscar in Hollywood anzunehmen. Auf die Frage Why don’t you attend the award ceremony? antwortete er: I don’t have a visa for the US and I don’t want to apply for one. And I don’t want to fly for that long. Mit Michel Piccoli (hier mit Emmanuelle Béart in Die schöne Querulantin) hätte Hollywood nichts anfangen können. Topaz bleibt sein einziger Hollywoodfilm.

Mein Lieblingsfilm mit Piccoli, da brauche ich nicht lange nachzudenken, ist Eine Komödie im Mai (Milou en Mai). Ich glaube, es ist auch die einzige DVD mit ihm, die ich habe. Stimmt nicht ganz, da er mit einer Nebenrolle in Der Teufel mit der weißen Weste (Le Doulos) von Jean Pierre Melville auftaucht, und diesen ➱Regisseur habe ich komplett. Louis Malles Film Eine Komödie im Mai hat hier schon einen Post, der ➱Mai-Unruhen heißt.

Der französische Schauspieler Jacques Daniel Michel Piccoli wird heute neunzig Jahre alt. Seit siebzig Jahren ist sein Gesicht auf der Leinwand zu sehen, mehr als zweihundert Filme hat er gedreht. Arte TV lässt ➱hier seine Karriere in 5 Minuten und 28 Sekunden ablaufen. Und ich gratuliere ihm natürlich ganz herzlich. Und falls Sie noch mehr französischen Film haben wollen, könnten Sie ja einmal hier hineinschauen:


Waltz into Darkness, ➱Spielregeln, ➱Jacqueline Bisset, ➱Et Dieu… créa la femme, ➱Fanny Ardant, ➱Mireille Darc, ➱Katharine Ross, ➱Arletty, ➱Uschi Glas, ➱François Truffaut, ➱Bertrand Tavernier, ➱Fahrstuhl zum Schafott, ➱Alain Resnais, ➱Mai-Unruhen, ➱Henri Langlois, ➱Bourgeoisie, ➱Roman Polanski, ➱Michel Legrand, ➱Jacques Tourneur, ➱Ma Nuit Chez Maud, ➱La vie de chateau, ➱temps perdu, ➱Lastkraftwagen, ➱Aimez-vous Brahms?, ➱Bonnie und Clyde, ➱Robbe-Grillet, ➱Yves Montand, ➱Jean Gabin, ➱Lino Ventura, ➱Jean Desailly, ➱Jean-Louis Trintignant, ➱Mundharmonika, ➱Menschen am Sonntag, ➱Fantasy, ➱Blazer, ➱Raffaele Caruso, ➱Kulturwandel, ➱Paris, ➱Paris, Sommer 1959, ➱Sabbelkino, ➱Piloten, ➱Ray Bradbury, ➱Jacques Tourneur, ➱Angie Dickinson, ➱Steve Cochran, ➱Two-Lane Blacktop

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen