Donnerstag, 10. Dezember 2015

Borges


Jorge Luis Borges konnte Altenglisch, eine Sprache, die in diesem Blog häufig erwähnt wird. Es gibt sogar einen Post, der einen altenglischen Namen hat, er heißt ➱ythlaf. Jorge Luis Borges konnte auch deutsche Texte lesen. In einem Interview mit The Paris Review hat er auf die Frage You have often spoken of the people who have influenced you, like De Quincey geantwortet: De Quincey greatly, yes, and Schopenhauer in German. Yes, in fact, during the First World War, I was led by Carlyle—Carlyle: I rather dislike him: I think he invented Nazism and so on, one of the fathers or forefathers of such things—well, I was led by Carlyle to a study of German, and I tried my hand at Kant's Critique of Pure Reason. Of course, I got bogged down as most people do—as most Germans do. Then I said, “Well, I'll try their poetry, because poetry has to be shorter because of the verse.” I got hold of a copy of Heine's 'Lyrisches Intermezzo' and an English-German dictionary, and at the end of two or three months I found I could get on fairly well without the aid of a dictionary.


Ich finde es sehr sympathisch, dass ein gebildeter Mann wie Borges Kant nicht lesen kann und lieber Schopenhauer liest. Geht mir auch so. Deutsch lernen mit Heinrich Heine (der ihm seine Nachtigallenpracht gab), warum nicht. Mehrfach haben Leser ihr Erstaunen geäußert, in diesem Blog nichts über Borges zu finden. Eine diese Äußerungen steht als Kommentar am Ende des Posts ➱Rottach-Egern (das ist neben ➱Der wissenschaftliche Witz auch der einzige Post, in dem Borges auftaucht). Viele Leser glauben, ich sei ein Seelenverwandter von Borges, viele meiner Freunde schenken mir immer wieder Bücher von Borges. Ich lese das alles, doch ich kann zu dem großen Borges wenig sagen. Seine Ausflüge in die Phantastik sind nichts für mich, ich habe schon in meinem Post ➱Fantasy meine Abneigung gegen dies Genre geäußert. Manche Autoren bleiben mir fremd. 

Aber damit mal ein klein wenig Borges in meinen Blog kommt, habe ich heute doch etwas, über das ich letztens beim Lesen gestolpert bin. Es ist ein Gedicht von Jorge Luis Borges, das Lob der deutschen Sprache heißt. Ich finde es sehr schön:

Die kastilische Sprache ward mir zum Schicksal,
Franzisco de Quevedos Bronze,
aber auf dem langen Weg durch die Nacht;
erheben sich andre, intimere Musiken.
Eine wurde mir aus dem Blute geschenkt -
o Stimme Shakespeares und der Schrift-
andere durch Zufall, der freigebig ist.
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.
Meine Nächte sind mit Virgil angefüllt;
so sagte ich einmal;
ich könnte aber auch gesagt haben:
mit Hölderlin und Angelus Silesius.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht;
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd;
Keller die Rose, gelegt von der Hand
in die eines Toten, der die Blume liebte
und der nie wissen wird, ob sie weiß oder rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk;
die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
gewahre ich Dich in der Ferne;
unscharf wie die Algebra und den Mond!

Das Gedicht findet sich in dem letzten Gedichtband des Autors El Oro de los Tigres (1972). Es wurde von Franz Nidermayer übersetzt. Das Original gibt es hier natürlich auch:

Mi destino es la lengua castellana,
El bronce de Francisco de Quevedo,
Pero en la lenta noche caminada,
Me exaltan otras músicas más íntimas.
Alguna me fue dada por la sangre-
Oh voz de Shakespeare y de la Escritura-,
Otras por el azar, que es dadivoso,
Pero a ti, dulce lengua de Alemania,
Te he elegido y buscado, solitario.
A través de vigilias y gramáticas,
De la jungla de las declinaciones,
Del diccionario, que no acierta nunca
Con el matiz preciso, fui acercándome.
Mis noches están llenas de Virgilio,
Dije una vez; también pude haber dicho
de Hölderlin y de Angelus Silesius.
Heine me dio sus altos ruiseñores;
Goethe, la suerte de un amor tardío,
A la vez indulgente y mercenario;
Keller, la rosa que una mano deja
En la mano de un muerto que la amaba
Y que nunca sabrá si es blanca o roja.
Tú, lengua de Alemania, eres tu obra
Capital: el amor entrelazado
de las voces compuestas, las vocales
Abiertas, los sonidos que permiten
El estudioso hexámetro del griego
Y tu rumor de selvas y de noches.
Te tuve alguna vez. Hoy, en la linde
De los años cansados, te diviso
Lejana como el álgebra y la luna.

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