Samstag, 23. August 2014

Vera Miles


Nebenrollen sind ihr Schicksal. Und sie ist gut in Nebenrollen. Als Laurie Jorgenson in John Fords The Searchers oder als Schwester von Janet Leigh in Psycho. Sie hatte 1956 in dem Hitchcock Film The Wrong Man die Hauptrolle gespielt, und Hitchcock wollte sie zu seinem neuen Star aufbauen. Das ist nun ein klein wenig pathologisch von Hitchcock, dass er glaubt, alle Blondinen seien seine Geschöpfe. Tippi Hedren (der Star aus The Birds) kann da böse Geschichten erzählen.

Hitchcock kommt sich großartig vor in der Rolle eines Svengali, eines Pygmalion. Er überwacht das Leben von Vera Miles, er zensiert die Photos, die an die Öffentlichkeit gelangen. Keine cheesecake ➱Aufnahmen mehr, der Werbevertrag mit Lux Seife gefällt ihm auch nicht. Die Kostümdesignerin ➱Rita Riggs hat über die Transformation gesagt: The sort of education one got from Mr. Hitchcock and Miss Head in publicity and the presentation of a new personality, one could not get anywhere else in the world. Although Vera was a lovely girl, she was far too intelligent to be an actress, and too independent to be anyone’s Trilby.

Sie wäre James Stewarts Partnerin in Vertigo geworden. Hitchcock hatte schon zusammen mit Edith Head (die mehr Oscars erhalten hat als jeder Hollywood Star) die Kostüme für sie entworfen, da sagte sie ihm, dass sie schwanger sei und den Film nicht machen wolle. Daraufhin marschierte Hitchcock wenig später unangemeldet in die Garderobe von Kim Novak und sagte ihr, sie sei sein neuer Star. Und die Kostüme für sie hätte er auch schon. Er hatte dann allerdings nur Ärger mit ihr. Und das geschieht ihm recht: Hitchcock didn’t like having me in his picture and he felt I was ruining it. It was only after the film was finished that I heard how much he thought I’d wrecked his picture. I felt I did a lot of good work in that movie, and I got some of the best notices of my career. But Hitchcock couldn’t blame himself, so he blamed me.

In Truffauts Buch Le Cinéma selon Alfred Hitchcock (das es auch auf deutsch und englisch gibt) sagt Hitchcock auf die Frage nach Vera Miles: She became pregnant just before the part that was going to turn her into a star. After that, I lost interest. I couldn't get the rhythm going with her again. ➱Truffaut hakt an dieser Stelle nicht nach und geht zu dem Film Vertigo über. Was Hitchcock die Gelegenheit gibt, über Kim Novak herzuziehen. He has never complimented me, or even told me why he signed me, sagte Vera Miles schon vor dem Bruch mit Hitchcock (der sie dennoch in Psycho in einer Nebenrolle wieder vor die Kamera holte). 

Es war übrigens Vera Miles' dritte Schwangerschaft, die Hitchcock mit den Worten Don’t you know it’s bad taste to have more than two? ganz uncharmant kommentierte. Vera Miles hat ziemlich cool gesagt: Hitchcock got his picture, I got a son. Sie hat ihr Verhältnis (hier 1957 für die Presse inszeniert) relativ leidenschaftslos gesehen: Over the span of years, he's had one type of woman in his films, Ingrid Bergman, Grace Kelly and so on. Before that, it was Madeleine Carroll. I'm not their type and never have been. I tried to please him, but I couldn't. They are all sexy women, but mine is an entirely different approach.

Vielleicht hätte sie da bleiben sollen, wo sie angefangen hatte. Hier ist sie an der Seite von Joel McCrea in dem Western Wichita von Jacques Tourneur, einem wirklich stilvollen Western. Aber mit Western wird man nicht berühmt, es sei denn, man heißt Grace Kelly und spielt an der Seite von Gary Cooper in High Noon. Ein Film, der in Deutschland den Zusatz Edelwestern bekommt. Jens-Ulrich Davids war einer der ersten in Deutschland, der wissenschaftlich seriös in seinem Buch Das Wildwest-Romanheft in der Bundesrepublik: Ursprünge und Strukturen über den Film geschrieben hat.

High Noon ist kein wirklich guter Film, der Film 3.10 to Yuma von Delmer Daves (das Original, nicht das schrottige Remake), der ein ähnliches Thema hat, ist viel besser. Der Film war nur ein Starvehikel für Grace Kelly und Gary Cooper. Howard Hawks hatte schon recht, als er sagte: I made 'Rio Bravo' because I didn't like 'High Noon'. Neither did Duke. I didn't think a good town marshal was going to run around town like a chicken with his head cut off asking everyone to help. And who saves him? His Quaker wife. That isn't my idea of a good Western. Grace Kelly wäre sicher prima in der Rolle als Miss Molly Stark Wood in The Virginian gewesen (seit es den Roman von Owen Wister gibt, gibt es blonde Lehrerinnen im Western), aber als Gary Cooper The Virginian drehte (einen der ersten Tonfilme), da wurde Grace Kelly gerade geboren.

Der Regisseur John Ford, dem Vera Miles zwei gute Rollen verdankt, hat nicht nur gesagt My name’s John Ford. I make Westerns. Er hat dem noch hinzugefügt: I don’t think there’s anyone in this room who knows more about what the American public wants than Cecil B. DeMille — and he certainly knows how to give it to them. But I don’t like you, C.B. I don’t like what you stand for and I don’t like what you’ve been saying here tonight. Das sind die dunklen Tage von Hollywood, die Tage von Senator ➱McCarthy und dem HUAC Ausschuss. Für John Ford spielte Grace Kelly keine große Rolle. Sie wirkt in Mogambo mit, und sie hat ihren Teil dazu beigetragen, dass dies der schrottigste Film von John Ford wurde.

Man muss mehr haben als ein hübsches Gesicht, um in einem John Ford Film zu reüssieren. Obwohl sich Joanne Dru im Alter beklagte, dass man sie auf Western festgelegt habe und sie überhaupt keine Pferde mochte, verdankt sie drei ihrer größten Rollen den Filmen, die auch zu den Höhepunkten des Genres zählen: Howard Hawks Red River (1948) und John Fords She Wore a Yellow Ribbon (1949) und Wagon Master (1950). She Wore a Yellow Ribbon hat übrigens ➱hier schon einen Post. In keinem der drei Filme hätte Grace Kelly bestehen können. Die konnte man nur in High Society als schlechte Imitation von Katherine Hepburn gebrauchen. Lesen Sie ➱hier mehr.

Und sie wäre auch niemals ein Ersatz für Maureen O'Hara gewesen, die in fünf Filmen von John Ford (hier in Rio Grande) mitspielt. Meistens an der Seite von Wayne, mit dem sie nicht nur auf der Leinwand eine Liebesbeziehung hatte. Nach dem Tod von John Wayne und John Ford hat Maureen O'Hara einmal über den Duke gesagt: Do I miss him? Oh, God, yes. There are so many times I’d like to call Duke, or the old boy [John Ford] to ask their advice, ask them what they think. But I had a wonderful life with them. Sometimes I wondered what they liked about me, and then I realized I was the only female man left in their lives. Den letzten Satz finde ich ganz wunderbar. Maureen O'Hara (die vor wenigen Tagen 94 wurde) hat ➱hier natürlich längst einen Post.

Als John Ford die ersten Aufnahmen von Vera Miles sah, sagte er That's a great American face from Pratt, Kansas! Er hatte die Miss Kansas von 1948 schon vor Hitchcock entdeckt und 1955 den kleinen Film Rookie of the Year für die Sendung Screen Directors Playhouse mit ihr gedreht. Da war er schon entschlossen, ihr die Rolle der Laurie Jorgenson in The Searchers (zu dem Film gibt es ➱hier mehr) zu geben. Dass sie einen schwedischen Namen trägt (wie auch in The man who shot Liberty Valance, wo sie Hallie Ericson heißt) bedeutet nicht, dass John Ford von der allgemeinen Begeisterung für ➱Schwedinnen angesteckt wurde. Er hat nur gerne alle Nationen in seinem Mikrokosmos von Amerika, den er auf der Leinwand präsentiert. Und natürlich gab es auch genügend schwedische (und deutsche) Einwanderer im Westen, noch in Stephen Cranes The Blue Hotel kommt ja ein Schwede vor.

Am Ende des Filmes, da wo James Stewart (für Jimmy Stewart Fans gibt es ➱hier einen langen Post) als Senator Stoddard sagt: If the legend becomes fact, print the legend! da spielt sie die Ehefrau des Senators Ransom Stoddard, die Frau, die ihm vorher tapfer zur Seite gestanden hat. Obgleich sie ja eigentlich Tom Doniphon (John Wayne) liebt. In dem Interview mit Peter Bogdanovich hat John Ford auf den Satz von Bogdanovichs By the end of the film, it seemed very clear that Vera Miles was still in love with Wayne nur trocken gesagt: Well, we meant it that way.

Ford liebt diese Symbolik. Wenn Tom Doniphon am Anfang des Films seiner Verlobten Hallie Ericson eine Kaktusrose schenkt, dann wird es eine Kaktusrose sein, die ihm Hallie am Ende aufs Grab pflanzt. Eine Friedhofsszene, die Cineasten natürlich an Henry Fonda in Young Mr Lincoln am Grab von ➱Ann Rutledge und an John Wayne in She Wore a Yellow Ribbon erinnert hat. Zumal die ➱Musik in Liberty Valance und Young Mr Lincoln die gleiche ist. Als Bogdanovich Ford fragte: Towards the start of 'Liberty Valance', when Vera Miles comes to Wayne's burned-out house, isn't the music the Ann Rutledge theme from 'Young Mr Lincoln'? bejahte der Regisseur das sofort.

Die großen Rollen sind für Vera Miles nach diesen Erfolgen ausgeblieben. However, with several notable exceptions, she has subsequently been wasted on mostly undistinguished films, sagt Ephraim Katz in seinem Film Guide. An der Seite von John Wayne war sie noch einmal in Hellfighters zu sehen (da spielte ➱Katharine Ross auch mit), eine Affäre mit ihm hatte sie - im Gegensatz zu Maureen O'Hara - nie. Vera Miles wird heute fünfundachtzig Jahre alt. Für diesen Blogger, der früher davon träumte, Filmkritiker zu werden (und der heute einen kleinen ➱Film Blog hat), ist das ein Grund, an sie zu erinnern. Und Happy Birthday zu sagen.


Zu Frauenschicksalen in Hollywood lesen Sie auch: ➱Veronica Lake, ➱Nymphos, ➱Dorothy Malone, ➱Gilda, ➱Operation Mincemeat und ➱Exotik. Mehr zu John Ford finden Sie ➱hier.

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