Sonntag, 17. August 2014

Aurora


Da steht sie nun, die Herrin der Heerscharen, auf dem Flugplatz Hohn, als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte. Vom Photographen sorgfältig inszeniert. Das mit den Rosenfingern ist aus dem neunten Gesang der Odyssee in der Übersetzung von ➱Johann Heinrich Voß. Etwas stereotyp gebraucht Homer dieses rhododaktylos Ēōs, jetzt hat Aurora ihr Fett weg. Jetzt ist sie für ewig rosenfingrig. So wie Hera kuhäugig und Athena eulenäugig ist. Wenn man ein plakatives Epitheton hat, dann hält das ewig.

Irgendwie erinnert mich die Aurora von der Leyen an den alten ➱Werbespot, wo ein Model zu verschiedenen Tageszeiten wohlonduliert aus dem Flieger klettert. Und die Haare immer liegen: Hamburg, 8.30 Uhr, wieder mal Regen. Perfekter Halt fürs Haar - Drei Wetter Taft. Zwischenstopp München, es ist ziemlich windig. Perfekter Sitz - Drei Wetter Taft. Weiterflug nach Rom, die Sonne brennt. Perfekter Schutz - Drei Wetter Taft. Also kann die Bildunterschrift hier nur lauten: Hohn. Sieben Uhr. Dämmernde Frühe mit Rosenfingern. Perfekter Sitz. 

Ob allerdings die lächerliche Pose der Ministerin so lange wie die Frisur hält, das wage ich zu bezweifeln. Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt. Ihre Top Gun Inszenierung hat schon den ➱Spott der Welt hervorgerufen, das will viel heißen. Da ist mir Fragonards Aurora lieber als die Uschi im Jeansjäckchen. Wahrscheinlich will sie ➱George Bush übertreffen, der als Tom Cruise Imitator auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln aus dem Jet kletterte. Wie ➱Hans Albers so schön sang: Piloten ist nichts verboten.

Was man von Leni Riefenstahl lernen konnte, das haben unsere Politiker inzwischen begriffen. Und so verkleiden sie sich mit ➱Panzerkombi, Fliegerkombi oder ➱Gummistiefeln. Und wir warten auf den Tag, da Horst Seehofer als Ludwig II auftritt. Neben solch einem Kostüm hat sich schon schon mal probehalber ➱photographieren lassen.

So ein Photo wie das im Morgengrauen von Hohn (das ist ein schöner Titel, merke ich gerade: Das Morgengrauen von Hohn. Das steckt das Grauen mit drin), das macht man nicht mit dem Handy. Das will sorgfältig ausgeleuchtet sein. Morgendämmerung und Abenddämmerung sind schwer auf den Film zu bannen. Erinnern Sie sich noch an Local Hero? Wie Chris Menges da das rote Telephonhäuschen ins Bild gesetzt hat. Oder wie er die Straßen von Glasgow am frühen Morgen für Comfort and Joy photographiert hat. Unvergesslich.

Der Himmel in ➱Eric Rohmers Das grüne Leuchten ist auch nicht schlecht. Der Film ist übrigens eine moderne Version von Jules Vernes Roman Le Rayon Vert. Der handelt von einer jungen Frau, die nicht heiraten möchte, bevor sie nicht das grüne Leuchten gesehen hat. Das kein Maler auf seine Palette bekommen kann. Ein Grün, das die Natur nirgendwo sonst mehr hervorgebracht hat, weder in der Farbenvielfalt der Pflanzen noch in der Farbe der klarsten Meere! Gibt es ein Grün im Paradies, dann kann es kein anderes als dieses Grün sein, das wahre Grün der Hoffnung.

Auf Homers Beschreibung der Morgenröte war ich schon gestern zufällig gekommen, als ich in den Post ➱Elvis has left the building einen Link zu Terrence Malick einfügte. Ich klickte den alten Post an und stellte fest, dass darin einige Bilder verloren gegangen waren. Also neue rein. Und dann fiel mir ein, dass es da mal einen Film über Malick gegeben hatte, der Rosy Fingered Dawn hieß. Ich suchte ihn im Netz, und da war er plötzlich: Rosy Fingered Dawn: A Film On Terrence Malick (klicken Sie ➱hier).

Der Titel ist gut gewählt für die Filme von Malick, seine Bilder leben von diesem Licht. Das Bild oben ist aus Badlands, dieses Bild aus The Thin Red Line. Der Film handelt vom Krieg, von der Schlacht um die Insel Guadalcanal. Wir sind im August 1942, dieses Schiff bringt amerikanische Truppen auf die Insel. Man greift immer in der Morgenstunde an, das ist ein ehernes Gesetz des Krieges. Auch Kriege fangen in der Morgenstunde an, damit jemand sagen kann: Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!

Aurora erscheint des Morgens aus der Dunkelheit, deckt mit Rosenfingern den Schleier der Nacht auf, leuchtet eine Weile und verschwindet wieder vor dem Glanze des Tages, heißt es 1816 in C. Bielhubers Unterhaltungen aus der Mythologie, oder Götterlehre der Griechen und Römer. In der griechischen Mythologie treffen Aurora und Mars nie zusammen. Im Krieg schon. Und für die Inszenierung der Verteidigungsministerin, die früh aufgestanden ist, um das Nato Motto Vigilia pretium libertatis zu demonstrieren, da treffen Aurora und Mars auch zusammen. Aber es war ja alles friedlich, obgleich die Ministerin so kriegerisch dasteht. Weshalb eigentlich?

Keine Kommentare:

Kommentar posten