Montag, 15. November 2010

Sam Waterston


In my younger and more vulnerable years my father gave me some advice that I’ve been turning over in my mind ever since.“Whenever you feel like criticizing any one,” he told me, “just remember that all the people in this world haven’t had the advantages that you’ve had.”He didn’t say any more, but we’ve always been unusually communicative in a reserved way, and I understood that he meant a great deal more than that. In consequence, I’m inclined to reserve all judgments, a habit that has opened up many curious natures to me and also made me the victim of not a few veteran bores. The abnormal mind is quick to detect and attach itself to this quality when it appears in a normal person, and so it came about that in college I was unjustly accused of being a politician, because I was privy to the secret griefs of wild, unknown men. Most of the confidences were unsought — frequently I have feigned sleep, preoccupation, or a hostile levity when I realized by some unmistakable sign that an intimate revelation was quivering on the horizon; for the intimate revelations of young men, or at least the terms in which they express them, are usually plagiaristic and marred by obvious suppressions. Reserving judgments is a matter of infinite hope. I am still a little afraid of missing something if I forget that, as my father snobbishly suggested, and I snobbishly repeat, a sense of the fundamental decencies is parcelled out unequally at birth.

Nein, keine Angst, ich mache jetzt nicht das, was Andy Kaufmann gemacht hat und lese Ihnen den ganzen Great Gatsby vor. Der Anfang ist ja auch etwas abschreckend. Fitzgerald versucht hier sein Idol Joseph Conrad zu imitieren und seinen Erzähler Nick Carraway als eine moralische Instanz zu etablieren. So, wie Conrad das mit seiner Figur Charles Marlowe macht. Fitzgerald hat Conrad immer  bewundert. Einmal hat er nachts auf dem Rasen des Doubleday Estate in Oyster Bay (Long Island) getanzt, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit Joseph Conrads auf sich ziehen zu können, der bei seinem Verleger zu Gast war. Aber Conrad hat fest geschlafen, und der betrunkene Fitzgerald wurde vom Gutsverwalter unsanft vom Grundstück entfernt.

Eigentlich beginnt der Roman an dem Punkt, wenn der Erzähler sagt: Across the courtesy bay the white palaces of fashionable East Egg glittered along the water, and the history of the summer really begins on the evening I drove over there to have dinner with the Tom Buchanans. Daisy Buchanan ist eine entfernte Verwandte, und Nick fährt mit seinem alten Dodge zu den reichen Verwandten.

Und an der Stelle macht Fitzgerald etwas, was man nur als brillantes cinematic writing bezeichnen kann: And so it happened that on a warm windy evening I drove over to East Egg to see two old friends whom I scarcely knew at all. Their house was even more elaborate than I expected, a cheerful red-and-white Georgian Colonial mansion, overlooking the bay. The lawn started at the beach and ran toward the front door for a quarter of a mile, jumping over sun-dials and brick walks and burning gardens — finally when it reached the house drifting up the side in bright vines as though from the momentum of its run. The front was broken by a line of French windows, glowing now with reflected gold and wide open to the warm windy afternoon, and Tom Buchanan in riding clothes was standing with his legs apart on the front porch. Der Regisseur einer Great Gatsby Verfilmungen brauchte sich nur an diese Beschreibung zu halten. Das tut der in Amerika überforderte Engländer Jack Clayton aber nicht, der hält sich auch nicht an das intelligente Drehbuch, das ihm der junge Francis Ford Coppola geschrieben hat. Er lässt Nick Carraway mit einem Motorboot über die Bucht kommen. Und dazu einen Erzähler im off (muss ich jetzt extradiegetische Narration sagen oder kann ich mir das sparen?) den Anfang des Roman aufsagen. Aber sehen Sie ➱hier selbst.

Das Einzige, was hier stimmt, ist Sam Waterston. Der wird heute siebzig, und dazu gratuliert Jay ganz herzlich. Dies war sein bester Film (Rancho Deluxe ist eigentlich auch ganz gut, aber über den redet ja niemand mehr), Nick Carraway war das Beste, was diesem Film passieren konnte. Alle unbekannten Darsteller spielten die Stars an die Wand, Sam Waterston als Nick Carraway, Bruce Dern als Tom Buchanan und Karen Black als Myrtle Wilson.

Wenn Sie mich fragen, was dieses Photo hier soll: das ist ein Außenbordmotor aus dem Jahre 1925. Sieht der an dem Boot von Sam Waterston so aus? Nein, weil er nicht aus dem Jahre 1922 ist (in dem Jahr spielt The Great Gatsby). Selbst wenn der Johnson, der 1925 auf den Markt kommt, leichter ist als ein ELTO oder Evinrude, dies ist ein moderner Außenborder. Und ein Georgian Colonial mansion (ein Symbol, für altes Geld) ist das Haus der Buchanans auch nicht. Und der Anzug stimmt auch nicht, es gibt 1922 keine so engen Hosen. Man hätte nicht Ralph Lauren mit den Kostümen beauftragen sollen, sondern sich wirkliche Fachleute nehmen sollen. Sagt Anne Hollander in The Gatsby Look and other Costume Blunders. Nix ist authentisch, alles ist aus der Retorte von Hollywoods Kostümfundus. Andererseits, die Automobile sind alle echt, von amerikanischen Millionären unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Es gibt einige große Momente in dem Film von 1974. Wenn Sam Waterston das Wohnzimmer der Buchanans betritt, fängt die Kamera für einen Augenblick diese Stimmung von Fitzgeralds Roman ein: We walked through a high hallway into a bright rosy-colored space, fragilely bound into the house by French windows at either end. The windows were ajar and gleaming white against the fresh grass outside that seemed to grow a little way into the house. A breeze blew through the room, blew curtains in at one end and out the other like pale flags, twisting them up toward the frosted wedding-cake of the ceiling, and then rippled over the wine-colored rug, making a shadow on it as wind does on the sea.
   The only completely stationary object in the room was an enormous couch on which two young women were buoyed up as though upon an anchored balloon. They were both in white, and their dresses were rippling and fluttering as if they had just been blown back in after a short flight around the house. I must have stood for a few moments listening to the whip and snap of the curtains and the groan of a picture on the wall. Then there was a boom as Tom Buchanan shut the rear windows and the caught wind died out about the room, and the curtains and the rugs and the two young women ballooned slowly to the floor.

Sam Waterston ist wie Nick Carraway ein Produkt der amerikanischen upper middle class. Er kommt jedoch nicht aus dem Mittleren Westen (wie alle Romanfiguren in The Great Gatsby) sondern aus Neuengland. Vornehme Familie, vornehme prep school (Groton), vornehme Universität (Yale). Passt alles zu Fitzgeralds Nick Carraway, nur dass der in Princeton war. Fitzgerald auch, ist da aber rausgeflogen. Mit einem solchen Bildungsgang landet man normalerweise im Außenministerium (er hat unter anderem Französisch studiert) oder bei der CIA. Ich dachte zuerst, dass Waterston der einzige Yale Absolvent im amerikanischen Film ist - Tommy Lee Jones war in Harvard - habe mich aber auf dieser ➱Seite belehren lassen müssen, dass man neuerdings von Yale direkt auf die Leinwand kommen kann.

Auf diesem Photo ist er noch ganz jung. Da interessiert er den Zuschauer auch gar nicht, weil wir alle nur auf das Schnuckelchen ➱Charlotte Rampling gucken. Sam Waterston stand von Kindesbeinen an auf der Bühne. Er hat auch im Theater angefangen, bevor er einige kleine Rollen in Filmen bekam. Aber  so richtig tolle Rollen wie in The Great Gatsby hat er eigentlich nie wieder bekommen, Bruce Dern schon. Eigentlich ist er Amerikas berühmtester Nebendarsteller. Vielleicht hätte er nach Europa gehen sollen, um gute Rollen zu finden. Bekannt geworden ist er uns allen als Staatsanwalt Jack McCoy in der Serie Law & Order, wo er von 1994 bis 2010 in 368 Episoden auftrat. Wenn man in solchen Serien landet, ist die Karriere eigentlich zu Ende. Aber man verdient da viel Geld.

Sam Waterston tut viele gute Werke und lebt ein Leben ohne Skandale. Seit 1976 ist er in zweiter Ehe mit dem Model Lynn Woodruff verheiratet. Im Model Business war er auch mal ganz kurz, als er in den Siebzigern diese schrecklichen Klamotten für Mademoiselle angezogen hat. Aber kurz danach bekam er andere Sachen von Ralph Lauren angezogen und war berühmt, weil er Nick Carraway war. Manchmal denke ich, er sollte auf die Bühne gehen und wie Andy Kaufmann den ganzen Great Gatsby vorlesen. In my younger and more vulnerable years....

Wenn man aus Neuengland kommt und in Groton und Yale war, ist man nicht dazu geboren Bösewichte zu spielen. Dann spielt man im Alter Jefferson und Lincoln. Wenn man ein intelligent, introspective leading man of the American stage and screen (so Ephraim Katz in seiner Film Encyclopedia), kann man in Amerika nichts werden. Wenn man nicht intelligent und introspective ist, dann schon.

Das Bild mit dem dramatischen Wolken ist von dem amerikanischen Maler Thomas Moran, im 19. Jahrhundert auf Long Island gemalt, als dies noch nicht die Insel von ash-heaps and millionaires war (so ein Titelentwurf von Fitzgerald für seinen Roman). Man kann sich heute den Film von 1974 mit einer gewissen Nostalgie anschauen und ihn irgendwie schon wieder gut finden. Man bekommt ihn preiswert auf DVD. Es wurden schlechtere Literaturverfilmungen nach 1974 gedreht. Aber was Tennessee Williams dazu bewogen hat zu sagen: Jack Clayton... made of the The Great Gatsby a film that even surpassed, I think, the novel by Scott Fitzgerald, das weiß ich wirklich nicht. Doch eigentlich braucht man keine Verfilmung von The Great Gatsby, der Roman ist Film genug. Filmische Szenenanweisungen bis zum Schluss:

On the last night, with my trunk packed and my car sold to the grocer, I went over and looked at that huge incoherent failure of a house once more. On the white steps an obscene word, scrawled by some boy with a piece of brick, stood out clearly in the moonlight, and I erased it, drawing my shoe raspingly along the stone. Then I wandered down to the beach and sprawled out on the sand.
   Most of the big shore places were closed now and there were hardly any lights except the shadowy, moving glow of a ferryboat across the Sound. And as the moon rose higher the inessential houses began to melt away until gradually I became aware of the old island here that flowered once for Dutch sailors’ eyes — a fresh, green breast of the new world. Its vanished trees, the trees that had made way for Gatsby’s house, had once pandered in whispers to the last and greatest of all human dreams; for a transitory enchanted moment man must have held his breath in the presence of this continent, compelled into an aesthetic contemplation he neither understood nor desired, face to face for the last time in history with something commensurate to his capacity for wonder.
   And as I sat there brooding on the old, unknown world, I thought of Gatsby’s wonder when he first picked out the green light at the end of Daisy’s dock. He had come a long way to this blue lawn, and his dream must have seemed so close that he could hardly fail to grasp it. He did not know that it was already behind him, somewhere back in that vast obscurity beyond the city, where the dark fields of the republic rolled on under the night.
   Gatsby believed in the green light, the orgastic future that year by year recedes before us. It eluded us then, but that’s no matter — to-morrow we will run faster, stretch out our arms farther. . . . And one fine morning ——
   So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.












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