Montag, 12. Januar 2015

Siegfried Schürenberg


Der Chef von Scotland Yard heißt Sir John, er hat meistens keinen Nachnamen. Unter den Commissioners of Police of the Metropolis ist allerdings nur ein Sir John gewesen. Da hat man auf der Wikipedia Seite vergessen, Sir John Appleby dazu zu zählen (sein Schöpfer Michael Innes hat ➱hier einen Post). In dem Film Der Hexer heißt Sir John Walford mit Nachnamen, da konnte man wohl nicht am Original vorbei, wo im Roman von Edgar Wallace ein Colonel Walford die Londoner Polizei befehligt. Wenn Sie The Ringer im Original lesen wollen, klicken Sie ➱hier. Den ➱Film habe ich natürlich auch.

Der Sir John in den deutschen Edgar Wallace Filmen ist immer etwas trottelig. Vor allem, wenn er von Siegfried Schürenberg gespielt wird (in einigen Filmen ist Ernst Fritz Fürbringer als Sir Archibald Morton der Chef von Scotland Yard). Es ist das Schicksal des Schauspielers Siegfried Schürenberg, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Er macht das Beste daraus.

Und immer wieder bringt er diesen Satz: Aber das hätten sie doch berücksichtigen müssen. Das ist ein running gag wie Hol schon mal den Wagen, Harry (Sie könnten jetzt auch den Post ➱Derrick lesen). In Deutschland ist man mit kleinen Gags zufrieden. Es war ja unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein, wie die Werbung versicherte.

Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode.

Das ist natürlich nicht Siegfried Schürenberg, sondern Bernard Lee als Geheimdienstchef M in Dr No (für die James Bond Freunde gibt es übrigens hier übermorgen etwas Schönes), ihm lieh Schürenberg die ➱Stimme. Wie auch James Stewart, Kirk Douglas, Cary Grant, Walter Matthau, Laurence Olivier und Vincent Price. Und auch Julius Caesar in mehreren Asterix Filmen.

Und ihm hier. Wir kennen ihn als Rhett Butler in Gone with the Wind, aber Clark Gables deutsche Stimme war seit 1932 Siegfried Schürenberg. In Schürenbergs Nachruf stand 1993 im Spiegel zu lesen: Totgesagte sterben später - und daß Schürenberg, der schon in den frühen Sechzigern den total senilen und vertrottelten Scotland-Yard-Chef "Sir John" gab, nach solchen Rollen noch 30 Jahre weiterlebte, das beweist nur, wie gut er als Schauspieler war. Er hatte den Job einst bei Max Reinhardt gelernt, er spielte Theater in Wien, Zürich und Berlin, und wenn der deutsche Nachkriegsfilm einen weltläufigen Lebemann brauchte, war er stets erste Wahl. In fast 80 deutschen Filmen ist er aufgetreten, doch in einer seiner größten Rollen blieb er unsichtbar: als deutsche Stimme von Clark Gable in "Vom Winde verweht". Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Schürenberg Ende August in Berlin gestorben.

Die MGM hatte Schürenberg in den dreißiger Jahren als deutsche Synchronstimme von Clark Gable ausgewählt. Als 1953 im MGM Synchronisations Atelier in Berlin Gone with the Wind synchronisiert wurde, bestand MGM auf Schürenberg. Wie er allerdings diesen berühmten Satz am Ende, Frankly my dear I don't give a damn, spricht, das weiß ich nicht. Ich habe nur die ➱Originalfassung als DVD. Er bleibt dem beinahe gleichaltrigen Clark Gable bis zu dessen Tod treu, auch The Misfits hat er noch synchronisiert. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Sybille Schmitz 1934 in dem deutschen Science Fiction Film Der Herr der Welt. Sie galt als die schönste Frau der deutschen Filmwelt, hatte aber ein trauriges Leben.

Ich weiß nicht, ob Siegfried Schürenberg mit seinem langen Leben zufrieden gewesen ist. Er war viermal verheiratet, einmal mit einer Frau aus Bremen. Wo er auch mal eine Spielzeit gewesen ist. Und den Malvolio in Was ihr Wollt gespielt hat, das kann man im Shakespeare Jahrbuch lesen. Hier ist er als eleganter Herr im ➱Frack in Der Mann, der Sherlock Holmes war, aber das haben wir vergessen, weil wir uns nur noch an Hans Albers und Heinz Rühmann erinnern. Das ist das Schicksal von Siegfried Schürenberg gewesen. Er ist ein Mann der zweiten Reihe. Erst wenn er den Trottel Sir John spielt, wird man sich an ihn erinnern.

Er soll ein verschlossener Mann gewesen sein. Sagt Andreas Neumann in Sir John jagt den Hexer: Siegfried Schürenberg und die Edgar Wallace-Filme. Neumann hatte den Schauspieler 1974 kennen gelernt, da hatte der sich gerade vom Filmgeschäft verabschiedet. Das ➱Buch, zu dem Eddie Arent ein Vorwort geschrieben hat, sagt nicht sehr viel über den Privatmann Schürenberg, aber mehr werden wir wohl nicht erfahren. Siegfried Schürenberg wurde heute vor 115 Jahren als Siegfried Hermann Andreas Wittig geboren. Ich dachte, ich widme ihm mal einige Zeilen. Damit kein Leser sagt: Aber das hätten sie doch berücksichtigen müssen.

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