Freitag, 9. März 2012

Johann Rist


Gestern vor 405 Jahren wurde in Ottensen Johann Rist geboren, er starb 1667 in Wedel, wo noch ein Gymnasium und ein Basketballverein nach ihm heißen. Das mit dem Gymnasium kann ich ja verstehen, aber Basketball? Rist war Prediger und Dichter und hat eine Vielzahl von Kirchenliedern geschrieben. Im 17. Jahrhundert bei uns die wichtigste Form der christlichen Lyrik, jemanden wie John Donne haben wir nicht. Der dichtende Pastor war ein gebildeter Mann, offensichtlich bekam man damals am Bremer Gymnasium illustre und an der Universität Rinteln noch Bildung vermittelt. Er hat nicht nur Theologie studiert, sondern in Rostock auch Arzneiwissenschaft bei Jakob Fabricius und Botanik bei Peter Lauremberg, der den Rostocker Botanischen Garten angelegt hatte. 

Einen Garten wird Johann Rist auch anlegen, der sogar berühmt gewesen sein soll. Es ist davon allerdings nichts übrig geblieben, da ihm der schwedische General Lennart Torstensson im Dreißigjährigen Krieg Hab und Gut genommen hat. Und das gleich zweimal. Hatte wahrscheinlich im Kalender stehen: Wedel: Garten von Johann Rist zerstören. Im Standardwerk Historische Gärten in Schleswig-Holstein von Adrian von Buttlar und Margita Marion Meyer wird Rists Garten en passant erwähnt. Zusammen mit anderen, es scheint damals bei Pastoren und Leuten von Stand beliebt gewesen zu sein, ein Lustgärtlein draußen vor der Stadt zu besitzen. Der Hamburger Pastor Nicolaus Hardekopf hat 1630 ein Lusthaus in Nienstedten. Und der Philosoph Hugo Grotius (gerade aus Holland geflohen) verbringt den Sommer 1632 in Dockenhuden (heute Blankenese), von wo er Fischteiche, Frucht- und andere Bäume, Blumen und reichliches Gemüse auf dem Landgut seines Landsmannes de Boor findet. Was vorher dem königlichen Statthalter Heinrich Rantzau in Breitenburg oder den Herzögen in Gottorf (oben) recht war, wird jetzt dem Bürger billig. Der Beginn einer Entwicklung, an deren Ende der Schrebergarten steht.

Rist gestaltete nicht nur seine Gärten, sondern auch den von ihm so benannten Parnaß, eine markante Ausbuchtung des Steilufers der Elbe wo er einen Rasentisch mit Rasenbänken anlegte. Um die Aussicht zu genießen oder sich seinen Dichtungen zu widmen. Und das ist eine ganze Menge, was da gedichtet wird: dreißig Dramen, über 200 weltliche Gedichte und Lieder, über 600 geistliche Lieder, Bücher und (pseudo-) wissenschaftliche Artikel. Da, wo einst Johann Rist dichtete oder Freunde empfing, ist heute das lärmende Treiben des Schulauer Fährhauses.

Rist gründete 1656 eine eigene Sprachgesellschaft, den Elbschwanenorden, die das Ziel der Bereinigung der deutschen Sprache hatte. Solche Gesellschaften waren damals en vogue, die deutsche Barockliteratur ist in diesen Gesellschaften organisiert. Diese Gesellschaften sind nicht nur ein Dichtertreffen wie in Günter Grass' Roman Das Treffen in Telgte, sie haben auch das erklärte Ziel, die deutsche Sprache zu pflegen, so wie Rist seinen Garten pflegt. Ein Pflanzgarten für den Palmenorden sollte diese Hamburger Gesellschaft sein. Der Palmenorden ist die 1617 gegründete berühmte Weimarer Fruchtbringende Gesellschaft, der er auch angehörte (oben das Wappen der Gesellschaft). Er war auch Miglied im Nürnberger Löblichen Hirten- und Blumenordens an der Pegnitz. Eigentlich sollte dies gestern zu seinem Geburtstag an dieser Stelle stehen, aber da habe ich aus aktuellen Gründen den kleinen, etwas  gehässigen Post über den Großen Zapfenstreich geschrieben. Um Johann Rist zu ehren, gibt es heute ein Gedicht von ihm, keins seiner Kirchenlieder, sondern ein Lied auf den Frühling:

Auf den herannahenden Frühling

Ei, nun will ich lassen schwinden
Alle Sorg' und Traurigkeit,
Weil die schöne Frühlingszeit
Sich nun bald wird lassen finden,
Weil der Winter wird vergehen,
Eis und Schnee zu Wasser wird,
Und die Gärten wolgeziert
Sind sehr lieblich anzusehen.
Hievon thut die Zeitung bringen
Aller Vögel Frölichkeit,
Die zu dieser Frühlingszeit
Ihre Stimmlein lassen klingen,
Da die Lerchen sich erfreuen,
Da der Baur zu Felde zeucht
Und aus Scheu'r und Ställen kreucht
Der Menalkas mit den Säuen.
Alles thut jetzt mutig werden,
Es komt wieder an den Tag,
Was zuvor verborgen lag
In dem tiefen Kot der Erden;
Man sicht alles hervor kriechen,
Kraut und Blumen mannigfalt,
Die so lieblich von Gestalt
Und anmutig sind zu riechen.
Ei, so will ich in den Garten
Mit dem schönen Saitenspiel
Und der andern Kurzweil viel
Nur der Frölichkeit abwarten.
Ich will suchen solche Gsellen,
Die da wissen Lust und Freud'
In der grünen Frühlingszeit
Fein gebührlich anzustellen.
Laßt uns guten Wein hergeben;
Lauten, Geigen, Jungfräulein
Müssen alle bei uns sein;
Das ist recht Studentenleben.
Wer solt das nicht lieber wollen,
Als arbeiten Nacht und Tag,
Stetig führen große Klag?
Wer weiß, wann wir sterben sollen!

Die letzte Zeile hat in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges eine besondere Bedeutung. Unser Dichter - nach Paul Gerhardt der wichtigste protestantische Liederdichter der Zeit - hat den Krieg überlebt, hat auch die zweimalige Zerstörung seiner Lieblingsgärten durch Lennart Torstensson hingenommen. Sogar die Pestepidemie hat er überlebt. Als er 1667 in Wedel starb, war der dichtende Pastor, Apotheker und Dorfarzt ein hochgeehrter Mann. 1653 war er in den persönlichen Adelsstand mit dem Titel eines Hofpfalzgrafen erhoben worden. Vor seine Zeitgedichte (die vom Leben und Sterben von Gustav Adolf handeln) hatte er das Motto gestellt:

Nur Tugend, die man in die Bücher pflegt zu schreiben,
Muß, trotz der Ewigkeit, unausgerottet bleiben;
Durch die lebt nach dem Tod' ein unverzagter Held,
Der all sein Thun auf Gott, nicht auf das Gut gestellt.
Und der behält sein Lob.

Daran hat Rist wohl geglaubt. Wenn ich die Zeilen gestern hier in den Blog gestellt hätte, wäre das vielleicht als böse Ironie gewertet worden. Es kommt immer darauf an, wer so etwas sagt.

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