Mittwoch, 14. März 2012

Admiral John Byng


Dans ce pays-ci, il est bon de tuer de temps en temps un amiral pour encourager les autres, schreibt Voltaire in Candide. Heute vor 255 Jahren ist der englische Admiral John Byng an Bord des Schiffes Monarch hingerichtet worden. So etwas passiert in der Royal Navy nicht alle Tage. Die neunschwänzige Katze für aufmüpfige Matrosen, das gibt es jeden Tag irgendwo auf den Ozeanen, die von der Royal Navy beherrscht werden. Aber einen Admiral vor ein Peloton zu stellen - To be shot at by a sailor out of every ship of Admiral West's division at the battle of the 20th of May, 1756 - das kommt nicht so häufig vor.

Er hat sein Taschentuch fallen lassen, zum Zeichen dafür, dass er bereit für den Tod ist. Auf dieser Abbildung kann man es erkennen. Dies ist nur eine der vielen Abbildungen in dieser Zeit. Die ➱Byng Affäre, wenn man es so nennen will, produziert eine Flut von Pamphleten, Spottgedichten und Karikaturen. Historiker haben von einem pamphlet war gesprochen, und Dr Johnson sah in der Presse more dangerous enemies für Byng als dieser auf See zu fürchten hatte. Am Ende des Ganzen ist Admiral Byng tot, und die Regierung des Herzogs von Newcastle wird zurücktreten.

Im Schiffstagebuch der Monarch (die zehn Jahre vorher noch Monarque hieß, weil sie ein französisches Schiff gewesen war) trägt Kapitän John Montagu am 14. März 1757 ein: These 24 hours very squally, with showers of wind and rain; Admiral Byng's Co. as before; at 7 A.M. his Coffin came on board; at 10 A.M. all the Ships' Boats, manned and armed, came to attend his Execution; hard gales, lowered down the lower yards: at noon all hands were called up to attend his execution; he was shot on the larboard side of the Quarter Deck by six Marines, attended by Lieut. Clark, the Marshal, and Mr. Muckings; these gentlemen went ashore after the execution was over.

Was war geschehen? Die Engländer hatten eine kleine Flotte unter dem Kommando von ➱John Byng nach Menorca geschickt, die auch Truppen für die Verstärkung der britischen Garnison transportierte. Als Byng auslief, hatte man Frankreich noch nicht den Krieg erklärt. Gleichzeitig schicken die Franzosen auch eine kleine Flotte (hier beim Auslaufen zum Hafen von Mahon) unter dem Marquis de La Galissonière nach Menorca. Das dreistündige Seegefecht verdient es eigentlich nicht, eine Seeschlacht genannt zu werden, in Oliver Warners Great Sea Battles kommt es nicht vor.

Vorsicht auf französischer Seite, Inkompetenz auf englischer Seite, Offiziere wie Nelson wären hier sicherlich gefragt gewesen. So wie hier sieht das Ganze (ohne Wellen und Wetter) auf einer zeitgenössischen Karte aus. Jetzt wird Ihnen sicherlich klar, warum die Linienschiffe Linienschiffe heißen. Das Einhalten der Linie ist auf solchen Karten und am grünen Tisch ja ganz prima, weil man den Gegner dann mit einer Breitseite beschießen kann. Aber meistens finden die Seeschlachten nicht auf einem grünen Tisch, sondern auf grünen Wellen statt, und da funktioniert das mit der schönen Linie häufig nicht so. Mit der Viererkette auf dem grünen Rasen übrigens auch nicht.

Einer seiner Offiziere schlägt ihm vor, die Linie aufzugeben, und je nach der Situation das nächste Schiff des Feindes anzugreifen. Nelson wird mit der Methode großen Erfolg haben. John Byng, Sohn eines Admirals, lehnt das ab. Weil Admiral Thomas Matthews (der einmal unter Byngs Vater gedient hatte) in der konfusen Seeschlacht von Toulon etwas Ähnliches gemacht hat. Kriegsgericht (Byng war einer der Richter) und Degradierung folgten, von der Todesstrafe war allerdings nie die Rede. Admiral Byng könnte ja nun in sicherer Entfernung versuchen, seine Schiffe notdürftig zu reparieren und dann bei der nächsten günstigen Gelegenheit nach Menorca segeln und die Franzosen vertreiben, die schon auf Menorca gelandet waren, als Byng Gibraltar erreicht hatte. Wie er das mit seiner kleinen Flotte anstellen soll, weiß ich nicht so ganz. Der französische General, der außer der englischen Festung St Philip schon ganz Menorca beherrscht, hat 15.000 Mann unter seinem Kommando.

Der Kommandeur der französischen Truppen ist ein gewisser Louis François Armand de Vignerot du Plessis (links), den man auch als den Herzog von Richelieu kennt. Im Hannöverschen kennt man ihn wenig später unter dem wenig schmeichelhaften Spitznamen Petit Père de la Maraude. Unter diesem Namen findet er auch Eingang in Wilhelm Raabes Roman Hastenbeck, wo es im 14. Kapitel heißt: Madame de Pompadour wird den Herrn Herzog eben bei veränderten Umständen recht gern wieder bei sich sehen in Paris. Er ist ein recht unterhaltsamer Herr und versteht es, anderen Orts sein Spiel wohl aufzunehmen, sollte es ihm jetzt an der Elbe aus der Hand geschlagen werden. Doch wie es auch kommen mag im Frühjahr, wenn das Eis aufgeht, der Herzog von Richelieu wird seine Zeit ausnützen hier zu Lande! Ihr da, Frau an der Tür, wie heißen wir ihn unter uns schon drüben in Höxter?« »Petit père La Maraude, mon capitaine!« sagte die Wackerhahnsche, die Hand militärisch grüßend zur Stirn hebend.

Allerdings muss man zu Ehren von Richelieu (hier ein Bild von seiner Eroberung des englischen Forts) sagen, dass er nach der Verurteilung von Admiral Byng eine Ehrenerklärung für ihn abgeben wird, so viel Stil hat man im französischen Adel dann auch wieder. Den ➱Brief soll sein Freund Voltaire weiterleiten, er gelangt unglücklicherweise in die falschen Hände. Wir verdanken dem Herzog von Richelieu noch etwas anderes. Als er den Hafen und die Festung von Mahon eingenommen hat - die englische Besatzung bekommt eine Freifahrt nach England spendiert, dies ist die Zeit der Kabinettskriege, da geht man noch zivilisiert miteinander um -  serviert man ihm ein Festmahl mit einer regionalen Spezialität. Nach dem Ort Mahon wird diese Soße den Namen Mahonaise bekommen.

Byng segelt nach der Bataille noch nicht nach Gibraltar zurück, er hält zunächst auf hoher See einen Kriegsrat ab, die Offiziere diskutieren die folgenden Fragen:

● Whether an attack on the French fleet gave any prospect of relieving Mahon? Resolved: It did not. 
● Whether, if there were no French fleet cruising at Minorca, the British fleet could raise the siege ? Resolved: It could not.
● Whether Gibraltar would not be in danger, should any accident befall Byng's fleet? Resolved: It would be in danger.
● Whether an attack by the British fleet in its present state upon that of the French would not endanger Gibraltar, and expose the trade in the Mediterranean to great hazards? Resolved: It would.
● Whether it is not rather for His Majesty's service that the fleet should proceed immediately to Gibraltar? Resolved: It should proceed to Gibraltar.


Das alles entbehrt nicht einer gewissen Logik. Man sollte noch dazu sagen, dass man Byng mit viel zu wenig Schiffen (von denen manche kaum seetüchtig waren) und viel zu kleiner Besatzung losgeschickt hatte. Das sollte der Admiral of the Fleet Lord Anson (hier im Bild) wissen, der seine berühmte Kaperfahrt rund um die ➱Welt unter ähnlich katastrophalen Bedingungen begonnen hatte. Als er um Kap Hoorn herum war, hatte er nur noch die Hälfte seiner Schiffe und zwei Drittel seiner Matrosen waren tot. Immerhin hat er daraus etwas gelernt, sodass er jetzt als First Lord of the Admiralty angefangen hat, die Royal Navy zu reformieren. Anson will jetzt die englische Flotte nahe am Heimatland haben, da er davon ausgeht, dass die Franzosen England angreifen werden (was sie natürlich nicht tun werden). Menorca ist ihm nicht so wichtig. die schlecht ausgerüstete Flotte unter John Byng schickt er nur dahin, weil ihm William Pitt auf die Nerven geht. Pitt soll nach dem Verlust von Menorca im Parlament über Admiral Anson gesagt haben that he was not fit to command a cock-boat on the river Thames.

Der Befehl, alle Marines der Schwadron an Land zu lassen und stattdessen das Royal Regiment of Fusiliers unter Colonel Lord Robert Bertie an Bord der Schiffe zu nehmen, erweist sich als katastrophal. Marineinfantrie kann an Bord eines Schiffes die Aufgaben der Besatzung übernehmen, das sind die gewohnt, das Royal Regiment of Fusiliers hat davon keine Ahnung. Admiral Byng, der sich vor dem Auslaufen bei der Admiralität über den Zustand seiner Schiffe beschwert hatte, hatte gehofft, dass er in Gibraltar noch seine Schiffe reparieren und neue Mannschaften bekommen könnte. Aber die Werften dort sind in einem schlechten Zustand, der Militärgouverneur General Fowke weigert sich zudem, ihm genügend Truppen zur Verfügung zu stellen. Er fürchtet den Angriff der Franzosen auf Gibraltar, die Menorca Expedition interessiert ihn nicht.

Nach dem kleinen Debakel vor Menorca segelt Byng nach Gibraltar zurück, lässt seine Schiffe reparieren und bereitet sich auf einen neuen Angriff auf Menorca vor. Zu seiner großen Überraschung wird er von Admiral Edward Hawke (links) abgelöst und nach England beordert. Unglücklicherweise war eine Version des Berichtes des französischen Admirals, die Byng schlecht aussehen lässt, früher nach England gelangt als sein eigener ➱Bericht. Die London Gazette hat schon Teile daraus veröffentlicht mit Sätzen von Galissonière wie the English seemed unwilling to engage und the English had the advantage of the wind, but still seemed unwilling to fight.

Nun gerät John Byng in das Räderwerk von Justiz und politischen Intrigen einer im höchsten Masse instabilen Regierung. Er wird der Sündenbock für alle Fehler der Admiralität. Das schnell einberufene Kriegsgericht (das nicht an Land, sondern an Bord eines Kriegsschiffs, HMS St George, tagt) verurteilt ihn nach dem Artikel 12 der neuen ➱Articles of War, die Anson 1749 durchgesetzt hatte: Every Person in the Fleet, who through Cowardice, Negligence or Disaffection, shall in time of Action withdraw or keep back, or not come into the Fight or Engagement, or shall not do his utmost to take or destroy every Ship which it shall be his Duty to engage, and to assist and relieve all and every of His Majesty's Ships or those of his Allies, which it shall be his Duty to assist and relieve, every such Person so offending, and being convicted thereof by the sentence of a Court Martial, shall suffer Death.

Diese neue Rechtsordnung (die Articles of War sind das einzige auf der Welt, vor dem C.S. Foresters Horatio Hornblower Angst hat) lässt einem Kriegsgericht keine Spielräume. Sie wurde unter anderem  eingeführt, weil der Leutnant der Marines George Fry (der ein Justizopfer der Militärgerichtsbarkeit geworden war) gegen den Vorsitzenden seines Kriegsgerichts Admiral Sir Chaloner Ogle vor einem Zivilgericht geklagt hatte. Und Recht bekommen hatte, die Gefängnisstrafe wegen angeblicher Befehlsverweigerung wird ihm erlassen und Sir Chaloner muss ihm tausend Pfund an Wiedergutmachung zahlen. Tausend Pfund sind damals sehr viel Geld. Dass die zivile Gerichtsbarkeit sich in das Marinerecht einmischt (und dass ein hoher Admiral wie Ogle von zivilen Behörden arretiert worden war), kann sich die Royal Navy kaum bieten lassen; allerdings wird dies immer wieder geschehen, wie Markus Eder in seinem Buch Crime and Punishment in the Royal Navy of the Seven Year’s War, 1755-1763 gezeigt hat.

Der erste Artikel der Articles of War in der Fassung von ➱1757 (wenn Sie das anklicken, ist Ihr Computer nicht kaputt, das ist eine Signalpfeife) ist sicherlich das Zitieren wert:

All commanders, captains, and officers, in or belonging to any of His Majesty's ships or vessels of war, shall cause the public worship of Almighty God, according to the liturgy of the Church of England established by law, to be solemnly, orderly and reverently performed in their respective ships; and shall take care that prayers and preaching, by the chaplains in holy orders of the respective ships, be performed diligently; and that the Lord's day be observed according to law. Am besten aber gefällt mir Artikel 35: All other crimes not capital committed by any person or persons in the fleet, which are not mentioned in this act, or for which no punishment is hereby directed to be inflicted, shall be punished by the laws and customs in such cases used at sea. Bei genauer Lektüre der Articles of War wird man feststellen, dass sie ausreichen, um jedermann an Bord jederzeit vor ein Kriegsgericht zu bringen, nicht nur den armen Billy Budd in Melvilles ➱Erzählung.

Die blaue Uniform (oben) ist im Jahre vor den Articles of War von 1749 für die Offiziere der Royal Navy eingeführt worden, zuvor konnten Marineoffiziere so ziemlich alles tragen, was ihnen gefiel. Auf dem Bild von Hogarth weiter oben trägt der Captain Lord George Graham (Sohn des Herzogs von Montrose) einen eleganten grau-braunen Anzug mit weißen Kniestrümpfen. Was die adligen Gentlemen eben so trugen. Aber jetzt kommt die blaue Uniform für alle Offiziere (so wie in Preußen die Offiziere des Königs Rock tragen), die auch ein Versuch ist, die Stellung der Offiziere in der Gesellschaft aufzuwerten. Denn obwohl viele Marineoffiziere aus dem Adel und dem höheren Bürgertum stammen, gilt dies nicht für die Masse des Offiziercorps. Die honnêteté, die Lord Chesterfield in seinen Letters to His Son predigt, muss ihnen erst beigebracht werden.

Und so gibt es in einem ersten Schritt die neue Uniform, die sich jeder Offizier (zweifach, dress und undress uniform) selbst kaufen muss. Viele lassen sich gleich in ihrer neuen Uniform malen, wie hier der Kapitän Philemon Pownall von Joshua Reynolds. Nach den neuen Uniformen kommen die neuen Articles of War. Und dann versucht Lord Anson auch noch, all die alten Admirale aus der Navy zu drängen, er will das Offiziercorps verjüngen. Neue Dienstgrade werden erfunden, der eines Rear-Admiral oder der eines Yellow Admiral (was keine offizielle Bezeichnung ist, wie die Leser von Patrick O'Brian wissen). Und plötzlich kann ein junger Kapitän als Commodore eine Flotte befehligen, die größer als die eines Admirals ist. Was jetzt mit dem Umbau der Royal Navy begonnen wird, wird sich in den Tagen von Horatio Nelson auszahlen.

Lebensgeschichte des großbritannischen Admirals John Byng
Auf dem Kontinent registriert man die englischen Ereignisse durchaus, der Siebenjährige Krieg hat begonnen. Europa ist jetzt mit England verflochten, was nicht ausbleiben kann, da die Hannoveraner auf Englands Thron auch noch ihre deutschen Machtinteressen haben. Und so schaut man begierig nach England und liest alles, was man in den ➱Zeitschriften wie zum Beispiel Die neue europäische Fama, welche den gegenwärtigen Zustand der vornehmsten Höfe entdecket über die englische Admiralität finden kann. 1757 erscheint in Frankfurt und Leipzig die Zuverläßige Lebens-Geschichte des grosbritannischen Admirals von der weissen Flagge, Johann Byng, welcher am 14. März 1757. nach Urtel und Recht am Boord des Kriegs Schiffes der Monarch erschossen worden, nebst einem kurzen Vorbericht von der jetzigen Verfassung der grosbritannischen See Macht. 

Die Familie von John Byng wird auf seinen Grabstein in der All Saints Church in Southill schreiben lassen:

To the perpetual Disgrace
of PUBLICK JUSTICE
The Honble JOHN BYNG Esqr
Admiral of the Blue
Fell a MARTYR to
POLITICAL PERSECUTION
March 14th in the year 1757 when
BRAVERY and LOYALTY
were insufficinet Securities
For the
Life and Honour
of a
NAVAL OFFICER 


Sie hätten auch I am a man More sinn'd against than sinning aus Shakespeares King Lear nehmen können. Ein Versuch der Familie im Jahre 2007, einen Pardon für ihren Vorfahren zu erreichen, wurde vom Verteidigungsministerium abgelehnt. Vierzig Jahre nach dem Justizmord, kümmert sich niemand mehr um die drakonische Auslegung der Articles von War. Als Admiral Jervis den Admiral Robert Mann nach Cadiz beordert, meldet sich der zwar mit seinen sieben Schiffen zur Stelle, muss aber zurück nach Gibraltar, um seine Flotte zu verproviantieren. Auf dem Weg begegnet er einer spanischen Flotte, da wird ihm das Mittelmeer zu heiß. Er segelt nach England zurück, John Jervis muss die Herrschaft über das Mittelmeer erst mal aufgeben. Todesurteil für Admiral Mann? Nichts davon, Rüge der Admiralität. Men had become more merciful, sagt Admiral Mahan in The Influence of Sea Power upon the French Revolution and Empire, 1793–1812.

Lassen wir das letzte Wort ➱Thomas Turner, einem einfachen Krämer aus East Hoathly in Sussex, der in sein Tagebuch schreibt: ...in my own private opinion I think him not that guilty person as many represent him, neither do I think it a prudent thing for him to be executed; but I suppose there was no calming a clamorous and enraged populace without taking away the life of this man, though he is an innocent person, I think innocence should more than balance popular clamour.

Menorca ist heute wieder in britischer Hand. Zwar nicht der Royal Navy, heute sind es britische Touristen.

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