Samstag, 24. Dezember 2011

La Corona


Ein Jahr ist vergangen, seit ich den Post ➱Heiligabend geschrieben habe und meine Leser mit Alt- und Mittelenglisch traktiert habe. Aber die waren das wohl schon gewohnt, dass ich sie das ganze Jahr mit englischen Texten traktierte. Ich habe heute für das Weihnachtsfest ein Sonett von John Donne gewählt, das sehr außergewöhnlich ist; merkte dann aber schnell, dass ich damit in Schwierigkeiten gerate. Das passiert einem bei John Donne immer wieder. Das Gedicht stammt aus einem Zyklus von sieben zusammenhängenden Gedichten, die den Titel ➱La Corona haben.

Immensity cloistered in thy dear womb,
Now leaves His well-belov'd imprisonment,
There He hath made Himself to His intent
Weak enough, now into the world to come;
But O, for thee, for Him, hath the inn no room?
Yet lay Him in this stall, and from the Orient,
Stars and wise men will travel to prevent
The effect of Herod's jealous general doom.
Seest thou, my soul, with thy faith's eyes, how He
Which fills all place, yet none holds Him, doth lie?
Was not His pity towards thee wondrous high,
That would have need to be pitied by thee?
Kiss Him, and with Him into Egypt go,
With His kind mother, who partakes thy woe.

Eigentlich, so sagt Helen Gardner, sind die sieben Sonette ein einziges Gedicht. Sie sind miteinander verknüpft, weil sie die Geschichte Jesu Christi erzählen - und weil die jeweils erste Zeile die letzte Zeile des vorhergehenden Gedicht aufnimmt. Die corona des Titels wird sofort in der ersten Zeile des ersten Sonetts aufgenommen: Deign at my hands this crown of prayer and praise. Das ist schon ein geistvolles Spiel. Und natürlich endet das dem immensity, cloister'd in thy dear womb vorangehende Gedicht auf:

Whom thou conceivest, conceived ; yea, thou art now
Thy Maker's maker, and thy Father's mother,
Thou hast light in dark, and shutt'st in little room
Immensity, cloister'd in thy dear womb.


La Corona gehört zu den frühesten religiösen Gedichten von John Donne, die Holy Sonnets werden wenige Zeit später folgen. Er schreibt jetzt religiöse Lyrik, er übt sich ein für seinen neuen Beruf. Wir kennen ihn sonst ja eher als Verfasser von Liebeslyrik. So gewagten Liebesgedichten wie die Elegy XX (To His Mistress Going to Bed). Für den Verfasser von Liebesgedichten bedeutet dear womb auch etwas anderes als es hier bedeutet. Aber er hat das Bild womb - prison nicht vergessen, er wird es zehn Jahre später noch einmal in einer Predigt gebrauchen: We are all conceived in close Prison; in our Mothers wombs, we are close Prisoners all; when we are borne, we are borne but to the liberty of the house; Prisoners still, though within larger walls; and then all our life is but a going out to the place of Execution, to death.

Es ist eine gefährliche Sache für John Donne, religiöse Lyrik zu schreiben. Katholiken sind unter James I nicht en vogue, auf jeden Fall nicht für Hof- und Staatsämter. Wann immer er auf Drängen des Königs dem katholischen Glauben abgeschworen hat, im Jahre 1615 wird er zum anglikanischen Priester geweiht. Und wird gleich Royal Chaplain. Sechs Jahre später ist er Dean der St. Paul's Cathedral. Man muss sehr flexibel sein, in diesen Jahren. Wer hat da nicht in England seit den Tagen von Henry VIII seinen Kopf verloren? Die Bildlichkeit von La Corona ist, wie Helen Gardner gezeigt hat, noch von dem katholischen Glauben geprägt, mit dem John Donne aufgewachsen ist. Dem Dichter gelingt der Spagat zwischen Religiösem und Weltlichem, zwischen Rom und anglikanischer Staatskirche. Seine religiöse Lyrik benutzt die gleiche Symbolik wie seine Liebeslyrik. Und vice versa. Und dass La Corona eigentlich eine katholische Madonnenverehrung ist, das merken nur Dame Helen und John Carey (dessen Buch John Donne: Life, Mind and Art die beste Einführung in das Werk von John Donne ist). Und warum auch nicht? Was sollen die künstlichen Grenzen zwischen den Religionen?

Ich möchte all meinen Lesern ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Meine Leser werden ja immer zahlreicher. Im Januar 2010, als ich die Welt der blogosphere betrat, waren es nur einige hundert, im Dezember vor einem Jahr wurde dieser Blog 18.000 Mal angeklickt. Falls Sie durch Zufall auf diese Seite gelangt sind und Weihnachten noch nicht vorhaben: Lesen Sie doch einfach mal alles in diesem Blog, vom Januar 2010 an!

Und die Bilder heute sind für all die kleingläubigen Leser, die gestern gemeckert haben, man könne den knienden Ochsen auf dem Bild von Honthorst nicht erkennen. Das hier auf den Bildern von Gerard David, Fra Angelico, Gentile da Fabriano und Pieter Aertsen, das sind alles einwandfrei kniende Ochsen.

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