Donnerstag, 15. Dezember 2011

Post


Die Post bringt keinen Brief für dich. Was drängst du denn so wunderlich, Mein Herz? heißt es in Schuberts Winterreise. Ich kenne das, wenn man keine Post bekommt. Seit einigen Monaten. Weil die Zustellbezirke neu geschnitten sind, wie man mir nach den ersten Beschwerden mitteilte. Ich hatte mal 15 Jahre lang den selben Briefträger. Das war der Herr Biermann, und Herr Biermann war ein Muster an Zuverlässigkeit. Das waren deutsche Briefträger eigentlich immer. Gut, man las mal von betrunkenen Zustellern, die ihre Briefe irgendwo versteckten aber nicht zustellten. Aber das waren Ausnahmen, der deutsche Briefträger war an Zuverlässigkeit und Redlichkeit, Deutschlands Äquivalent zu Englands Bobby. Jemanden wie Walter Spahrbier kannte ganz Deutschland.

Aber jetzt ist alles anders. Weil es ja immer mal alles neu sein muss. Kann sich noch jemand an die so genannte Neue Mathematik erinnern? Mengenlehre? Hinterher konnte kein Kind mehr rechnen. Musste ja unbedingt im Unterricht eingeführt werden. Es soll ja auch mal Lateinlehrer gegeben haben, die versucht haben, die Generative Transformationsgrammatik im Lateinunterricht einzuführen. Und unter der so genannten Rechtschreibreform leide ich noch immer.

Meine Postzustellerinnen in den letzten Jahren kamen immer zur gleichen Zeit und hatten immer gute Laune. Sie bekamen zu Weihnachten eine Flasche Wein und einen größeren Geldschein. Was wohl offiziell eine Vorteilsnahme im Amt ist, aber da sie keine Bundespräsidenten sind, juckte das niemanden. Seit es hier die Zustellreform gibt, kenne ich keinen der Zusteller mehr, es sind jeden Tag andere. Kommen auch aus allen Nationen, Briefträger sind jetzt multi-kulti. Sie kommen auch an jedem Tag zu einer anderen Zeit, irgendwann zwischen 9.30 und 18 Uhr. Natürlich außer montags, da kommt keiner mehr. Die erste Woche kam auch keiner mehr, aber am Sonnabend brachte mir ein wildfremder Mann die Post der ganzen Woche. Ich bekomme neuerdings auch die Post der Nachbarn oder von Leuten, die hier gar nicht wohnen. Eine überforderte Zustellerin am Rande des Nervenzusammenbruchs schmiss die ganze Post auf die Stufen des Treppenhauses. Eine Zeitschrift, die ich im Abonnement habe, bekam ich wochenlang nicht mehr. Die Post nehme die Sache aber sehr ernst, wie sie mir auf meine Beschwerde schrieb. Weshalb sie die Zeitschriften wochenlang mit dem Hinweis Adressat unbekannt verzogen an den Absender zurückgeschickt hatten, erklärten sie aber nicht.

Als ich drei Tage hintereinander zur Hauptpost musste (kilometermeterweit entfernt), um Büchersendungen abzuholen, die angeblich nicht durch den Briefschlitz passten (passten natürlich leicht und locker), wollte ich mich beschweren. Damit haben wir nichts zu tun, wir sind Beamte, sagte mir ein Herr in Blau mit FDP-gelbem Schlips. Den Satz fand ich toll. Er zauberte aber mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit - Billie the Kid hätte seinen Colt nicht schneller gezogen - ein Kärtchen aus der Tasche. Da könne ich anrufen. Man landet natürlich bei einem Callcenter, wahrscheinlich irgendwo in Rumänien. Was ist bloß aus der guten alten face to face communication geworden?

Diese Callcenter, in denen natürlich keine Callgirls arbeiten, sind die moderne Version der Flakgeschütze. Als erstes kommt dieses grauenhafte Musik vom Band, als nächstes kommt eine blecherne Computerstimme, die sagt, dass man die Vier drücken soll... - ich brauche das nicht zu beschreiben. Sie kennen das. Viele geben jetzt schon auf, dann hat die Callcenter Flak gewonnen. Wenn man in angeblich feinen Geschäften nicht bedient wird, kann man immer noch einen teuren Gegenstand aus dem Regal nehmen und laut fragen, ob das zerbrechlich ist. Es ist erstaunlich, wie schnell man dann die Aufmerksamkeit des schnöseligen Personals bekommt. Früher gab es in einem Postamt einen Betriebsleiter, intern BL abgekürzt (was inoffiziell bei der Post Blöder Lümmel hieß), bei dem konnte man sich beschweren. Heute gibt es ja kaum noch Postämter. Aber dafür diese Beamten, die damit nichts zu tun haben und einem die Telephonnummern der Callcenter in die Hand drücken.

Ich würde ja zu gerne diesen Strategen, der sich das neue Briefverteilungssystem ausgedacht hat, wirklich einmal sehen. So in Griffnähe. Aber was soll das Klagen? Die Unfähigkeit der Post ist seit langem bekannt, schon vor Jahren hat die Bundesnetzagentur der Post Bußgelder angedroht. Wenn der Postmann gar nicht klingelt hieß ein Artikel der Süddeutschen im Jahre 2005. Es hat sich nichts geändert, es wird sich nichts ändern. Früher haben wir uns über die unfähige italienische Post totgelacht. Es fragt sich nur, wer heute der Italiener ist. Vielleicht sollte die Post AG ihre Geschäfte wieder der Familie Thurn&Taxis übergeben.

Beschweren Sie sich nur häufig, damit die da oben mal wissen, was hier los ist, vertraute mir ein Zusteller vor Wochen an. Vielleicht haben Beschwerden ja Erfolg. Ich hatte einmal Erfolg damit, es ist aber schon Jahrzehnte her. Ich hatte mich förmlich und formell über die Deutsche Bundespost beschwert, weil sie Adressen, die sie von den Kreiswehrersatzämtern bekommen hatte, an die Werbung verkauft hatte. Nach meiner Rechtsauffassung durfte das nicht sein. Ich bekam zwei Briefe, die mir bestätigten, dass die Beschwerde eingegangen sei. Dann hörte ich nie mehr etwas davon. Ich hatte das Ganze längst vergessen, als mich ein Jahrzehnt später ein Schulfreund anrief, der jetzt Bundestagsabgeordneter war. Er erzählte mir, dass der Postausschuss des Bundestages mir Recht gegeben hätte. Cool.

Eins weiß ich allerdings: dieses Pack von irregulären Zustellern kriegt nix zu Weihnachten. Alles, was ich hier gesagt habe, gilt natürlich nicht für mein reizendes Postamt um die Ecke, das durch ein Wunder erhalten geblieben ist. Die sind alle riesig nett, und zeigen so, dass es durchaus anders gehen könnte. Letztes Jahr habe ich ihnen einen 6er Karton Wein hingeschleppt, weil sie mir mal einen großen Gefallen getan hatten. Und damit dieser Post-Post doch noch einen kulturellen touch bekommt, gibt es zum Schluss ein schönes Gedicht von Rabindranath Tagore, das The Wicked Postman heißt.

Why do you sit there on the floor so quiet and silent, tell me,
mother dear?
The rain is coming in through the open window, making you all
wet, and you don't mind it.
Do you hear the gong striking four? It is time for my brother
to come home from school.
What has happened to you that you look so strange?
Haven't you got a letter from father today?
I saw the postman bringing letters in his bag for almost
everybody in the town.
Only father's letters he keeps to read himself. I am sure the
postman is a wicked man.
But don't be unhappy about that, mother dear.
Tomorrow is market day in the next village. You ask your maid
to buy some pens and papers.
I myself will write all father's letters; you will not find
a single mistake.
I shall write from A right up to K.
But, mother, why do you smile?
You don't believe that I can write as nicely as father does!
But I shall rule my paper carefully, and write all the letters
beautifully big.
When I finish my writing do you think I shall be so foolish
as father and drop it into the horrid postman's bag?
I shall bring it to you myself without waiting, and letter by
letter help you to read my writing.
I know the postman does not like to give you the really nice
letters.

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