Mittwoch, 21. Dezember 2011

Hooker


Es kann in diesen Tagen nicht schaden, mal wieder Gedichte zu lesen. So als Gegengift zu Sprüchen wie Weihnachten wird unterm Baum entschieden und solchen weepies wie Love Actually oder dem kleinen Lord im TV. Da vermisse ich noch Tödliche Weihnachten, aber ich bin sicher, dass der Film noch kommt. Meine Top Hits von Weihnachtsgedichten, T.S. Eliots Journey of the Magi und Andrew Hudgins' The Adoration of the Magi habe ich schon im letzten Jahr präsentiert. Sie können sie natürlich auch jetzt noch einmal ➱hier lesen. Heute gibt es hier etwas Unbekannteres, das Gedicht Christmas Eve Under Hooker's Statue aus der Sammlung Lord Weary's Castle von Robert Lowell:

Tonight a blackout. Twenty years ago
I hung my stocking on the tree, and hell's
Serpent entwined the apple in the toe
To sting the child with knowledge. Hooker's heels
Kicking at nothing in the shifting snow,
A cannon and a cairn of cannon balls
Rusting before the blackened Statehouse, know
How the long horn of plenty broke like glass
In Hooker's gauntlets. Once I came from Mass;

Now storm-clouds shelter Christmas, once again
Mars meets his fruitless star with open arms,
His heavy saber flashes with the rime,
The war-god's bronzed and empty forehead forms
Anonymous machinery from raw men;
The cannon on the Common cannot stun
The blundering butcher as he rides on Time—
The barrel clinks with holly. I am cold:
I ask for bread, my father gives me mould;

His stocking is full of stones. Santa in red
Is crowned with wizened berries. Man of war,
Where is the summer's garden? In its bed
The ancient speckled serpent will appear,
And black-eyed susan with her frizzled head.
When Chancellorsville mowed down the volunteer,
"All wars are boyish," Herman Melville said;
But we are old, our fields are running wild:
Till Christ again turn wanderer and child.

Das Gedicht ist während des Zweiten Weltkriegs geschrieben worden (und war in verschiedenen Versionen in den Jahren 1943 und 1944 schon veröffentlicht worden). Aus dem Krieg erklärt sich auch die Verdunklung (Tonight a blackout) und das blackened Statehouse - man hatte die goldene Kuppel des Massachusetts State House schwarz übermalt. Weshalb man sich in Boston vor Luftangriffen fürchtet, weiß ich nicht. Die Japaner oder die Deutschen werden wohl kaum bis Neuengland kommen.

Mit dem Denkmal des Generals Hooker vor dem Massachusetts State House erinnert Lowell an einen der unfähigsten Generale des Bürgerkrieg, diesen Fighting Joe Hooker, der die Schlacht von ➱Chancellorsville verloren hat. Aber auch er hat ein Denkmal bekommen. Es wird immer wieder gesagt, dass das Wort hooker (für Nutte) von Joe Hooker kommt - dessen Hauptquartier voller hookers war - aber diese amüsante Etymologie stimmt wohl nicht. 

Es ist die Aufgabe des Dichters, in Zeiten des Krieges seine Stimme zu erheben. Auf jeden Fall tut Robert Lowell das. Immer wieder. Aber es wird immer wieder Kriege geben, was ist nur aus den Worten Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen (Lukas 2,14) geworden? Weihnachten 1943 ist Robert Lowell kein freier Mann mehr. Man hat ihn zuerst in eine Irrenanstalt dann ins Gefängnis gesperrt, weil er dem Präsidenten diesen ➱Brief geschrieben hat. Und den Kriegsdienst (was für ein Wort!) verweigert hat. "All wars are boyish," Herman Melville said. Da kann man nur die Hoffnung auf die letzte Zeile des Gedichts, Till Christ again turn wanderer and child, setzen.


Ich habe auf YouTube eine etwas schräge ➱Inszenierung dieses Gedichts gefunden. Wenn man mehr als die Wörter auf dem Papier braucht, dann ist man bei dieser Mickeymausisierung der Literatur richtig aufgehoben.

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