Montag, 2. Juli 2018

Orthopäden


Wann waren Sie zum letzten Mal beim Orthopäden? fragte mich der Orthopäde. Ich dachte kurz nach und sagte: Vor fünfzig Jahren. Wenn Sie Poems are the MRI's of the soul und Gehen - Schreiben gelesen haben, dann wissen Sie, dass dieser Blogger zur Zeit ein wenig unter einer Lumboischialgie und anderen Dingen, die auch schöne lateinische und griechische Namen haben, leidet. Ich will das jetzt nicht vertiefen, ich möchte mal eben eine Geschichte erzählen, die von Orthopäden handelt und die irgendwo bei den Abenteuern des braven Soldaten Schweijk stehen könnte.

Ich war in einem Herbstmanöver der Bundeswehr gewesen und hatte einen kleinen Manöverunfall, der mich in das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg-Wandsbek beförderte. Ich habe das schon in dem Post Utta Danella erwähnt. Zum Weihnachtsfest sagte der Generalarzt zu mir (ich hatte Hals und Schulter in Gips): Die Schwester wird Ihnen heute abend ein Pikkolöchen einflößen. Irgendwann kam der Gips ab, und es gab so etwas wie Krankengymnastik. Mit dem Medizinball, das war sozusagen die krankengymnastische Steinzeit. Heute weiß ich mit meinem lahmen Bein, was Physiotherapeutinnen und Krankengymnastinnen alles können. Die kommen zweimal die Woche vorbei und quälen mich wie die Girls von St Trinian's, aber sie verstehen von dem Ganzen wahrscheinlich mehr als der normale Orthopäde.

Wenn auch die Orthopädie kein Vorzeigestück von Wandsbek war, die Chirurgie war es. Halb Afrika war da. Junge Männer, die in irgendwelchen sinnlosen Kriegen Körperteile verloren hatten. Meistens durch Minen. Ein Assistenzarzt erzählte mir, dass Hamburger Chirurgen hier Schlange ständen, um einmal hier operieren zu dürfen. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auf jeden Fall für Chirurgen, ob es Friedrich von Esmarch oder die Chirurgen des MASH sind.

Ich will über das Wandsbeker Bundeswehrkrankenhaus nichts Böses sagen, dies war Hamburg, nicht Rostrup, über das Jochen Schimmang den Roman Der schöne Vogel Phönix schrieb. Ich lag erster Klasse, mein Gehalt lief weiter, Freunde und Freundinnen, die in Hamburg studierten, besuchten mich. H. fand es rattenscharf, mal in einem Bundeswehrlazarett zu knutschen. Als ich Wandsbek verließ, kriegte ich mal gerade die rechte Hand zum Gruß an den Mützenschirm, aber viel mehr war da nicht. Außerdem hatte ich als Neuerwerbung einen Tinnitus, den ich bis heute behalten habe.

Ich war wieder ein freier Mensch, aber es gab zahlreiche Verluste. Meine Karriere als Handballtorwart konnte ich mir abschminken, beim Tennis kriegte ich keinen Aufschlag mehr hin, und vom Cricket reden wir lieber nicht. Ich hatte die sicherlich sonderbare Idee, dass mir die Bundeswehr ein wenig an orthopädischer Hilfe spendieren sollte. Ich musste zum Amtsarzt und bekam Wochen später einen Bescheid, dass die Bundeswehr zu keiner finanziellen Leistung verpflichtet sei. Weil meine Beschwerden nichts mit dem Manöverunfall zu tun hätten, sondern auf eine in der Jugend unbemerkt durchgemachte Scheuermannsche Krankheit zurückgingen. Man muss sich so etwas auf der Zunge zergehen lassen. Vor einem halben Jahrhundert ließ man sich so etwas bieten, heute wohl nicht mehr.

Das nächste Jahr begann mit einer Überraschung: die Bundeswehr teilte mir mit, dass ich mir in Bremen meine Ernennungsurkunde zum Oberleutnant der Reserve abholen könne. Die Buskosten würden erstattet, und ich sei berechtigt, meine Uniform zu tragen. Auf letzteres verzichtete ich, ich zog einen Anzug an und trug meinen wunderbaren gelben Lamamantel. Ich hätte jetzt auch wieder militärisch grüßen können, viel Schwimmen und Gymnastik von einer blonden OP-Schwester hatten dafür gesorgt. Aber ich war mit der Bundeswehr fertig.

Die allerdings nicht mit mir. Ich erhielt plötzlich eine Aufforderung zu einer dreimonatigen Wehrübung (Kompaniecheflehrgang) in Hammelburg. Hammelburg kommt in der US Serie Hogan's Heroes vor, das sollte für jedermann ausreichen. Munster, Bergen-Hohne, Sennelager, alles schön und gut, aber nicht Hammelburg. Und nicht drei Monate. Ich begann einen mehrmonatigen Briefkrieg mit dem Verteidigungsministerium. Meine Trumpfkarte mit dem Manöverunfall spielte ich erst zum Schluss aus. Da war dann erst einmal vier Wochen Ruhe. Danach wurde ich aufgefordert, mich im Kreiswehrersatzamt bei einem Stabsarzt zu melden. Der Mann war sehr nett, er war noch nicht lange beim Bund. Wenn er dem Kleiderbullen auf der Kleiderkammer einen Geldschein zugesteckt hätte, hätte er eine Uniform bekommen, in die er hineinpasste.

Eine ärztliche Untersuchung fand allerdings nicht statt. Der Stabsarzt teilte mir mit, dass meine gesamten medizinischen Unterlagen auf dem Dienstweg verloren gegangen sein. Er musste sich sehr beherrschen, um diesen Satz herauszubekommen. Und dann sagte er, ihm sei das hier alles zu blöd, gab mir eine Überweisung für Privatpatienten und sagte mir, ich könne mir einen Orthopäden meiner Wahl für eine ärztliche Untersuchung aussuchen. Ich rief meinen Bruder an, der gerade sein Medizinstudium begann und fragte: Wer ist der beste Orthopäde im Ort? Die Antwort war: Dr Altenstein. Ich machte einen Termin bei der Koryphäe, wurde höflich behandelt, geröntgt und untersucht. Und zum Schluß sagte Altenstein, während er meine Röntgenbilder vor dem Milchglasschirm betrachtete: Die Bundeswehr will Sie haben? Infanterie? Da kann ich nur sagen: Ha, ha, ha. Das war das Ende meiner militärischen Karriere. Laut der Akten in meinem Wehrpaß hat die Untersuchung durch Dr Guenter Altenstein nie stattgefunden.

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