Freitag, 6. Juli 2018

Tagesausflug


Du hast ja immer viel photographiert, sagte Frank. Gute Bilder, schob er nach. Das war nett. Photographierst Du noch? Was soll man da sagen? Das Desaster von dem Kindergeburtstag erwähnen, wo die Kiddies nach dem Knipsen kein Bild in der Kamera sehen konnten? So etwas kann eine Exakta noch nicht. Und ein großer Gossen Belichtungsmesser ist keine Minikamera. Ich rede mit Frank über das Bild, das ich auf der Fahrt nach Helgoland von ihm gemacht habe. Über die Reling hängend und grün im Gesicht? Nein, nichts davon, Frank scheint auf dem Bild mit einer Kabinentür zu kämpfen, die nicht aufgehen will. Wir sind jenseits von Rote Sand, die Wellen sind kabbelig geworden, und der Wind hat aufgeböt. Da werden heute noch viele seekrank werden, die ganze Schule ist an Bord. Der Direktor hat ein Schiff gemietet, sein Stellvertreter Willy Klevenhusen macht die Organisation. Eltern dürfen auch mitfahren. Der beste Schulausflug aller Zeiten, viel besser als die staatstragende Busreise an die Zonengrenze bei Helmstedt. Leider kaum Mädels an Bord, Koedukation kommt bei uns erst im nächsten Jahr (wir sind für Philip Larkins Annus Mirabilis noch zu früh dran).

Wir stechen nicht von Bremerhaven aus in See. Nein, wir gehen in Vegesack vom Anleger neben dem Ruderverein an Bord, dann geht es die ganze Unterweser entlang. Sieht man sonst nur vom Segelboot oder dem Schreiber Dampfer aus. Ist für viele auch gut, sich an das Schiff zu gewöhnen. Wem in Oberhammelwarden schon schlecht ist, der wird in der Nordsee Schwierigkeiten haben. Das Portrait von Frank habe ich auf 13x18 vergrößert, habe ich mit allen guten Bildern gemacht. Er hat gar nicht gemerkt, dass er photographiert wurde, so sollen Portraits sein. Ich kriege an dem Tag beinahe die ganze Schule auf zwei Filme. Natürlich alles in schwarz-weiß, noch sind wir kleinen Nachfolger von Henri Cartier-Bresson echte Puristen. Und ein Gelbfilter ist heute bei dem Himmel auch angebracht.

Ich photographiere mich langsam über das ganze Oberdeck, ich kann mich heute noch mit jedem Photo an jeden Augenblick der Reise erinnern: Lehrer auf Deckstühlen, wie unser Klassenlehrer Gustav Renziehausen (von dem ich das Gerücht in die Welt setze, dass er mit Eva Renzi verwandt ist). Neben ihm unser Lateinlehrer, der etwas liest, das eher nach einem schlimmen Krimi als nach Sallust aussieht (dass er ein Nazi gewesen war, wusste damals niemand). Unser erster Klassenlehrer am Gymnasium, Hermann Bollenhagen, ist im Gespräch mit Volker Harjehusen, der Kapitän werden wird. Massenhaft Freunde und Mitschüler. Peter Umlandt beim Skatspielen, Peter Köpp, elegant in seinem weißen Norwegerpullover mit braunen Mustern drauf und dann unser neuer Mitschüler, dessen Vater das Lokal Meyer-Farge-Schiffsansage gepachtet hat. Auch manche Eltern sind auf den Bildern. Ulis Vater, der bei der Kriegsmarine ein tolles U-Boot Fernglas, dick mit hellgrünem Gummi ummantelt, geklaut hat. Und meine Mutter beim Skatspielen mit Schülern. Da machen jetzt mal andere die Erfahrung, wie das ist, wenn man mit einer Frau Karten spielt, die notorisch schummelt. Ist mir auch lieber, dass sie Karten spielt, als wenn sie Kleine Möwe, flieg nach Helgoland singt.

Jeder redet jetzt mit jedem, ein richtiges Gemeinschaftserlebnis, es gab ein Leben vor dem Mobiltelephon. Auf der Rückfahrt werden tolle Geschichten erzählt, wie man den Zoll ausgetrickst hat. Unserem Englischlehrer Toni Winkelsesser soll die geschmuggelte Flasche Whisky aus dem Mantel gerutscht und am Boden zerbrochen sein. Ein anderes Opfer des Whiskyschmuggels soll Bernd Neumann gewesen sein, der aus lauter Angst vor der Entdeckung beim Zoll eine halbe Flasche Whisky ausgetrunken hat. Soll dann besinnungslos auf der Rückreise auf dem Oberdeck gelegen haben. Hat mir Uwe erzählt, der Bernd auf den Tod nicht ausstehen kann. Stimmen könnte die Geschichte schon, der Bernd war furchtbar doof. Hindert ihn nicht daran, Politiker zu werden.

Irgendwann werde ich das Photo mit der Kabinentür und Frank mal kopieren und dem Frank schicken. Wäre ja auch schön, wenn ich es hier einscannen könnte. Bin aber nicht intelligent genug dafür. Heike hat mir vor zwei Jahren den Scanner geschenkt, kann ich immer noch nicht mit umgehen. Habe auch kein I-Phone und kein Handy, läuft alles an mir vorbei. Und was machst Du so? fragt der Frank. Was der Frank macht, weiß ich, hat mir Peter Umlandt vor Jahren erzählt. Ja, was mache ich? Das halbe Leben an der Uni, jetzt Blogger. Blogger kann alles oder nichts heißen, deshalb übertreibe ich mal eben: Ich schreibe einen des besten deutschen Kulturblogs. Kommt meine Tochter drin vor? fragt Frank. Nur dann ist das ein guter Kulturblog. Da hat er mich. Woher soll ich wissen, dass seine Tochter Anna die Tanzdramaturgin am Frankfurter Mousonturm ist? Und dass der Sohn an der polnischen Filmakademie (ein Nachfolger von Wajda und Polanski?) studiert hat?

Nunc pede libero pulsanda tellus, wofür waren wir die Lateinklasse? Es wird zu wenig getanzt in diesem Blog. Es gibt Posts, die Fontane tanzt, Ratten, Tänzer, Tango oder Abtanzball heißen, doch das ist nicht viel. Aber immerhin wird jetzt bei mir Anna Wagner erwähnt.

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