Dienstag, 3. Juli 2018

Nichtverstehen


Der junge Handwerksbursche aus Tuttlingen hört in Amsterdam nur Kannitverstan. Gut, das sind ➱Holländer, die sind schwer zu verstehen, aber wie steht es mit uns? Frau Merkel versteht Seehofer nicht, und anders herum. Dann haben wir eine Staatskrise, das ZDF sendet ein Spezial nach dem anderen, die politischen Kaffeesatzleser werden vor die Kameras gezerrt, und in den Talkshows treffen sich diejenigen, die hier sowieso immer sitzen.

Dabei scheint das Nichtverstehen für manche Philosophen etwas Positives zu haben, so kündigt ein Projektkolleg namens ➱Anoetik Formen und Leistungen des Nichtverstehens an: In der gegenwärtigen ästhetischen Theoriebildung und der Auseinandersetzung mit künstlerischen Gegenständen kommt dem Kulturerbe der hermeneutischen Tradition meist nur noch eine untergeordnete Rolle zu, scheint sie doch durch die radikal verstehensskeptischen Ansätze (namentlich der Dekonstruktion) längst obsolet geworden zu sein. Ein anderes Bild bietet die sprachanalytische Philosophie, in der neuere Einsichten zur ›Operation des Verstehens‹, insbesondere aber zum Phänomen des Nichtverstehens eine revidierte hermeneutische Epistemologie nahelegen. Das hier skizzierte Projekt möchte solche Konturen und Kategorien einer ›anoetischen‹ Subjektivität nachzeichnen, die das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreift, und im Umgang mit ästhetischen Objekten aus Literatur, Kunst und Musik produktiv machen. Damit verbindet sich zugleich die methodische Frage nach dem Grundriss einer philosophisch-ästhetischen Hermeneutik nach der Postmoderne, die im beirrenden Moment des Nichtverstehens ihren Ausgang findet.

Ich nehme an, Sie haben alles verstanden. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Schließlich kann man das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreifen. Wie sagte Wittgenstein so schön? Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.


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