Donnerstag, 28. Februar 2013

Michel de Montaigne


Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein, sagt Schopenhauer. Neuerdings machen Philosophen und Pseudophilosophen Kasse, indem sie Bücher über das Glück schreiben. Das reicht von dem Glücksforscher Wilhelm Schmid über Richard David  Precht bis zu Florian Langenscheidts Handbuch zum Glück oder Eckart von Hirschhausens Glück kommt selten allein. Alles hinausgeworfenes Geld. Für all diese neumodischen Glückforscher gilt der Satz Mancher will sprechen lernen zu einem Zeitpunkt, wo er lernen sollte, endgültig zu schweigen. Es gibt nur einen, den es zu lesen lohnt. Und das ist natürlich niemand anderes als Michel Eyquem de Montaigne, der heute vor 480 Jahren geboren wurde.

Natürlich wäre das ein Grund, einen richtig schönen Montaigne Artikel zu schreiben. Aber - Sie ahnen das schon - der steht ➱hier schon im Blog. Montaigne hat den Essay zu einer Vollendung gebracht, die kaum wieder erreicht worden ist. Es ist nicht jedermanns Literaturform, für Ben Jonson waren es nur a few loose paragraphs and that's all. Glücklicherweise haben Ben Jonsons Landsleute nicht auf ihn gehört und den Essay beständig als eigene Gattung gepflegt. Die schon zu Ben Jonsons Lebzeiten mit Francis Bacon einen Höhepunkt hat. Und der wir Essays von Samuel Johnson, William Hazlitt, Matthew Arnold, T.S. Eliot, George Orwell und Graham Greene verdanken, werfen Sie doch einmal einen Blick auf diese (sicher nicht vollständige) Liste. Und da sind die Amerikaner von ➱Ralph Waldo Emerson bis Joan Didion noch nicht einmal dabei. Und natürlich habe ich von all denen ein wenig profitiert. Denn sind nicht alle Blogger Essayisten? Wäre Montaigne heute Blogger?

Leider steht der Name Zadie Smith nicht auf der Wikipedia Liste. Die Frau, die mit White Teeth zu Recht berühmt geworden war, tendierte in den letzten Jahren immer weiter weg vom Roman. Hin zum Essay. Sie hatte sogar eine Art programmatischen Essay darüber geschrieben, der mit dem Absatz beginnt: Why do novelists write essays? Most publishers would rather have a novel. Bookshops don’t know where to put them. It’s a rare reader who seeks them out with any sense of urgency. Still, in recent months Jonathan Safran Foer, Margaret Drabble, Chinua Achebe and Michael Chabon, among others, have published essays, and so this month will I. And though I think I know why I wrote mine, I wonder why they wrote theirs, and whether we all mean the same thing by the word “essay”, and what an essay is, exactly, these days. The noun has an unstable history, shape-shifting over the centuries in its little corner of the OED. Der Artikel ist viel diskutiert worden (Sie finden ihn, wenn Sie ihn lesen wollen, hier). Den Lesern, die Zadie Smith wegen ihrer Romane lieben, sei aber gesagt: ihr neuestes Buch NW (gerade erschienen) ist wieder ein Roman.

Der fetzig anfängtThe fat sun stalls by the phone masts. Anti-climb paint turns sulphurous on school gates and lampposts. In Willesden people go barefoot, the streets turn European, there is a mania for eating outside. She keeps to the shade. Redheaded. On the radio: I am the sole author of the dictionary that defines me. A good line—write it out on the back of a magazine. In a hammock, in the garden of a basement flat. Fenced in, on all sides. Allerdings würde Joan Didion so etwas auch in einem Essay schreiben, der amerikanische New Journalism mit seiner non-fiction novel und der creative reportage hat neue Formen für alles gefunden. Irgendwann gibt es nur noch Mischformen, panta rhei. Natürlich ist das Internet voll mit guten Ratschlägen für How To Write An Essay. Wenn Sie bei Google How to Write an Essay eingeben, erhalten Sie ungefähr 123.000.000 Ergebnisse in 0,11 Sekunden. Weil der Essay in der englischsprachigen Welt immer noch etwas ist, mit dem Lehrer Schüler quälen können. Aus denen bekanntlich selten berühmte Essayisten werden. Denn wenn man glaubt, es gäbe feste Regeln, sollte man an Dr Johnsons Diktum von A loose sally of the mind; an irregular undigested piece; not a regularly and orderly composition denken.

Gibt man Michel de Montaigne ein, bekommt man nur zehn Prozent dieser Ergebnisse. Aber ich brauche all diese Ratschläge nicht, die in Büchern stehen, deren Titel mit How to anfängt. Ich schreibe ja heute keinen Essay über Montaigne. Das habe ich schon getan, vielleicht haben mir meine Leser ja im Geiste gute Noten gegeben. Why write about Montaigne? fragt die Engländerin Sarah Bakewell, die hier schon einmal erwähnt wurde. Sie hat gerade ein Buch über Montaigne geschrieben hat: How to Live: A Life of Montaigne in One Question and Twenty Attempts at an Answer. Und sie hat auch eine Antwort: One answer is that he is one of the most appealing, likeable writers ever to have lived. Another is that he helped make us the way we are. Had he not existed, or had his own life gone slightly differently, we too would be a little bit different. Sarah Bakewells Buch hat in wenigen Monaten in Deutschland schon seine vierte Auflage erreicht. Was beweist, dass sich Montaigne gegen Schmid, Precht et.al. immer noch leicht behaupten kannDas ist sehr beruhigend. Beginnen wir also den Geburtstag von Montaigne mit einem Zitat:

Wir trachten nach anderen Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen. Wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen - auch auf ihnen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.

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