Montag, 29. Juni 2015

Bayreuth


Am 29. Juni 1951 wurden die ersten Richard Wagner Festspiele nach dem Krieg in Bayreuth feierlich eröffnet. Das musste offensichtlich sein. 1945 hätte man das wahrscheinlich nicht gewagt. Der Bundespräsident ➱Theodor Heuss, der nicht unbedingt zu den Wagner Freunden zählte, hatte irgendeinen Grund gefunden, um nicht zu kommen. Ich weiß, das Bild mit diesem Österreicher in Uniform passt jetzt nicht so richtig zu der festlichen Stimmung, aber welches Bild passt schon zu Bayreuth? Merkel mit großem Ausschnitt? Den lila Seidenzweiteiler (ohne großen Ausschnitt), den sie beim Besuch der ➱Queen trug, hat sie übrigens 2007 in Bayreuth (und 2010 noch mal in Salzburg) getragen. An dieser Sparsamkeit können sich die ➱Griechen mal ein Beispiel nehmen.

Die englische Königin hat offensichtlich keine so große Lust, den Maulwurfshügel in Bayreuth zu besuchen. Als sie vor fünfzig Jahren in Deutschland war, hat sie in München Richard Strauß' Oper Der Rosenkavalier gesehen. Fritz Wunderlich sang damals die Arie des italienischen Sängers Di Rigori Armato Il Seno (klicken Sie einmal ➱hier). Die Gesamtaufnahme der Oper gibt es bei Orfeo, der Kauf lohnt sich unbedingt. Es wird übrigens während der ganzen Oper so gut wie gar nicht geklatscht. Nur bei Wunderlichs Auftritt. Sie könnten sich natürlich auch ➱Anton Dermota anhören, der das auch sehr schön singt. Aber ➱Jonas Kaufmann lieber nicht.

Das typische Publikum in Bayreuth sieht nun mal so aus wie der Österreicher oben, wie Frau Merkel, wie Herr von und zu Guttenberg (der aus Bayreuth sogar einen Doktortitel bekam) oder wie dieses junge Paar - da kann man nichts machen. In Glyndebourne, wo sehr selten Wagner gespielt wird, sieht das Publikum etwas anders aus.

Erstaunlicherweise liebte John Christie, der Glyndebourne gründete, den Komponisten Richard Wagner. Sein Dirigent Fritz Busch, den die Nazis vertrieben, eigentlich auch. Der berichtet über ein Gespräch mit Göring: Ich sagte, dass ich keinem jüdischen Kollegen den Platz wegnehmen würde. – Göring: „Na, lieber Freund, wir haben ja auch Mittel in der Hand, Sie dazu zu zwingen!“ - „Versuchen Sie das nur“, platzte ich heraus. „An einem erzwungenen ‚Tannhäuser‘ unter meiner Leitung werden Sie keine Freude haben. So etwas Stinklangweiliges haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gehört“.

Chiefinspector ➱Morse liebt auch Wagner. Und auch sein ehemaliger Sergeant, ➱Inspector Lewis, hat zur Musik gefunden. Will sogar einmal mit der schnuckeligen Dr Laura Hobson nach Glyndebourne. Aber da kommt ihm ein Mord dazwischen, ist wahrscheinlich besser so. Eigentlich ist das nicht seine Welt. Wer zur Welt von Bayreuth gehört, das wissen wir aus den bunten Klatschpostillen, die jedes Jahr von dem Promiauftrieb berichten. Wenn es nicht schon vorher etwas aus Bayreuth zu berichten gab. Bayreuth ohne Klatsch geht nicht. Ohne Skandale auch nicht. Noch vor Wochen hieß es, dass Eva Wagner-Pasquiers angeblich Hausverbot auf dem Hügel habe.

Ich bin übrigens nicht der einzige, der bei dem Namen Bayreuth die Assoziation Adolf Hitler hat. Ich las letztens in Perlen &Trüffel: Eine kleine Reise durch 25 Jahre Verlagsgeschichte (einem Sammelband über den Tiamat Verlag) etwas sehr Schönes von dem Holländer Harry Mulisch. Hat den Titel Faschistisches Kabuki in BayreuthIm August 1971 kam ich in Gesellschaft einiger Freunde zu den Festspielen. Ich fühlte mich wie ein Ethnologe, der ins Inland von Neuguinea gereist ist, um die letzten Überreste kannibalischer Rituale zu studieren. (…) Die achtzehnhundert Zuschauer wurden so still wie bei einer Totenfeier – mit dem Unterschied, daß es hier die Totschläger waren, die verstummten. Ich hätte gern gewußt, ob das Theater auch ausgereicht hätte, die Menschen zu fassen, die von den Anwesenden umgebracht worden waren. (…) Wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte, wäre es dort genauso gewesen, wie es jetzt ist – nur ohne mich und noch ein paar andere Menschen. Vielleicht sollte man dazu noch den Roman Das Attentat von Harry Mulisch lesen.

Aber hinweg mit diesen bösen Assoziationen, wo bleibt das Positive? Also so etwas Schönes wie dieses?

Heiajaheia! Heiajaheia!
Wallalallalala leiajahei!
Rheingold! Rheingold!
Leuchtende Lust, wie lachst du so hell und hehr!
Glühender Glanz entgleisset dir weihlich im Wag!
Heiajahei, Heiajaheia!
Wache, Freund, wache froh!
Wonnige Spiele spenden wir dir:
flimmert der Fluss, flammet die Flut,
umfliessen wir tauchend, tanzend und singend,
im seligen Bade dein Bett.
Rheingold! Rheingold!
Heiajaheia! Wallalaleia heiajahei!


Haben Sie schon einmal Das Rheingold gelesen? Sie hätten ➱hier die Chance dazu. Nackte glitschige Rheintöchter geben mir die Gelegenheit, das Bild von ➱Albert Pinkham Ryder mit dem Titel Siegfried and the Rhine Maidens abzubilden. Ryder hatte zwei Tage nicht geschlafen und nichts gegessen (I had been to hear the opera and went home about twelve o’clock and began this picture. I worked for forty-eight hours without sleep or food), als er dieses Bild malte. Das Bild findet sich auch - und das glaubt mir jetzt wohl niemand - auf der ➱Website von Rickie Lee Jones. Die Sängerin, die ➱hier einen Post hat, singt aber glücklicherweise keine Wagner Arien. Eigentlich hätte ich ein Bild von Parzival brauchen können, aber ich will mir ➱Wolfram von Eschenbachs Epos nicht mit den grauenhaft kitschigen Gemälden des 19. Jahrhunderts versauen. Wagners Parzifal ist ein sogenanntes Bühnenweihfestspiel, das nach Wagners Willen nur im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt werden soll. Auf Parzifal komme ich, weil ich mal eben das Bayreuth Erlebnis eines Zeitgenossen von Richard Wagner zitieren möchte, der am Abend des 28. Juli 1889 an seine Gattin in Berlin schreibt:

Es ist jetzt 9 Uhr, und wenn ich bedenke, daß frühestens nach abermals einer Stunde »Parsifal« zu Ende ist, so weiß ich nicht, wie ich diese Äonen innerhalb des Theaters hätte erleben wollen. Die Ouverture habe ich gehört und im Hinausgehen noch einen glimpse von der ersten Szene gehabt; dann bin ich langsam nach Hause geschlendert (ziemlich weit) und habe gelesen, dann bin ich in die Stadt gegangen und habe erst bei einem Konditor in der Nähe der großen Brücke (gegenüber der Kaserne) und dann bei dem vielgenannten Sammet zum zweiten Male Kaffee getrunken, weil ich doch ‘was tun mußte. Dann wieder nach Hause, wo ich zwei Briefe schrieb. Diese Briefe brachte ich zur Post und ging wieder eine halbe Stunde spazieren. Dann las ich, wieder zu Hause angekommen, eine ganze Stunde und habe eben auf meinem Zimmer mein Abendbrot und meinen Tee zu mir genommen und – Parsifal ist trotzdem noch lange nicht aus. Die 1.500, die heute drin waren, müssen wundervoll gesund sein, oder 750 davon haben nach drei Tagen – denn es regnet und ist hundekalt – Katarrh, Brechdurchfall, Magenerkältung und Rheumatismus. Der passionierte Mensch hält alles aus; ich meinerseits bin doch fast traurig, auf Reisen (und vielleicht auch sonst) immer ein Schwächling gewesen zu sein. [ . . . ] Jetzt ist es 9 Uhr 20, aber Parsifal spielt noch immer. Die Eßzelte sind im Freien; es muß einige Erfrorene geben, sonst ist keine Raison mehr in der Welt.

Aus Theodor Fontane wird nie ein richtiger Wagnerianer. Ich habe zum Schluss noch ein kleines Gedicht. Es stand ➱hier schon einmal, als ich über Erwin Rennert schrieb. Aber das macht nichts, das Gedicht Fafnir folgt dem Ruf nach Bayreuth ist immer noch gut:

Ich legendäres altes Biest
hiermit nun dem bekunde,
der diese Zeilen freundlich liest:
Mich juckt meine alte Wunde.
Sie stammt von Siegfrieds Ungebühr
(tat mich mein Leben kosten) -
nun winkt in Bayreuth mir dafür
ein krisenfester Posten.

Als ich Richard Wagner in das Suchfeld eingab, war ich überrascht, wie häufig er in diesem Blog erwähnt wird. Lesen Sie auch: ➱Richard Wagner, ➱bêtes noires, ➱Jacques Offenbach, ➱Liszt Ferencz, ➱Hochzeitsmarsch, ➱Hochzeitsvorbereitungen, ➱Stars and Stripes Forever, ➱Loreley, ➱Vincenzo Bellini, ➱Bulwer-Lytton, ➱Wolfsschlucht, ➱Catch-22

Ich lege heute natürlich keinen Wagner auf. Sondern ➱Mozarts Cosi fan Tutte, dirigiert von ➱Fritz Busch 1934 in Glyndebourne.

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