Freitag, 15. Oktober 2010

P. G. Wodehouse


Unser Englischlehrer in der Oberstufe hieß eigentlich Fritz mit Vornamen, aber in der ganzen Schule war er nur als James bekannt. Weil er den Namen James immer benutzte, um die Genetivbildung mit dem Apostroph S zu erläutern. Er war ein promovierter Historiker, der Geschichte, Englisch und Sport unterrichtete. Damals gaben Studienräte noch drei Fächer. Heute verdienen sie mehr, aber geben nur noch zwei Fächer. James war immer elegant englisch gekleidet und hatte angeblich vor dem Krieg in England studiert. Das Englandbild, das er vermittelte, war ein England aus der guten alten Zeit. Die neuere englische Literatur bedeutete bei ihm die Literatur der Jahrhundertwende, Rudyard Kipling, Somerset Maugham und John Galsworthy. Aber obgleich er noch tief im viktorianischen und edwardianischen Zeitalter steckte, bin ich ihm doch für vieles dankbar.

Da war das Vokabeltraining, jeder musste jeden Tag zehn neue Vokabeln im Vokabelheft haben. Das prüfte er ab, das gab einem über die Jahre ein schönes Repertoire. Und er sang mit uns Lieder, alle, die er kannte. Schlager aus dem Ersten Weltkrieg wie Pack up your troubles in your old-kit bag und It's a long way to Tipperary, Jagdlieder wie Do you ken John Peel with his coat so gay und schmalzigen Kitsch wie The ash grove how graceful. Es war eine seltsame Mischung. In der Unterstufe hatten wir einen amerikanischen Englischlehrer gehabt, das war in den fünfziger Jahren an einem deutschen Gymnasium eine Sensation. Mr Mannaly aus Ripon, Wisconsin, hatte mit uns alle amerikanischen Volkslieder gesungen. Was immer unsere Klasse an dieser Schule gelernt oder nicht gelernt hat, als wir das Abitur erreichten, waren wir voll fit in englischen und amerikanischen Liedern.

Dafür bin ich James immer dankbar gewesen. Aber noch dankbarer bin ich ihm dafür, dass er mit uns DIE WAHREN ENGLISCHEN KLASSIKER gelesen hat. Und damit meine ich nicht Shakespeare (kam auch vor) oder Wordsworth (das Gedicht mit den Daffodils musste auswendig gelernt werden). Nein, die wahren englischen Klassiker sind natürlich The Wind in the Willows, Winnie-the-Pooh und P. G. Wodehouse. Eine solche Literaturauswahl in der Oberstufe eines Gymnasiums war sicherlich damals etwas exzentrisch, heute wäre sie wahrscheinlich unmöglich.

Obgleich man die Behandlung von P.G. Wodehouse im Unterricht jederzeit rechtfertigen könnte, er ist einer der größten Stilisten der englischen Sprache. Der Theaterkritiker James Agate hat gesagt, sein Platz sei a little below Shakespeare’s and any distance you like above everyone else’s. Und das Wikipedia Lexikon trägt dem Rechnung. Ein Nachschlagewerk, in dem sich Artikel zu Freddie Threepwood, Pongo Twistleton, Lord Ickenham (Uncle Fred) oder Lord Emsworth finden - um nur einige beliebige Namen aus der Welt von Wodehouse herauszugreifen - kann nicht ganz schlecht sein. Da diese Namen alle aus der Welt von Blandings Castle stammen, möchte ich einen interessanten Buchtipp anfügen: N.T.P. Murphy zeigt in In Search of Blandings, dass hinter all dem durchaus eine reale Welt steht. Die vielleicht ebenso amüsant ist, wie die der Romane.

Für den Zyklus der Wooster-Jeeves Romane ist Geoffrey Jaggards Wooster's World unbedingt zu empfehlen. Und wenn man es schon beinahe wissenschaftlich haben will, dann muss man natürlich Kristin Thompsons Wooster Proposes, Jeeves Disposes, or, Le Mot Juste besitzen. Das erste dieser Bücher stammt von Richard Usborne, der mit seinen Büchern die Schleusentore für eine Flut von Büchern über Wodehouse geöffnet hat. Usborne war ein reizender Mann, ich besitze ein mir gewidmetes Exemplar eines seiner Bücher. Allerdings war das keines der Bücher über Wodehouse. Es heißt Clubland Heroes und behandelt die frühen ➱Spionageromanautoren wie John Buchan und ist ein ewiger Klassiker dieser Literatur.

Bevor ich jetzt die Bücher über Wodehouse wegräume, die ich aus dem Regal geholt habe, bespreche ich doch mal eben die wichtigsten. Wenn man etwas über den Menschen Sir Pelham Grenville Wodehouse erfahren möchte, dann kann man von ihm die autobiographischen Titel Bring on the Girls (1954), Performing Flea (1955) und Over Seventy (1957) lesen. Man kann schon an den eng aneinander liegenden Publikationsdaten ablesen, dass der Meister Anfang der fünfziger Jahre eine autobiographische Phase hatte. Es gab alle drei Titel 1981 auch bei Penguin als Wodehouse on Wodehouse, 650 Seiten geballte Autobiographie. Und natürlich sehr komisch. 1990 erschien, herausgegeben von Frances Donaldson, eine gute Auswahl seiner Briefe. Seit sechs Jahren gibt es auch eine sehr seriöse Biographie über den Autor (seit diesem Jahr auch als Taschenbuch): Robert McCrum, Wodehouse: A Life.

Wenn man ein florilegium sucht, in dem die schönsten Sätze von Wodehouse zu finden sind, dann kommt wieder Richard Usborne ins Spiel. Seine Sammlung Wodehouse Nuggets ist sicherlich unübertroffen. Und ansonsten kann man nur raten, fangen Sie einfach an, Wodehouse zu lesen. Eigentlich kann man keine Fehler machen. Lassen Sie die school stories und die golf stories erstmal beiseite und fangen Sie doch mal mit der Welt von Blandings Castle an. Also, Uncle Fred in the Springtime wäre ein guter Anfang.

Am 15. Oktober 1881 wurde Pelham Grenville Wodehouse geboren. Obgleich die Welt der etwas bescheuerten Landadligen, die prämierte Schweine züchten, und der etwas bescheuerten jungen Gentlemen, die völlig von ihrem Butler abhängig sind, längst vergangen ist, bleibt sie doch ewig zeitlos. Zeitlos wie die Welt von Mr Toad auf Toad Hall oder die von dem Bären mit dem sehr geringen Verstand. Mein Geburtstagsgruß geht an Plum (was der Spitzname von Wodehouse war), der jetzt auf irgendeiner Wolke sitzt. Und sich wahrscheinlich mit meinem Englischlehrer über The Story of Cedric unterhält. Und an den geht mein Dank, dass er mir diese Tür zu dem never never land der edwardianischen Englishness aufgemacht hat.

Lesen Sie auch: ➱Sir Pelham Grenville Wodehouse, ➱Schweine


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