Sonntag, 24. Oktober 2010

Dior


Auf allen Photos sieht er linkisch, schüchtern und verlegen aus, nicht wie der Herrscher aus einer anderen Welt als unserer. Diese Welt hatte nach dem Krieg einen französischen Namen und hieß ➱Haute Couture. Nicht dass er dort Alleinherrscher gewesen wäre, er musste sich den Thron mit zwei anderen teilen. Mit Jacques Fath (der viel besser aussah als er) und mit Pierre Balmain (der seine beiden Kollegen um Jahrzehnte überleben wird). Sie alle hatten nach dem Krieg gewagt, ein eigenes Atelier aufzumachen. Wo sie Mode für die Dame der sogenannten besseren Gesellschaft machten.

Solch prollige Girl Group Tussis wären da allerdings gar nicht erst reingekommen. Aber man kann an Victoria Adams (die jetzt ja auch eine Designerin ist) sehen, wohin die Haute Couture seit Charles Frederick Worth gekommen ist. Allerdings muss man sagen, dass es mit der Haute Couture seit jenen Tagen, als die unterkühlte Eleganz von Edward Molyneux oder Madame Grès das Bild der Mode bestimmte, auch nicht mehr so weit her ist. Das Geld kommt heute durch die Parfüms (➱Gabrielle Chanel hat es mit Nummer Fünf vorgemacht) oder die prêt-à-porter Mode und die Lizenzen herein. Und so ist man heute ja doch schon dankbar, wenn Posh Spice ein Modehaus beehrt.

In den fünfziger Jahren war die Mode schwarzweiß. Nein, nicht wirklich, aber die Modephotographie war es. Hier sehen wir Jacques Fath bei der Arbeit. Ein Modeschöpfer ist damals ein elegant gekleideter Herr (jemand wie Alexander McQueen wäre unvorstellbar gewesen), und wenn Sie einen Blick auf den Anzug von Christian Dior da oben werfen, werden Sie erkennen, dass er einen sehr guten Schneider hat. Da sind Welten dazwischen, zwischen dem Anzug von Dior und dem Anzug von ➱Derrick. Die Modephotographie war damals schwarzweiß, weil sich die wenigen Modezeitungen, die es gab (für Herren in der Bundesrepublik außer dem Herrenjournal gar keine), keine teuren Farbphotos leisten konnten. Wenn es bunte Bilder gab, so waren das farbige Zeichnungen, die so ähnlich aussahen.

Aber man soll die Schwarzweiß Photographie nicht schlecht machen, die Meisterwerke der Photographie sind alle schwarzweiß. Die besten Architekturphotos sind beinahe immer schwarzweiß. Weil man viel mehr an feinsten Nuancen sehen kann, das gilt auch für die Modephotographie. Mit ein bisschen Einbildungskraft konnte man damals von einem guten Modephoto ein Kleid zuhause nachschneidern. So wie man die bis ins Detail korrekten Modezeichnungen zu seinem Schneider mitnehmen konnte, um ihm zu sagen: so soll es sein. Heute kann man die Modephotographie dafür nicht mehr gebrauchen (die Modezeichnung ist schon vor Jahrzehnten verschwunden), heute ist es das Credo der Modephotographie magersüchtige heroinabhängige Models in Farbe so schwarzweiß zu photographieren, dass man von dem Kleidungsstück, das sie tragen, nichts mehr erkennen kann. Was ja in den meisten Fällen für die Teile, die am anderen Ende der Welt für einen Hungerlohn genäht und hier zu einem Wucherpreis verkauft werden (Naomi Klein war nicht die erste, die das herausgefunden hat) nur gut ist. Und ich möchte ja auch lieber nicht wissen, was die Dior Blue Jeans, die hier im Dior Online Shop 400 € kostet (in Worten: vierhundert!), in der Herstellung gekostet hat.

Christian Diors Aufstieg und Höhepunkt währte nur kurz, es war der Triumph der Schönheit und Eleganz über die Nachkriegsarmut. Als er am 24. Oktober 1957 starb - zehn Jahre nachdem er sein Atelier eröffnet hatte - da hatten die ersten Haute Couture Häuser schon über ihre prêt-à-porter Linien den Preiskampf eröffnet, der sie à la longue in den Abgrund stürzen würde. ➱Pierre Cardin hat es vorgemacht, wie man seinen Ruf innerhalb von wenigen Jahren verspielen kann. Kann man auch ohne Billiglizenzen hinkriegen, wie Francesco Smalto (der Schneider von ➱Jean Paul Belmondo) bewiesen hat. Afrikanische Diktatoren mit Pariser Nutten zu versorgen, ist auch eine schöne Möglichkeit, seinen Ruf auf ewig zu beschädigen. Aber was heißt in der Branche heute schon ewig?

Dior und Fath brauchten das nicht mehr zu erleben, sie waren da schon tot. Sie konnten noch schöne Mode für schöne Frauen machen. Hier trägt Susanne Erichsen, die erste Miss Germany von 1950 und die Verkörperung des Fräuleinwunders, ein Dior Modell auf den regennassen Champs-Élysées. In der Zeit von 1947 bis 1950 öffneten die Ateliers in Paris, Wien und Berlin wieder ihre Türen. Nicht alle. Die Nazi Kollaborateurin Coco Chanel zum Beispiel bleibt sicherheitshalber mit ihrem deutschen Liebhaber  Hans Günther von Dincklage in der Schweiz.

Aber Christian Dior macht sein neues Atelier auf, und er beginnt mit einer Sensation, einer Linie, die er ligne corolle nennt. Doch die amerikanischen Journalisten werden die Blumenkelchlinie den New Look nennen. Und das ist auch etwas, was man jetzt nicht nach einem noch so guten Modephoto kopieren kann. Viel zu kompliziert, vor allem braucht man dazu viel zu viel Stoff. Wo soll man den 1947 in Deutschland her bekommen, wo man dabei ist, aus Uniformen oder Fallschirmseide irgendetwas zu schneidern? Ungefähr so wie Scarlett O'Hara in Gone with the Wind nach dem verlorenen Bürgerkrieg einen Fenstervorhang herunterreißt und ein Kleid daraus macht. Die meterweise Stoff verbrauchende Linie ist natürlich auch eine Reaktion auf dank der Stoffrationierung enganliegende Kostüme mit knappen, kurzen Jacketts. Während Dior von der französischen und vor allem der amerikanischen Presse gefeiert wird (und wenn man Rita Hayworth heißt, kann man so etwas ja auch tragen - aber Rita Hayworth könnte auch alles andere oder gar nichts tragen), nimmt man diesen Erfolg in Deutschland eher schmallippig zur Kenntnis.

So schreibt das Berliner Modeblatt im Januar 1948: Ein Pariser Modeschöpfer, einer von den jungen, wagemutigen, kommt auf die, sagen wir ruhig absurde Idee, die unkleidsamste Mode aufleben zu lassen, die jemals erdacht wurde und hat einen Welterfolg...er verwirft alles was bisher als schön galt, er versucht sogar, das Korsett wieder zu lancieren, es gelingt. Er verwischt die Korrektheit waagerechter sportlicher Schultern, er verwischt die knappen Umrisse der Gestalt und verhüllt die Beine. In einem Zeitalter, das überall sich bemüht, der Frau die Gleichberechtigung zu erkämpfen, macht er aus Frauen hilflose Geschöpfe, deren Wespentaille wie einst aus der Stoffülle aufsteigt.

Ja, so sind wir Deutschen, wir wissen es immer besser. Auch nach einem verlorenen Krieg, den wir angefangen haben. Die unkleidsamste Mode kann es wohl nicht sein, das war im  18. und im 19. Jahrhundert der cul de Paris. Die waagerechten sportlichen Schultern schmecken ein klein wenig nach Schönheitsidealen der Nazis, und was war da mit dem Kampf für die Gleichberechtigung der Frau? Im Reichsarbeitsdienst, in der Munitionsfabrik oder als Trümmerfrau? Und dass die Nazis die ganze jüdische Berliner Modeindustrie vernichtet haben, das sagt man auch nicht im Berliner Modeblatt. Da träumt man lieber von Damen wie der auf dem Titelbild der Eleganten Welt von 1932 und schimpft auf die Franzosen. Und sie sind da in Berlin auch nicht auf der Höhe der Zeit, denn Dior hat schon in der Herbstkollektion etwas ganz anderes herausgebracht, da bringt eine die schmale Bleistiftlinie mit dem Dior Schlitz im Rock heraus.

Man muss das wagen, von nun an guckt die ganze Welt auf Christian Dior. Wir müssen an dieser Stelle seinen modischen Wagemut ein klein wenig relativieren. Die Firma, die seinen Namen trägt, gehört ihm nicht. Hinter ihm steht ein Multimillionär, der ein Schloss hat (das gehört sich so in Frankreich) und der der berühmteste Pferdezüchter des Landes ist. Er heißt Marcel Boussac, und er gibt dem unbekannten Anfänger Dior ein Startkapital von 700 Millionen Francs. Boussac versteht etwas von der Branche, er ist zwar ein wagemutiger entrepreneur, aber er weiß, was er tut.

Das Tolle bei Diors ersten Linien ist, dass die Amerikaner sie nicht für den Massenmarkt kopieren können, zu kompliziert. Obgleich die fünfziger Jahre in Paris ein Epos der Industriespionage sind. Jetzt wo nach dem Erfolg von Dior die Haute Couture wieder aufblüht, versuchen die Amerikaner alle Tricks, um an die neuesten Linien der Modehäuser heranzukommen. Vielleicht lässt man sie auch ein wenig spionieren, das kann eine gute Werbung sein. Denn die USA sind der Hauptmarkt für die Haute Couture, in Europa kann das kaum jemand bezahlen.

Denn die ersten Proteste gegen Diors Kleidung in Amerika - mir gefällt besonders das letzte Plakat auf dem Photo Mr Dior, We Abhor Dresses to the Floor - haben sich gegeben, jetzt will Amerika Dior. Das Photographieren bei den Modeschauen wird verboten, sie schicken Zeichner, man könnte einen Roman darüber schreiben. Die Amerikaner sind jetzt wie wild hinter der französischen Mode hinterher. Denn wen haben sie schon groß an Couturiers in Amerika außer Mainbocher, der früher in Paris war?

In Frankreich sieht man Diors Triumph in dem Jahren 1947 und 1948 auch als einen Sieg über angebliche Pläne der Amerikaner, ganz Europa mit amerikanischer Billigkleidung zu überfluten. So eine Art textiler Morgenthau Plan. Vor der amerikanischen Mode fürchtet man sich auch in der Savile Row und erfindet den Neo Edwardian Style (den sich sofort die Teddy Boys aneignen werden).

Die Angst vor der amerikanischen Mode ist die Angst vor dem Verlust der Form, die Angst vor den weit geschnittenen amerikanischen Zweireihern, diesen Gangsteranzügen. Seit Brooks Brothers den Sack Suit Number One erfunden haben, hat man in Europa Angst, dass sich das Bequeme durchsetzen könnte. Na ja, sie werden kommen. Die Zuwanderer aus der Karibik bringen sie nach London mit. Aber ein größerer Einfluss geht von einer Mode aus, an die die nationalistischen französischen Stimmen, die in Dior & Co. die Verteidiger der Kultur des Abendlandes sahen, nicht im entferntesten gedacht hatten.

Schauen Sie sich doch bitte einmal diesen Herrn an, nicht so elegant wie Dior, aber mindestens ebenso berühmt. Und ebenso einflussreich. Es ist Jean Paul Sartre, photographiert von Henri Cartier-Bresson, (und das Copyright liegt natürlich bei Magnum). Er trägt das, was die Franzosen einen canadienne nennen. Ein Militärkleidungsstück, Army Surplus. Solche Sachen trägt man jetzt in Intellektuellenkreisen, wo das Ideal der Damenmode Juliette Gréco heißt und keine Dior Modelle braucht, weil schwarze Pullover ausreichen. Christian Dior wird nach der Bleistiftlinie noch eine H-Linie, eine A-Linie und eine Y-Linie für die Anziehpuppen der Society erfinden. Wahrscheinlich um zu beweisen, dass Erich Kästner mit seinem Gedicht Sogenannte Klassefrauen Recht hat.

Aber eigentlich ist das alles schon der Schwanengesang von Diors Haute Couture, denn die Konkurrenz schläft nicht. Der Graf Hubert de Givenchy, der gerade ein Atelier aufgemacht hat, zeigt, dass ein aufgehender Hollywood Stern für den Verkauf der eigenen Kollektion nützlich sein kann. Und dass man das kleine Schwarze, das Coco Chanel vor Jahrzehnten erfunden hat, jederzeit wieder erfinden kann. Die Chanel kommt übrigens wieder. Angeblich, weil sie sich so über Diors Mode geärgert hat. Sie propagiert ein Kostüm mit kurzer Jacke und Paspelierung. Fällt zuerst bei der Presse durch, ist aber ein Jahr später schon ein Klassiker und heißt das Chanel Kostüm. Kann man als Frau heute noch tragen (sieht auch besser aus als die Merkel Jacke). Den New Look trägt man heute weniger. Es ist ja auch nicht alles tragbar, Diors ironisches Zitieren des cul de Paris bei einem Straßenkleid des Jahres 1948 hätte heute wohl keine Chance mehr.

Obgleich es ja immer noch witziger ist als das, was man heute überall sieht, wo sich die Damen von der Mode verabschiedet haben. Und da hätte ich, quod erat demonstrandum, ein Photo einer Gruppe von Damen, die ein Modemuseum besuchen. Da stellt sich natürlich die Sinnfrage. Warum?


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