Donnerstag, 7. Oktober 2010

Wilhelm Müller


Laß dir unsern Dank gefallen, Hort der Freiheit, Engeland!
Hast zum Herrn der hohen Pforte einen edlen Lord gesandt,
Daß er sich für uns verwende; und er that es ritterlich –
Griechen, hört, was er errungen hat mit scharfem Federstrich!
Wenn der jungen Freiheit Blume wird getreten in den Staub,
Wenn die heil'ge Stadt Athene's wird des rohen Heiden Raub,
Dann, auch dann, – begreift es, Griechen, – sollen wir doch unversehrt
Stehn, beschirmt im Sturm der Waffen durch des wilden Feindes Schwert.
Laß dir unsern Dank gefallen, Hort der Freiheit, Engeland!
Schade, schade, hast vergebens deinen edlen Lord gesandt.
Keine Bittschrift kann uns retten – die Ruinen von Athen
Werden mit den freien Griechen wanken, stürzen, untergehn.
Lange haben wir gestanden unter Schmach und Schimpf und Leid,
Mochten kaum uns aufrecht halten in der jammervollen Zeit.
Fremde kamen hergewandert, staunten uns verwundert an,
Und wir ließen es geschehen, aber's lag uns wenig dran;
Ließen messen sie und malen – Keiner malt und mißt den Geist –
Und sie geben sich zufrieden, wissen sie, wie Jedes heißt.
Auch ein großer Lord ist kommen, hat von unserm morschen Haupt
Im Entzücken der Bewunderung uns der Bilder Schmuck geraubt.
Mag er ziehen mit der Beute! – Heil uns, daß wir fest noch stehn,
Um der Freiheit Morgenröthe nach so langer Nacht zu sehn!
Statt der Götterbilder tragen wir das Banner in die Luft,
Das zum Kampf mit den Barbaren Hellas tapfre Söhne ruft.
Ach, wenn diese unterliegen, wozu sollen wir denn stehn?
Habt sie ja in euren Büchern, die Ruinen von Athen.
Mit der Freiheit letztem Schlage stürzen unsre Mauern ein,
Und auf jedes Helden Hügel werfen wir noch einen Stein.


Unser Dichter Wilhelm Müller verehrt Lord Byron und er ist auch wie sein englisches Vorbild für den Freiheitskampf der Griechen. Und Lord Byron hat auch schon in Childe Harold's Pilgrimage böse Verse gegen den Lord Elgin geschrieben, der jetzt die Elgin Marbles abschleppt und per Schiff nach London bringt.

Dull is the eye that will not weep to see
Thy walls defaced, thy mouldering shrines removed
By British hands, which it had best behoved
To guard those relics ne'er to be restored.
Curst be the hour when from their isle they roved,
And once again thy hapless bosom gored,
And snatch'd thy shrinking gods to northern climes abhorred!

Bei all der vielleicht berechtigten Entrüstung sagt Byron aber nicht, dass ihn griechische Kunst eigentlich gar nicht interessiert. Dass das ganze erste griechische Abenteuer für ihn nur eine theatralische Inszenierung in Landestracht ist (für die mazedonische Tracht da oben hat er 50 Pfund bezahlt, vorher hatte er sich in albanischem Dress malen lassen). Er war ja eigentlich nur da, um über den Hellespont zu schwimmen. I like the Greeks, for they are plausible rascals, with all the Turkish vices without their courage, klingt so der Retter Griechenlands? Dass er als Tourist seinen Namen in eine griechische Säule geritzt hat, dass er gerade Parties für Engländer und Deutsche gibt, die auch nur hinter griechischer Plastik hinterher sind, erwähnt er weniger. Und dass er auf Seiner Majestät Schiff Hydra von Athen nach Malta mitsegelt. Wäre nicht der Rede wert, wenn da diese Ladung nicht wäre. Im Bauch des Schiffes ist nämlich sozusagen die letzte Fuhre des Parthenon Frieses. Angeblich hat Byron deshalb The Curse of Minerva geschrieben, in dem Lord Elgin als Plünderer gebrandmarkt wird.

That all may learn from whence the plunderer came,
The insulted wall sustains his hated name:
For Elgin’s fame thus grateful Pallas pleads,
Below, his name—above, behold his deeds!
Be ever hailed with equal honour here
The Gothic monarch and the Pictish peer:
arms gave the first his right, the last had none,
But basely stole what less barbarians won.
So when the lion quits his fell repast,
Next prowls the wolf, the filthy jackal last;
Flesh, limbs, and blood the former make their own,
The last poor brute securely gnaws the bone.
Yet still the gods are just, and crimes are cross’d:
See here what Elgin won, and what he lost!
Another name with his pollutes my shrine:
Behold where Dian’s beams disdain to shine!
Some retribution still might Pallas claim,
When Venus half avenged Minerva’s shame.”
She ceased awhile, and thus I dared reply,
To soothe the vengeance kindling in her eye:
“Daughter of Jove! in Britain’s injured name,
A true-born Briton may the deed disclaim.
Frown not on England; England owns him not:
Athena, no! thy plunderer was a Scot.

Das ist natürlich unfreiwillig komisch: England owns him not: Athena, no! thy plunderer was a Scot. Das Gedicht war nicht zur Veröffentlichung bestimmt, wurde aber durch eine Indiskretion doch veröffentlicht.

Wilhelm Müller, den wir alle als den Dichter der von Schubert vertonten Lieder von der Winterreise und der Schönen Müllerin (beides aus der Sammlung Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten) kennen, hat auch eine andere Seite, wie wir in dem Gedicht Die Ruinen von Athen an England gesehen haben. Er heißt wegen seines Engagements für Griechenland bei seinen Zeitgenossen auch Griechen-Müller, obgleich er nie in Griechenland war - das hat er mit Winckelmann gemeinsam. Ein wenig bekannter Zeitgenosse von Müller und Byron, der Nordfriese ➱Harro Harring, war schon in Griechenland, der wird jetzt Berufsrevolutionär und wird über alle dichten, die unterdrückt sind. Die Griechenlandbegeisterung hat ja nun beinahe jeden erfasst. Sie ist auch daran Schuld, dass sich die Bayern heute mit einem Ypsilon schreiben (waren vorher Baiern), Ausdruck des Philhellenismus ihres Königs.

Sie haben viel geschrieben, gesungen und gesagt,
Gepriesen und bewundert, beneidet und beklagt.
Die Namen unsrer Väter, sie sind von schönem Klang,
Sie passen allen Völkern in ihren Lobgesang;
Und wer erglühen wollte für Freiheit, Ehr' und Ruhm,
Der holte sich das Feuer aus unserm Alterthum,
Das Feuer, welches schlummernd in Aschenhaufen ruht,
Die einst getrunken haben hellenisch Heldenblut.
Was hat euch nun, ihr Völker, so scheu und bang' gemacht?
Der Geist, den ihr beschworen, er steigt aus tiefer Nacht
Empor in alter Größe, und beut euch seine Hand –
Erkennt ihr es nicht wieder, das freie Griechenland?
Die Funken in der Asche, in der ihr oft gewühlt,
Die Funken, deren Gluthen ihr oft in euch gefühlt,
Sie schlagen lustig lodernd zu hohen Flammen aus –
Kleinmüthige, ihr seht es – und euch erfaßt ein Graus!
O weh, so habt ihr, Freunde, mit Namen nur gespielt!
Habt in die leeren Lüfte mit stolzem Pfeil gezielt!
Die Zeit ist abgelaufen, es ist genug gesagt,
Gepriesen und bewundert, beneidet und beklagt.
Was schwärmt ihr in den Fernen der grauen Heldenzeit?
Kehrt heim, ihr Hochentzückten! – der Weg ist gar zu weit.
Das Alt' ist neu geworden, die Fern' ist euch so nah,
Was ihr erträumt so lange, leibhaftig steht es da,
Es klopft an eure Pforte – ihr schließt ihm euer Haus –
Sieht es denn gar so anders, als ihr es träumtet, aus?


Das Gedicht von 1821 heißt Die Griechen an die Freunde ihres Alterthums und Müller sagt uns hier ganz klar, dass das Graecum allein nicht genügt, man muss sich auch engagieren. Nach dem Tod von Lord Byron hat er ein langes Gedicht auf den Freiheitskämpfer geschrieben. Er konnte nicht nur Latein und Griechisch (und Mittelhochdeutsch), er konnte auch Byron im Original lesen, hat sogar den Dr Faustus von Marlowe übersetzt. Sein Sohn wird noch besser Englisch können, wird sogar Engländer werden. Er heißt Friedrich Max Müller und ist der berühmteste Sprachforscher des 19. Jahrhunderts. Er wird sogar Mitglied im Privvy Council, dem englischen Kronrat. Und in Indien heißen die Goethe Institute nicht nach Goethe, sondern nach Max Mueller, dem bedeutendsten Sanskrit Forscher. Über ihn vielleicht ein anderes Mal mehr.

Es ist nicht nur der griechische Freiheitskampf, über den Müller dichtet, es ist vielleicht auch eine Klage über die verlorene Freiheit im eigenen Lande in dieser Restaurationsphase. Der Gedanke, dass Müller nicht ein drittklassiger harmloser Dichter der deutschen Romantik ist, sondern vielleicht zum Vormärz zu zählen ist, setzt sich in der Literaturgeschichte immer mehr durch. Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?, heißt es im Frühlingstraum in der Winterreise. Kann es hier nicht einen politischen Subtext geben? Wenn wir dies bedenken, dann kann Im Dorfe plötzlich einen anderen Sinn bekommen.

Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten.
Die Menschen schnarchen in ihren Betten,
Träumen sich Manches, was sie nicht haben,
Thun sich im Guten und Argen erlaben:

Und morgen früh ist Alles zerflossen. –
Je nun, sie haben ihr Theil genossen,
Und hoffen, was sie noch übrig ließen,
Doch wieder zu finden auf ihren Kissen.

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
Laßt mich nicht ruhn in der Schlummerstunde!
Ich bin zu Ende mit allen Träumen –
Was will ich unter den Schläfern säumen?

Der Schweizer Autor Hanspeter Padrutt hat in Der epochale Winter Müllers und Schuberts Winterreise in einen größeren Zusammenhang gestellt, es ist (ebenso wie sein Buch über Parmenides (Und sie bewegt sich doch nicht: Parmenides im epochalen Winter) das Buch eines originalen und originellen Denkers. Und auch wenn ich leichte Ressentiments gegen den Autor habe, weil er etwas für Heidegger übrig hat, ich aber gar nicht, muss man doch mit der Neuen Zürcher Zeitung sagen, dass es eine radikale ökologische Kritik an der Gegenwart ist.

Wilhelm Müller ist als Freiwilliger in den Freiheitskrieg gegen Napoleon gezogen, er hat einige kleinere Schlachten gesehen, der junge Leutnant verbrachte aber die meiste Zeit in Belgien (wo er sich unglücklich verliebt) in der Etappe. Als er wieder zum Studium nach Berlin zurückkehrt, verkehrt er in Kreisen, die sich nach einem einigen Deutschland sehnen. Und wird natürlich von der Zensur bespitzelt, der Zensor des Zeitungswesens, Johann Heinrich Renfer, beklagt, dass in seinen Liedern so viel von der Freiheit die Rede sei. Aber der König habe ja dazu aufgefordert, entgegnet Müller. Die Antwort darauf ist ein Vielsagendes Ja damals!

Wilhelm Müller ist kein Revolutionär wie Harro Harring, aber dennoch finden sich in seinen Gedichten, selbst in seinen scheinbar unpolitischen Trinkliedern, immer wieder Seitenhiebe. Und die Widmung, die er dem befreundeten Schweden Per Daniel Amadeus Atterblom 1820 in ein Buch schreibt, ist schon beinahe ein Zeugnis der inneren Emigration Und somit grüße ich Sie in Ihrem altheiligen Vaterlande, nicht wie das Buch, dessen Schreiber mir fremd geworden ist, scherzend und spielend; nein, ernst und kurz; denn die große Fastenzeit der europäischen Welt, der Marterwoche entgegensehend und harrend auf Erlösung, verträgt kein gleichgültiges Achselzucken und keine flatterhaften Vermittelungen und Entschuldigungen. Wer in dieser Zeit nicht handeln kann, der kann doch ruhen und trauern.

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus, heißt es am Anfang der Winterreise, aber nun ist die Welt so trübe. Heinrich Heine hat Müller als Dichter geschätzt, und die Forschung nimmt inzwischen auch eine gewisse Beeinflussung an. Der amerikanische Goetheforscher Alan P. Cottrell und die Musikwissenschaftlerin Susan Youens haben argumentiert, dass unter der scheinbaren Einfachheit und Naivität der Lieder Tieferes, auch Politisches, brodelt.

Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
Umher in mattem Streit.

Und rothe Feuerflammen
Ziehn zwischen ihnen hin.
Das nenn' ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn!

Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eignes Bild –
Es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und wild!





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