Freitag, 22. Oktober 2010

Bert Trautmann


Er kommt bestimmt wieder, sagte mein Vater. Und die Männer um ihn herum im Weserstadion glaubten das am Anfang der fünfziger Jahre auch. Schließlich kam er aus Bremen, hatte vor dem Krieg in der Jugend von TURA Bremen gespielt. Den Turn- und Rasensportverein gibt es immer noch, und Bert Trautmann, der eigentlich Bernd hieß, ist ihr berühmtestes Mitglied gewesen. Aber der Bert Trautmann ist in England geblieben, ist der beste englische Torwart geworden, und hat irgendwann sogar einen Orden von der Queen bekommen. Und der englische Wikipedia Artikel ist viel besser als der deutsche.

Aber in Bremen hoffte man die ganzen fünfziger Jahre hindurch, dass er eines Tages wiederkäme. Und seit er sich 1956 im FA Cup Finale das Genick gebrochen hatte und trotzdem weiter gespielt hatte, da war er nur noch eine Torwartlegende. Der gefürchtetste Elfmetertöter, der beste Torwart in England, der beste Torwart der Welt. Wir waren in Bremen schon bannig stolz, dass er aus Bremen kam. Der Junge aus Gröpelingen ist auch manchmal nach Bremen zurückgekommen, aber nur als Zuschauer.

So sah Fußball damals aus, als Werder Bremen 1965 Deutscher Meister wurde. Noch ordentliche Trikots in Grün und Weiß und nicht jede Woche eine neue Scheußlichkeit, die irgendein Sponsor vorschreibt. Und damals gibt es auch noch nicht so viele Tribünen im Weserstadion, und VIP Lounges gibt es erst recht nicht. Früher war Fußball noch eine elementare Sache. Fußballvereine waren Arbeitersportvereine. Denn Gröpelingen, wo Trautmann herkommt, ist ein Arbeiterviertel wie Walle, was der nächste Stadtteil ist. Wenn man hier wohnt, dann arbeitet man auffe AG Weser, use Akschen. Im Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten in Bremen erst einmal die Arbeiterviertel plattgebombt. Da ist der Bernd Trautmann, den die Engländer Bert nannten, gar nicht zurückgekommen aus der englischen Gefangenschaft. Hätte er 1948 gedurft, aber da spielte er schon im Tor eines kleinen englischen Vereins. Eigentlich hatte er immer im Mittelfeld gespielt, aber im Kriegsgefangenlager hatte mal ein Torwart gefehlt und so war er Torwart geworden. 1949 kriegt er einen Vertrag bei Manchester City. Da haben sie ihn zuerst als Nazi und Kraut beschimpft, aber mit der Zeit hat sich das gelegt, und er ist einer der wenigen Deutschen geworden, die man in England wirklich geliebt hat. Er ist seinem Verein immer treu geblieben, und er steht immer noch mit 545 Spielen auf dem Platz vier der Rekordspieler des Vereins.

1949 kriegt bei Werder Bremen ein gewisser ➱Dragomir Ilic einen Vertrag als Torwart, der wird seinem Verein beinahe ebenso lange treu bleiben, wie Trautmann bei Manchester ist. Und er wird in Bremen auch einen ähnlichen Kultstatus haben. Wird sich niemals so zickenhaft benehmen wie Tim Wiese. Aber obgleich Ilic wirklich gut ist, heimlich träumen ja die Bremer die ganzen fünfziger Jahre davon, dass ihr Bert Trautmann zurückkommt. Dabei ist der richtig glücklich geworden im Land des Fußballs. Wo man ja auch schon viel länger Fußball spielt als bei uns. Schon im Jahre 1624 redet ein gewisser Edmund Waller in einem Gedicht von Dingen wie:

As when a sort of lusty shepherds try 
their force at football, care of victory
Makes them salute to rudely breast to breast
that their encounter seems to rough for jest
They ply their feet, and still the restless ball,
Toss'd to and fro, is urged by them all.

1624, da wissen wir in Deutschland überhaupt noch nicht, was Fußball ist, da spielen wir ja noch Dreißigjährigen Krieg. Der Adel baut damals Ballhäuser, oder man spielt vor den Toren der Stadt Paille-Maille. Ist eine Art Croquet. Manche Straßen heißen noch danach, die Pall Mall in London und die Palmaille in Hamburg-Altona (links), da haben wir mal einen gemeinsamen Sport in England und Deutschland. Aber irgendwann hört der Adel auf, Paille-Maille oder das Jeu de Paume zu spielen. Aus dem Ballhaus wird ein Ort für Verschwörungen, oder es wird umgebaut zum Theater oder zum Tanzsaal.

Der Verein von Bert Trautmann heißt Manchester City (und sollte nicht mit ManU verwechselt werden), aber der hat sich auch ganz schön gewandelt, seit der Bert da aufgehört hat. Früher bekam man ja noch mal einen Pokal vom englischen König, heute hat ein Scheich den Verein gekauft. Also früher haben die Scheichs Falken oder Rennpferde gezüchtet, reicht ihnen das nicht? Muss es jetzt noch ein englischer Fußballverein sein? Der Verein hat heute einen italienischen Trainer, und unter den 52 Spielern des Kaders sind immerhin noch elf Engländer.

Ich weiß nicht, ich sehne mich nach der Zeit zurück, als der Kommerz den Fußball noch nicht überrollt hatte. Als die Spieler ihre Schuhe noch selbst putzten und ihre Trikots mit nach Hause nahmen, damit Mutti die waschen konnte. Als die englischen Hooligans noch nicht Europa eroberten. Als Bert Trautmann noch jung war, und wir in Bremen hofften, dass er zurück an die Weser käme.

Bert Trautmann, OBE, wird heute siebenundachtzig. Und da wollen wir doch mal ganz herzlich gratulieren. Und dazu klaue ich mir aus einem Literaturwettbewerb (das gibt es in Manchester auch) mal eben ein Gedicht eines der Finalisten. Es heißt natürlich Manchester und ist von einer Frau namens Carole Houlston.

High rising
Energising
Spirit raising
Flag waving
Lowry-loving
Boundry shoving
Cottonmilled
Fountain-filled
Sculpture clad
Football mad
Rainwashed
Canal-crossed
Night clubbing
Shoulder rubbing
Cultureshocked
Bomb-rocked
Unbroken
Outspoken
Manchester


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