Samstag, 16. Oktober 2010

John Brown



Heute vor 151 Jahren hat er das Waffenarsenal der amerikanischen Armee in Harper's Ferry überfallen.

Hat er nicht das Feuer eines Revolutionärs in den Augen, dieser John Brown? Man muss bei Photographien (oder Daguerreotypien) aus dem 19. Jahrhundert immer vorsichtig sein, wenn man Gesichter interpretieren will. Alle Daguerreotypien zeigen uns die Gesichter seitenverkehrt, und die Aufnahmebedingungen sind so, dass aus vielen Gesichtern der Abgebildeten eher Angst und Schrecken spricht. Aber dies ist doch schon das Gesicht eines Fanatikers, der wie Michael Kohlhaas seinen eigenen Weg geht. Sein Überfall auf das Waffenlager von Harper's Ferry ist ein blutiger Versuch, einen Sklavenaufstand südlich der Mason-Dixon Line zu organisieren. Er wird scheitern, man wird ihn hängen. Kurz vor seiner Hinrichtung hat er gesagt: I, John Brown, am now quite certain that the crimes of this guilty land will never be purged away but with blood. Das ist sicherlich prophetisch.

Wenig später wird man im Norden singen:

John Brown's body lies a-mouldering in the grave; 
John Brown's body lies a-mouldering in the grave;
John Brown's body lies a-mouldering in the grave;
His soul's marching on!
Glory, glory, hallelujah! 
Glory, glory, hallelujah!
Glory, glory, hallelujah! 
his soul's marching on!

Daraus wird dann (siehe oben) die Battle Hymn of the Republic werden, die man im Norden den ganzen Bürgerkrieg über singen wird. John Brown ist zu einem Märtyrer geworden, daran hat er selbst in den letzten Wochen seines Lebens gearbeitet. Gefangen genommen wurde er von einer Kompanie Marines unter der Führung von dem Oberstleutnant Robert E. Lee. Der Südstaaten Großgrundbesitzer ist eigentlich im Urlaub in Arlington. Den Urlaub hat er genommen, da seine Frau erkrankt ist. Jetzt sitzt er mit einem Kavallerieleutnant namens J.E.B. Stuart (der später General und Chef der Südstaatenkavallerie sein wird) und einer Kompanie Marinesoldaten im Zug, um die fünfzig Meilen von seinem Besitz (der heute der nationale Friedhof Arlington ist) nach Harper's Ferry zu fahren, er hat nicht einmal seine Uniform dabei. Drei Jahre später wird er als Oberkommandierender der Südstaatenarmee wieder hier sein, wenn sein General 'Stonewall' Jackson die Unionstruppen besiegt. Da hat er dann doch schon eine Uniform an, aber nicht die eines Generals. Er wird beharrlich seine alte Uniform eines Colonels tragen, der letzte Dienstgrad, den er vor dem Bürgerkrieg hatte.

Eine Uniform tragen wird bei der Hinrichtung von John Brown im Dezember 1859 auch ein junger Schauspieler namens John Wilkes Booth. Er gehört nicht, wie manchmal zu lesen ist, zu den Kadetten des Virginia Military Institute, die zu der Hinrichtung befohlen wurden (auch ihr Professor, Stonewall Jackson, ist da). Booth hatte sich, von der Bühne in Richmond herunter, spontan einer Truppe der Freiwilligenmiliz von Richmond, den Richmond Grays, angeschlossen. Jetzt hat er mit seiner Kompanie sozusagen einen Logenplatz bei der Hinrichtung. Sechs Jahre später wird er auch tot sein. Man hätte ihn, wie seine Mitverschwörer, in Washington gehängt, wenn man ihn nicht schon vorher auf der Flucht erschossen hätte. Er hat gerade den Präsidenten der USA getötet.

Zwei Fanatiker, zwei Tode. Ein Galgen in Charles Town, ein Galgen in Washington. Dazwischen liegt der ganze Bürgerkrieg. The meteor of war, hat Herman Melville John Brown in seinem Gedicht The Portent (1859) genannt. Thoreau und Whitman haben das gleiche Bild des Meteors gebraucht, um John Brown zu beschreiben - allerdings ohne den Zusatz of war.

Hanging from the beam,
Slowly swaying (such the law),
Gaunt the shadow on your green,
Shenandoah!
The cut is on the crown
(Lo, John Brown),
And the stabs shall heal no more.

Hidden in the cap
Is the anguish none can draw;
So your future veils its face, 
Shenandoah!
But the streaming beard is shown
(Weird John Brown),
The meteor of the war.

Das Gedicht wurde zuerst in Battle-Pieces and Aspects of the War (New York: Harper & Brothers, 1866) veröffentlicht. Es steht, in Kursivschrift gesetzt, dem Bande voran. Mit dem streaming beard in der drittletzten Zeile kann sowohl der Bart von John Brown, als auch der Schweif des Meteors gemeint sein, und das weird, das John Brown in der nächsten Zeile vorangestellt wird, ist wahrscheinlich so zu verstehen, wie das weird der weird sisters in Shakespeares Macbeth. Himmelserscheinungen als Vorboten eines Unheils zu deuten, ist seit alters her nichts Ungewöhnliches. Aber 1859 haben wir doch etwas Erstaunliches zu vermelden, die Zeitungen in Neuengland berichten von einer großen Zahl von Meteorschauern, beginnend mit dem 16. Oktober 1859. Die letzten sind am 2. Dezember beobachtet worden. Am 16. Oktober beginnt John Brown seinen Kriegszug, am 2. Dezember wird er gehängt. The meteor of war.

Er kommt nach Harper's Ferry wie ein Racheengel mit Feuer und Schwert (als moderner Racheengel kommt er allerdings mit der Eisenbahn). John Steuart Curry hat ihn als Wandbild in Kansas so gemalt, als ob er direkt dem Alten Testament entsprungen sei. Currys Bild bezieht sich nicht auf Harper's Ferry, sondern auf eine Episode aus dem Grenzkampf des Bleeding Kansas. Damals war Brown schon als gewalttätiger Mörder hervorgetreten. Aber an der Frontier scheint das erlaubt. Wenn wir Cormac McCarthys Blood Meridian lesen, wundern wir uns über gar nichts mehr.

Er war einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit, heißt es bei Kleist über Michael Kohlhaas, und weiter die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. Bei John Brown ist es nicht das Rechtsgefühl, das ihn zum Mörder macht. John Brown hat eine Vision gehabt, er glaubt, dass er Gottes Sendbote ist. Er glaubt, dass er die Sklaven in Amerika befreien soll. Frederick Douglass hatte zuvor noch versucht, ihm den Unsinn mit Harper's Ferry auszureden, vergeblich. Hat er wirklich geglaubt, dass sich alle Sklaven des Südens ihm anschliessen würden? Dass es sich die US Army gefallen lassen würde, wenn er ihr Zeughaus plündert? Dies ist eine Episode des Absurden, so wie die gefallenen Engel in Kevin Smiths satirischem Film Dogma.

Wenn Sie alles, aber auch allles, über das Gedicht von Herman Melville wissen wollen, dann sollten Sie einmal auf die Seite von Mark Richardson gehen. Das ist ein brillanter Blog, der mich richtig neidisch macht. Da kann man nur sagen: Chapeau! Je mehr ich mich in die Welt der Blogs hineinfinde, desto größer wird meine Bewunderung für solch exzellente Blogs.

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