Sonntag, 21. Juli 2019

Münchhausen auf dem Mond


Heute vor fünfzig Jahren hat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten. Na ja, eigentlich war der Baron Münchhausen der Erste, das belegt der Film mit Hans Albers ganz klar, der auf der Grundlage der Erzählungen des Lügenbarons gedreht wurde: Da fiel mir ein, daß die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe emporwüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich emporwuchs und sich an eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch glücklich anlangte. Richtige Besitzansprüche kann niemand auf den Mond haben, das sagt der Outer Space Vertrag von 1967. Dessen ungeachtet verkaufen in Amerika einige Immobilienhändler Grundstücke auf dem Mond. Zum Ärger eines Rentners aus Westercappeln, der besitzt nämlich eine Schenkungsurkunde vom 17.7.1756. In der Friedrich der Große einem seiner Vorfahren gesagt hat: Jetzo soll ihm der Mond gehören. Doch durfte Friedrich den überhaupt verschenken?

Es bleiben Fragen über Fragen. Vor allem die nach dem Autor des Satzes That’s one small step for a man, one giant leap for mankind. Denn wir können schon annehmen, dass der wortkarge und maulfaule Armstrong sich den Satz nicht spontan ausgedacht hat. Diese Frage kann ich heute beantworten, denn ich kannte den Autor des Satzes. Im Sommer 1969 war ich wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor, den ich schon in dem Post Unser Land erwähnt habe. Ich war nicht der einzige, wir waren ein halbes Dutzend. Es war damals für einen Professor wichtig, möglichst viele Assistenten und Hilfskräfte zu haben. Wenn man viele Mitarbeiter hatte, dann war man berühmt, ob man etwas von seinem Fach verstand oder nicht. Wir tippten Texte für Seminare auf Wachsmatrizen und vervielfältigen sie auf der Umdruckmaschine. Einen Photokopierer besaß das Institut noch nicht. Wir schrieben für den Professor Reden und Aufsätze und manchmal auch die Vorlesungen. Das Wichtigste aber war, dass wir bei Tabac Trennt den Tabak TK93 kauften. In dem berühmten Laden war der Professor ein einziges Mal gewesen. Da hatte ihm der alte Trennt, ein stadtbekanntes Original, die Pfeife aus dem Mund genommen und gesagt: Sie können überhaupt nicht Pfeife rauchen, Ihnen verkaufe ich doch keinen Tabak. Der Professor hat sich nie wieder in den Laden getraut.

Der Professor kam aus dem Rheinland und liebte es, Geschichten zu erzählen. Es waren meistens Geschichten, bei denen man starke Zweifel hatte, ob sie wahr waren. Nun gehört eine gewisse Übertreibung zu den Stilmitteln eines guten Erzählers, aber was er erzählte, war mehr als die poetic licence ihm zubilligen würde. Er war im Zweiten Weltkrieg Pilot bei der Luftwaffe gewesen, und nach seinen Erzählungen war er eine Mischung zwischen dem roten Baron und Ernst Udet. Je mehr er erzählte, desto zweifelhafter wurden die Geschichten. Der Lügenbaron Münchhausen hatte in ihm einen echten Konkurrenten. Dass er mit einer Messerschmitt auf einer Donauinsel gelandet sein wollte, das mochte noch hingehen. Aber dass er mit einer Heinkel mit Zusatztanks (man nannte uns die fliegenden Feuerzeuge) Wetterflieger über der Wüste Gobi gewesen sein wollte, da hörte es denn dann doch auf.

Er hatte irgendwelche Verbindungen zur NASA, das hatte bei seiner Berufung als Professor offenbar eine Rolle gespielt. Vielleicht war das auch nur ein alter Kumpel von der Luftwaffe, der bei der NASA untergekommen war, das wusste man nicht so genau. Aber die NASA wurde ständig erwähnt. Unser Professor hatte auch ein Projekt laufen, das Sprache der Raumfahrt hieß. Ich glaube, man hat herausgefunden, dass die Männer in den Raumanzügen in Amerika Astronauten und in Russland Kosmonauten hießen. Ich kümmerte mich nicht um das Ganze, die Raumfahrt interessierte mich nicht so sehr. Der Mond in der Literatur war für mich interessanter. Aber nun kam der 21. Juli 1969, und der ganze Weltraumtrubel ging los. Ich habe das Ereignis nicht im Fernsehen gesehen, weil ich keinen Fernsehapparat besaß. Mir blieben nur die Bilder in den Zeitungen. Vielleicht hindert uns ein unbezwinglicher Widerstand, an die Vergangenheit, an die Geschichte zu glauben, es sei denn in der Form des Mythos. Die Photographie hat, zum ersten Mal, diesen Widerstand zum Schweigen gebracht: von nun an ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt. Dieser schöne Satz von Roland Barthes ist ein klein wenig gefährlich. Was ist, wenn die Bilder auf dem Papier gefälscht sind?

Unser Professor war zwei Tage lang merkwürdig ruhig, am dritten Tag erzählte er dann so ganz beiläufig, dass die NASA ihn letztens um zwei Uhr in der Nacht angerufen hätte. Und ihn gebeten hätte, er möge doch mal einen Vorschlag machen, was der erste Mensch auf dem Mond sagen sollte. Er hätte dann einen Augenblick nachgedacht und dann gesagt: Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit. Niemand von uns wusste, was er sagen sollte. Wir waren ganz still. Als wir am Abend im Heinrich VIII (der Studentenkneipe neben dem Lammers) beim Blaubeerpfannkuchen saßen, redeten wir natürlich über die Geschichte. Niemand glaubte an den Telephonanruf von der NASA. Wir beschlossen, nie über die Geschichte zu reden. Wir waren in Sorge, dass sie unseren Professor mit der Zwangsjacke abholten.


Noch mehr Mond in den Posts: Vollmond, Himmel, Adam Elsheimer, Observatorium, Abschiedsgeschenk, Die Harmonie der Welt, Vulkane, ZeissDunkelheit, Mondnacht, SoFi

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