Dienstag, 26. September 2017

Unser Land


Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar,
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.


Das singt der Dichter, der sich Von der Elbe unz an den Rîn und her wider unz an Ungerlant auskennt. Und deshalb kann er sagen, dass die deutsche Zucht die beste von allen ist. Vorsicht, was Sie jetzt denken, hier singt kein AfD Mitglied, das Mittelhochdeutsch lesen kann. Hier singt ein ➱Minnesänger von den Frauen. Man kann das natürlich auch anders interpretieren. National. Was immer das zur Zeit von Walther von der Vogelweide heißt.

Unser Land heißt das Magazin für Landwirtschaft und Umwelt des Bayrischen Rundfunks. Das aber hat der Rentner mit den karierten Jacken (der ➱hier schon einen Post hat) sicher nicht gemeint, als er am Wahlabend sagte: Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen. Jetzt stehen wir da mit diesem Satz und wissen nicht, was er bedeutet. Wer holt hier sein Land zurück? Und sein Volk? Hat das etwas mit dem Volk ohne Raum zu tun? Mit Blut und Boden? Will der komische Mann mit dem Hundeschlips Eupen und Malmedy zurückholen? Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt? Was ist noch ➱ächt deutsch?

Auf der Suche nach der Bedeutung von unser Land müssen wir einmal 35 Jahre zurückgehen. Also vor die Zeit der Gauland Affäre. Damals sang Hans Hartz (an den Wirtschaftskriminellen Peter Hartz dachte man da noch nicht) den Song ➱Unser Land:

Schlafe, mein Kindchen schlaf ein
träum deine Träume allein
das Land hat die Augen längst zu
drum träume, mein Prinzchen, auch du
Alptraum
von diesen Leuten, von Bossen, von Multis
und wie sie alle heißen
die mit Jokern beim Pokern uns so gern
ganz legal bescheißen
zwischen uns und denen eine Wand aus Glas
weißt du was
Das ist unser Land, unser Land
doch es gehört nicht dir und mir
denn dieses unser Land
ist fest in andrer Hand
wer außen vorsteht
das sind wir!
Alptraum
von solchen Leuten, von Haien und Maklern
und wie sie alle heißen
die mit Samsonite ins Ausland gehen
vorm Bankfach stehen
oh wie schön ist es zu reisen
zwischen uns und denen eine Wand aus Glas
weißt du das
Das ist unser Land, unser Land
doch es gehört nicht dir und mir
denn dieses unser Land
ist fest in andrer Hand
wer außen vorsteht
das sind wir!
Das ist unser Land, unser Land
doch es gehört nicht dir und mir
denn dieses unser Land
ist fest in andrer Hand
und außen vor
da stehen wir!
Niemandsland, Niemandsland
pass auf, solang noch Zeit ist
steck den Kopf nicht in den Sand
Niemandsland, Niemandsland
Lalala. Lalala. Lalalalala. Lalala. Lalalala... Nanana...

Der Song, der von Michael Rüggeberg geschrieben wurde, wurde in der ersten Folge der Serie Schwarz-Rot-Gold gesungen. ➱Dieter Wedel führte damals Regie, und ➱Dieter Meichsner hatte das Drehbuch geschrieben. Meichsner war Hauptabteilungsleiter des NDR, der Sender verdankt  ihm viel. In seiner Ägide wurde der ➱Tatort ins Leben gerufen und was nicht alles. Der Professor, dessen Assistent ich damals war, verdächtigte Meichsner, dass der die Unterwanderstiefel angezogen hätte, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mittels des Krimis kommunistisch zu unterwandern. Mein Professor stand politisch rechts, sehr weit rechts.

Als er Schwarz-Rot-Gold: Unser Land gesehen hatte, schrieb er dem Drehbuchautor Meichsner einen beleidigenden Brief und bekam einen solchen zurück. Höflich, aber entschieden, fortiter in re, suaviter in modo, wie der Lateiner sagt. Dr Meichsner, der auch Anglistik studiert hatte, analysierte die Sprache des Professors und kam zu dem Schluss, dass die der Sprache des böhmischen Gefreiten sehr ähnlich sei. Nachdem sich mein Professor einigermaßen beruhigt hatte, fragte er mich, ob er Meichsner verklagen könne. Ich sagte ihm, er solle die Finger davon lassen. Er hätte den Brief gar nicht erst schreiben sollen. Si tacuisses, wie der Lateiner sagt. Aber ich habe mir den Briefwechsel kopiert, liegt immer noch in der Schublade.

Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen, das klingt auch nach der Sprache des böhmischen Gefreiten. Die Analyse der Sprache von Faschisten hat für Philologen immer zu schönen Ergebnissen geführt, nicht nur ➱George Orwell hat das gezeigt. Victor Klemperer hat das mit Lingua Tertii Imperii gezeigt. Hier könnte man vieles zitieren, doch es wird auch zu viel zitiert. Sagte nicht Montaigne: Wir können wohl sagen, Cicero spricht das oder ienes, Plato hatte die Art, dieß sind des Aristoteles eigene Worte. Allein, was sagen dann wir für unsere eigene Person? Was thun wir? Was urtheilen wir? So viel könnte ein Papogey auch sagen? 

Seien wir keine Papageien, urteilen wir selbst. Was sollen wir von einem Mann halten, der sagt: wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können? Ist das weniger schlimm als dieser ➱Björn Höcke? Oder der rassistische Dreck, den diese blonde Tussi, die in der Schweiz wohnt, geschrieben hat? Da wurde selbst der Mann im karierten Jackett zum Sprachkritiker und sagte: Diese E-Mail ist nicht ihre Sprache, passt gar nicht zu ihr. Erst hat sie alles geleugnet, nun nimmt sie alle Behauptungen zurück. ➱Uwe Uwe Barschel lebt.

Ich möchte zum Schluss noch etwas Persönliches sagen: Ich bin dankbar, dass Herr Gauland uns unser Land zurückholt. Mein Opa hatte unser Land kurz nach dem Krieg gekauft. Es hieß in der Familie nur unser Land. Es war fünfzig mal fünfzig Meter groß und hatte eine zwei Meter hohe Hecke. Um unser Land herum waren nur Weiden mit Kühen. Unser Land hatte ein blaßgrünes Metalltor, wenn man das öffnete, sah man eine Art Allee, die zu einem kleinen Gerätehaus führte. Links wurden Kartoffeln und Erdbeeren angebaut, rechts waren die Stangenbohnen und die Apfelbäume. Neben dem Gerätehaus gab es noch Himbeeren und Blaubeeren. Das war unser Land. Das war meine Kindheit, ich weiß alles über den Kartoffelanbau und das Ausbuddeln. Wir haben eines Tages unser Land verloren, die Stadt Bremen hat eine Autobahn drüber gebaut. Meine Mutter ist diese Strecke nie gefahren, sie hat es der Stadt Bremen nie verziehen, dass man ihr unser Land weggenommen hat. Aber jetzt holt uns Herr Gauland unser Land zurück, das ist doch schön.

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