Samstag, 30. September 2017

Benn & Oelze


Immer einsamer wird es, menschenleer. Wohin führen die Jahre, wohl nirgends hin, hatte der Bremer Kaufmann F.W. Oelze Ende Juli 1936 seinem Briefpartner Gottfried Benn geschrieben. Und der antwortete mit dem Briefdatum vom 4. September 1936 mit einem Gedicht:

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.


Als Benn das Gedicht schreibt, dem er im Brief an Oelze den Satz Bedarf keiner besonderen Antwort! beifügt, sind die Olympischen Spiele von Berlin gerade vorbei. Da hatte ein anderer deutscher Dichter in der Olympia-Zeitung von der tierhaften, pantherhaften Vollkommenheit von Cornelius Johnson, dem Neger aus USA, geredet. Der Olympiasieg sollte aber die weiße Rasse nicht beunruhigen: Die Vollendung des Wissenden, der Allwissende, ist der Gott. Und die Vollendung des Ahnenden, das Instinktwesen, ist das Tier ... Darum sind die Möglichkeiten der weißen Rasse, die hauptsächlich die Trägerin des Wissens ist, gar nicht abzusehen. Und darum haben die coloured men, entgegen gewisser pessimistischer Prophezeiungen, keine Chance auf dieser Welt. Der Mann, der diese Zeilen schreibt, wird nach 1945 Thomas Mann aufs Übelste attackieren, es ist niemand anderer als ➱Manfred Hausmann.

Ich habe gerade im Antiquariat Benns ➱Statische Gedichte für einen Euro gefunden. Natürlich besitze ich eine Benn Gesamtausgabe, aber diese alte Ausgabe des Arche Verlags war mir doch den Euro wert. Ich nahm auch noch Gottfried Benn Das Nichts und der Herr am Nebentisch von Joachim Dyck mit. Auch für einen Euro, Gottfried Benn ist billig zu haben. Das Buch von Dyck ist die perfekte Einführung in Benns Leben und Werk. Also, wenn Sie keine Gesamtausgabe haben und nicht alle Briefe Benns an den Bremer Kaufmann ➱Friedrich Wilhelm Oelze gelesen haben sollten, dann ist das Buch von Joachim Dyck das beste, das sie lesen können. Neben der Einleitung und dem 50-seitigen bebilderten biographischem Essay enthält es auch fünfzig Gedichte von Benn. Das letzte Gedichte ist ➱Kann keine Trauer sein, es ist auch Benns letztes Gedicht, vielleicht sein schönstes.

Der Germanistikprofessor Dyck hat in den letzten Jahren viel zu Gottfried Benn geschrieben, sein neuestes Werk heißt Benn und Bremen, ein Buch das in seiner Länge weit über ➱Herr Oelze aus Bremen: Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze aus dem Jahre 2001 hinausgeht. Für das ➱Buch von ➱Hans Dieter Schäfer (der auch ➱Wilhelm Lehmann herausgegeben hat) war man damals ja dankbar. Ich hätte für Sie hier einen schönen ➱Aufsatz von Matthias Weichelt, dem Herausgeber der Zeitschrift Sinn und Form, über Benn und Oelze.

Benn bewundert den Bremer: so englisch, so rittmeisterlich, so chic genre. Benn bewundert die Kleidung von Oelze, der promovierte Jurist wird für ihn geradezu zu einem Dandy; irgendwann fragt er ihn, ob ➱Gamaschen noch en vogue sind. Das Urteil des Hanseaten, der sich seine Anzüge in London schneidern lässt, bezüglich der Gamaschen ist vernichtend. Benn legt seine Gamaschen ab. Oelze kann bei seinen Besuchen der Savile Row als Engländer durchgehen, er spricht ein perfektes Oberklassenenglisch. Er hat in England studiert, und seine Familie hat dort immer wieder Urlaub gemacht.

Mit den Jahren wird der Briefton immer freundschaftlicher, zur Verbrüderung kommt es aber nie. Doch irgendwann vertraut Benn seinem fernen eleganten Brieffreund brieflich alles an, er weiß, dass Oelze das nicht publizieren wird. Dass er die Nazis verachtet und dass er heiraten will: … ich habe die letzten Jahre in zerrissener Bettwäsche geschlafen u. wenn ich krank war, musste ich mir die Haferflocken allein durchs Sieb rühren –, ich mag nicht mehr! Soll ich nun hier ein Dienstmädchen nehmen, das nichts zu tun hat, oder eine Aufwartung, die stiehlt, u. daneben wieder die 2 – 3 Freundinnen, die doch auch alle geheiratet werden wollen, – da sagte ich mir, ich kombiniere das lieber alles u. nehme mir eine Frau, die gesellschaftlich sicher ist u. ausserdem arbeiten kann u. die – 21 Jahre jünger, – zu erziehen mir sogar Freude macht u. der dieser elende Staat sogar noch Pension zahlen muss, wenn ich tot bin, ja dieser letztere Gedanke war mir ein ganz besonderer Genuss in Anbetracht des Staates, in dem ich mir so schwer mein Brod verdienen musste und immer noch muss …

Benn bewundert die Villen, in denen Oelze wohnt. Vor allem diese weiße klassizistische Villa in Oberneuland. Der widmet er sogar ein kleines Gedicht:

Das Haus in Bremen, das ich nun wirklich sah
bisher ein Schemen, mir nur im Geiste nah
das wird nun dauern in steter Wiederkehr
die weißen Mauern, die Bäume alt und schwer.

Zu seinem Lebensende wird Oelze in die Villa seines Freundes Dr Theodor Ichon ziehen (wo es auch scheußliche Wandgemälde von ➱Arthur Fitger gibt), davon ist aber auf der Seite der heutzutage furchtbar vermarkteten Villa Ichon nichts erwähnt. Oelzes Mutter wurde in Kingston geboren, der Stadt, die Harry Belafonte mit Jamaica Farewell in unsere Köpfe gebracht hat. Oelzes Opa F. A. Ebbeke hatte da 1865 Zuckerrohrplantagen erworben und eine Rumfirma aufgemacht.

Ist die Kulturgeschichte des ➱Rums wirklich schon geschrieben? Die mit ➱yo-ho-ho, and a bottle of rum!, Admiral Vernon und Lord Nelson im Rumfass? Und diesem sauteuren ➱Rum, den mir Volker von einem Segeltörn aus der Karibik mitgebracht hat? Oelze steigt in die väterliche Firma ein und wird viele Male in die Karibik reisen. Und Benn bunte Postkarten schicken. Er wird noch Teilhaber in anderen Firmen, aber eigentlich hat er das gar nicht nötig. Denn er hat nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er wie Benn Soldat war, eine Frau aus einer sehr vermögenden und angesehenen Kaufmannsfamilie geheiratet. Der Name der Familie wird in vielen Veröffentlichungen nie genannt, ich weiß nicht warum. Es ist die Familie von ➱Franz Schütte, dem reichsten Mann von Bremen, den man einmal den Petroleumkönig genannt hat.

Nach dem Krieg wird der Bremer Großkaufmann Dr Oelze dem ehemaligen Oberstarzt Dr Benn auch einiges zukommen lassen, da ist er nicht nur der Brieffreund, der ein Benn Archiv anlegt, da ist er auch ein stiller Mäzen. Der daneben als eine Art Literaturagent für den Dichter wirkt. Wenn Oelze auch alles von und über Benn sammelt, vernichtet er gleichzeitig alle Spuren seines Lebens

Dann verbrennt er seine Skizzen und Manuskripte,
nur keine Restbestände, Fragmente, Notizen,
diese verräterischen Einblicke -


wie es in Benns Gedicht ➱Chopin heißt. Vornehmer kann man als Bremer mit der Zurückhaltung nicht sein. Es muss ihn hart angekommen sein, 1965 in seiner ➱Erinnerung an Gottfried Benn (die sich im ersten Band der Briefe findet) so viel von sich selbst preiszugeben.

Das letzte Mal, das Gottfried Benn hier im Blog erwähnt wurde, war im Post ➱Brüllstangen. Ein Post, der sich still und leise zu einem Bestseller entwickelt hat, das wird die Christine freuen. Der Post ➱Venedig ist auch ein Bestseller, wahrscheinlich, weil es einer meiner kürzesten Posts ist. Natürlich hat der Dichter schon lange einen Post, der ➱Gottfried Benn heißt. Benn kommt auch in dem Post ➱Anatomie vor, wo ich von der Anatomie des Dr Tulp zu Benns ➱Kleine Aster sprang. Das Gedicht, in dem ein Bierfahrer vorkommt, kann ich auswendig. Nicht, weil ich selbst einmal ➱Bierfahrer war, sondern weil es mich faszinierte, als ich mich durch Enzensbergers Museum der modernen Poesie las. Ich kann auch Kann keine Trauer sein auswendig, ich habe Zeilen davon in dem Post ➱Hans Henny Jahn zitiert. Dass ich Benn in dem Post ➱Jahreswechsel zitierte, hat vielen Lesern gefallen. Und wenn Konstantin Wecker in Stürmische Zeiten, mein Schatz singt:

Aber dennoch nicht verzagen,
widerstehn.
Leben ist Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.
Leben ist Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.

dann sind die letzten beiden Zeilen nicht von ihm, die sind von Benn (ich habe das schon in dem Post ➱Klassentreffen zitiert).

Der Sommer ist zuende, der Oktober steht vor der Tür. Gestern war hier noch ein schöner Sommertag, heute soll's regnen. Aber ein Gedicht von Benn passt immer:

Astern - schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?

Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,

Noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
Die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.

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