Mittwoch, 25. Februar 2015

Myra Hess


Am Anfang war es nur eine Idee, die der Direktor der National Gallery ➱Sir Kenneth Clark und die Pianistin Myra Hess hatten: ➱Konzerte im Krieg in der National Gallery. Immer in der Mittagspause. Gleichgültig, ob es Bombenwarnungen gab oder nicht. Sir Kenneth übernahm die Verhandlungen mit den Behörden, um Ausnahmegenehmigungen für alles mögliche zu erreichen(und den Pfarrer von ➱St. Martin in the Fields zu überreden, die ➱Glocken nicht während eines Konzerts zu läuten). Er hatte eigentlich schon genug zu tun. Er war dabei, die Kunstwerke der National Gallery in ein Bergwerk in ➱Wales zu schaffen. Myra Hess dachte, es würden zu ihrem ersten Konzert nur vierzig oder fünfzig Freunde kommen.

Der Eintritt war so gut wie frei, es kostete einen Shilling, um in der Nationalgalerie Musik zu hören. Es kamen nicht für fünfzig Leute, es kamen tausende. What sort of people were these who felt more hungry for music than for their lunches? All sorts. Young and old, smart and shabby, Tommies in uniform with their tin hats strapped on, old ladies with ear trumpets, musical students, civil servants, office boys, busy public men, all sorts had come, hat Kenneth Clarke geschrieben. Die Konzerte wurden zu einer Institution. Ich finde diesen Cartoon wunderbar, wo eine Dame zu der anderen in der letzten Reihe sagt (während sich schon einige Musikfreunde empört umdrehen): For years I have been eating my lunch to Rembrandt, Hals, Vermeer and Hooch, so I find it a bit strange switching over to Bach, Chopin, Schubert and Brahms.

Das erste Konzert fand am 10. Oktober 1939 statt, das letzte (es war das 1.698. Konzert, Myra Hess bestritt 150 davon) am 10. April 1946. Da hatte der englische König die Pianistin, die als Initiatorin hinter der Konzertreihe stand, schon lange zum Dame Commander des Order of the British Empire gemacht. Im letzten Konzert ist sie nicht mehr aufgetreten, es wäre emotional zu viel für sie gewesen. Im Programmheft stand nur der Satz At the conclusion of the programme Dame Myra Hess will say a few words. Mehr als 750.000 Menschen haben während des Krieges die Konzerte gehört.

In ihrem ersten Konzert spielte Myra Hess Scarlatti, Bach, Schubert und Beethovens Appassionata (➱hier zu hören). Es ist eine seltsame Situation: da sitzt eine jüdische Pianistin mittags in der National Gallery am Steinway Flügel und spielt die Musik deutscher Komponisten. Und es werden auch deutsche Musiker zu hören sein. Als Elena Gerhardt, die seit 1934 in London lebte, hörte, dass die Deutschen in Holland einmarschierten, wollte sie ihren Auftritt absagen: Myra, I cannot sing today. Nobody will want to hear the German language. Aber Myra Hess wird ihre Freundin überreden, gemeinsam werden sie auf die kleine Bühne kommen. Es wird ein großer Erfolg. Sie werden noch über zwanzig Mal während des Krieges zusammen auftreten.

Wenn die Deutschen die ➱Battle of Britain verloren haben, werden sie zur Bombardierung Londons übergehen. Am 15 Oktober 1940 teilt man Myra Hess per Telephon mit, dass man wegen eines Bombentreffers die National Gallery habe evakuieren müssen. Aber das Konzert fällt nicht aus, das Publikum wird in die Bibliothek des South Africa House am Trafalgar Square umgeleitet.

Es spielt das ➱Griller Quartet, das bei beinahe allen Konzerten während des Krieges dabei war. Und es spielt nicht Rule Britannia. Die Musiker spielen ➱Mozart. Ich weiß nicht, ob der Reichsmarschall Göring das jemals erfahren hat. Ein einziges Mal soll Myra Hess ihre Fassung verloren haben, als das Geräusch einer einschlagenden V1 durch die dicken Mauern der National Gallery drang. Sie begann ihren Klaviereinsatz bei Beethovens Klavierkonzert No 3 eine Oktave zu hoch.

Sie hat ihr erstes Konzert mit ihrem Arrangement des Bach Chorals Jesus bleibet meine Freude, meines Herzens Trost und Saft beendet. Sie können das ➱hier hören. Die Transkription hatte sie 1926 geschrieben, danach haben viele Pianisten es gespielt. Die Version von ➱Dinu Lipatti ist ebenso berühmt geworden wie ihre Aufnahmen. Es war das erste Stück, das er in seiner Karriere öffentlich gespielt hat. Er war achtzehn bei seinem Auftritt, sein Lehrer, der Komponist Paul Dukas war wenige Tage zuvor gestorben. Ihm zu Ehren spielte Lipatti den Bach Choral in der Bearbeitung von Myra Hess. Und das Jesus bleibet meine Freude, meines Herzens Trost und Saft war auch das letzte, was er in Besançon bei seinem letzten Konzert noch spielen konnte.

Julia Myra Hess, DBE, wurde heute vor 125 Jahren in London geboren. Mit siebzehn stand sie mit Sir Thomas Beecham auf der Bühne. Nach dem Ersten Weltkrieg hat sie Konzerte in Amerika gegeben, die Amerikaner liebten diese Frau, die Ziggis rauchte und schmutzige Witze erzählen konnte. Sie hat in Amerika auch eine Schülerin besucht, über die deren Sohn später sagte: My mother Elizabeth Ivey Brubeck was a pianist who studied with Dame Myra Hess and Tobias Matthey. As a child in California I used to listen to her play Chopin. Dave Brubeck, den man auch den Bach des Jazz genannt hat, hat Jesus bleibet meine Freude leider nie aufgenommen. Da müssen wir uns mit ➱Take Five begnügen.

Ein wenig an bewegten Bildern habe ich auch. Das erste heißt ➱Admission: One Shilling, das ist ganz neu. Und das andere sind zwei Dokumentarfilme (wir können sie auch Propagandafilme nennen): ➱Listen to Britain (1942) und ➱A Diary for Timothy (1945). Myra Hess ist in beiden Filmen zu sehen und zu hören. Es lohnt sich, die Filme zu sehen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten