Sonntag, 6. April 2014

Emanuel Geibel


Wie wohl ist dem, der dann und wann Sich etwas Schönes dichten kann! dichtete Wilhelm Busch in Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter. Der titelgebende Held soll Emanuel Geibel gewesen sein. Der Dichter, dem wir so unsterbliche Zeilen wie Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, Da bleibe wer Lust hat mit Sorgen zu Haus und Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen verdanken. Oder solche Sentenzen wie Das ist klarste Kritik von der Welt, wenn neben das, was ihm mißfällt, einer was Eigenes, Besseres stellt.

Emanuel Geibel ist heute vor einhundertdreißig Jahren gestorben. Was einen gewissen Max Schneider dichten ließ:

Sah über Meeresweiten 
Verlöschende Abendgluth,
Sturmvögel darüber gleiten 
Und tauchen in Meeresfluth.

Lag nicht am selbigen Strande, 
Wo dort die Sonne sank. 
Der beste Deutsche im Lande, 
Der beste Dichter krank?

Ich erspare uns den Mittelteil, serviere aber die letzte Strophe:

Kein Bote ist gekommen,
Der mir die Kunde bot;
Im Herzen nur hab ich's vernommen: 
Emanuel Geibel ist todt!

Mal schreibt unser Emanuel Geibel ➱Ergebenheitsgedichte an den preußischen König, mal rasselt er am Schreibtisch mit dem Säbel:

O hätt' ich Drachenzähne statt der Lieder,
Daß, sät' ich sie auf diese dürre Küste,
Draus ein Geschlecht von Kriegern wachsen müßte,
Im Waffentanz zu rühren Eisenglieder.

Diese Sonette des Lübeckers Geibel auf ➱Schleswig-Holstein haben es in sich, solche Art Lyrik kann man im 19. Jahrhundert immer wieder gebrauchen. Eines Tages wird die Saat der Drachenzähne aufgehen. Es ist diese Art Lyrik, für die wir in Deutschland empfänglich zu sein scheinen. Und so dichtet Geibel dann 1846 seine Sonette, die man Geharnischte Sonette nennen könnte, wenn Friedrich Rückert diesen Titel nicht schon 1814 verwendet hätte. Es ist der offene Brief, den der dänische König Christian im Juli 1846 schreibt, der die Schleswig-Holsteiner um ihr Up ewig ungedeelt zittern lässt. Vielleicht war der ja wirklich nur zur Regelung der Erbfolge geschrieben, aber viele Politiker köcheln jetzt ihr Süppchen. Am heißesten serviert das Emanuel Geibel:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

Ist deine Ehre so dahingeschwunden
Im Mund der Völker, daß sie keck drauf bauen,
Mit teilnahmloser Ruhe würden schauen
Die Schmach des kranken Gliedes die gesunden?

Erwach' und steig empor in Zornes Lohen!
Laß aus der Brust, die nicht umsonst sich brüstet,
Die Riesendonner deiner Stimme drohen!
Da werden, die nach deinem Raub gelüstet,

Entsetzt zerstäuben, wie die Troer flohen
Beim Ruf Achills, noch eh' er sich gerüstet.

Ist Geibel glücklich, wenn ➱1848 der Krieg ausbricht? Seine ➱Juniuslieder aus dem Jahre zuvor sind biedermeierlich unpolitisch, aber mit seinen ➱Heroldsrufen ist der alte Schreibtischkämpfer wieder da. Glücklich, dass er dann das ➱Lied von Düppel singen kann.

Manche Zeitgenossen, zu denen Wilhelm Busch oder Theodor Storm allerdings nicht gehörten, hielten Geibel im 19. Jahrhundert für einen großen Dichter. So schrieb der Germanist Wilhelm Scherer über Geibel: Trotz der Ungunst der Zeit aber empfing Emanuel Geibel alle die äußere Förderung, deren er bedurfte; und er erlangte eine Stellung in der Nation, welche die äußeren Ehren entbehren konnte. Er hat nie den vorübergehenden Forderungen der Mode gedient, er hat nie dem Geschmacke der Menge geschmeichelt, er hat sich nie zum Sklaven einer literarischen oder politischen Parteimeinung gemacht – und dennoch einen mächtigen, in Deutschland seltenen Erfolg errungen. Er hat damit den Beweis geliefert, daß der Erfolg des schlichten Schönen nicht von der Mode, nicht von dem Beifall des Marktes und nicht von der Gunst der Parteien abhängt. Er weckt in uns die tröstliche Hoffnung, daß das Zeitalter der Poesie doch noch nicht zu Ende sei, und daß auch in Zukunft diejenigen nicht fehlen werden, welche das echte Talent zu erheben bereit sind. Er hat im Leben Schule gemacht, jüngere Dichter neidlos gefördert und ihnen die Wege gewiesen. Er wird auch nach seinem Tode ein Wegweiser und Zielzeiger – ein Führer, ein Erzieher, ein Lehrer seines Volkes bleiben: ein Führer zur Schönheit, ein Erzieher zum Maß, ein Lehrer der Form.

Das war starker Toback für Theodor Storm, der diese ganze Geibelei (der Ausdruckt stammt von Theodor Fontane, der darunter eine formschöne aber langweilige Lyrik verstand, die man mit beliebigen Inhalten füllen konnte) nicht mehr aushielt. Und der immer darunter litt, dass sein gleichaltriger schleswig-holsteinischer Landsmann ihm vorgezogen wurde. Und so schrieb er, ohne Geibels Namen zu nennen, dies kleine Gedicht:

Poeta laureatus:

Es sei die Form ein Goldgefäß
In das man goldnen Inhalt gießt!


Ein anderer:


Die Form ist nichts als der Contur,
Der den lebend'gen Leib beschließt.


Wir ahnen, wer Geibel und wer Storm sein soll. Ein Gedicht von Geibel will ich heute aber doch zitieren, es passt zum Monat April und ist eigentlich ganz nett:

Im April

Du feuchter Frühlingsabend,
Wie hab' ich dich so gern!
Der Himmel wolkenverhangen,
Nur hie und da ein Stern.

Wie leiser Liebesodem
Hauchet so lau die Luft,
Es steiget aus allen Talen
Ein warmer Veilchenduft.

Ich möcht' ein Lied ersinnen,
Das diesem Abend gleich,
Und kann den Klang nicht finden,
So dunkel, mild und weich.

Ist etwas von Geibels Werk zu retten? In Thomas Manns Roman Buddenbrooks kommt ein Jean Jacques Hoffstede vor, von dem man allgemein annimmt, dass der ein Portrait Geibels sein soll: Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel jünger als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war dünner und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke, grünliche Augen und eine lange, spitze Nase.

In Thomas Manns Roman findet sich auch folgende Stelle: Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens, den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen. Italien ist das Zauberwort, mit dem man von der ganzen Geibelei vielleicht etwas retten kann. Wenn man die Gedichte liest, die sich ➱hier im Goethezeitportal finden, dann lernt man einen anderen Geibel kennen. Auf jeden Fall einen ohne Drachenzähne.


Kommentare:

  1. Das anrührende Epitaph mit "Sah über Meeresweiten verlöschende Abendgluth" macht mich jetzt neugierig. Der Volltext ist überhaupt nicht zu ergoogeln -- außer hier --, und an den Leuten, die Max Schneider heißen, kommt einzig ein Musikhistoriker Jahrgang 1875 in Frage, der mithin neunjährig so lange Gedichte geschrieben hätte, dass man sie für Blogs kürzen muss ;) Solche fragwürdigen Konstrukte mit Zügen von und dem Zeug zum Volkslied mag ich immer wieder.

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  2. Der Volltext findet sich in "Emanuel Geibel: Ein Gedenkbuch" von Arno Holz. Geben Sie doch einmal bei Google "Max Schneider Rügenwalde" ein, dann finden Sie ihn bei Google Books.

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