Samstag, 12. April 2014

Ludwig Pfau


Der deutsche Dichter und Revolutionär Ludwig Pfau ist heute vor 120 Jahren gestorben. Er war sicherlich ein redlicher Mann, der für seine demokratischen Überzeugungen viel erlitten hat. Er ist in der deutschen Revolution mit seinen Versen (zu denen auch dieses Badische Wiegenlied zählt) berühmt geworden. Nicht alles von ihm ist vergessen, das Badische Wiegenlied haben viele Protest- und Folkloresänger wieder entdeckt. Hören Sie es ➱hier in der Version von Dieter Süverkrüp. Politische Lyrik ist eine leicht verderbliche Ware. Sie hat meist ein aufgedrucktes Haltbarkeitsdatum, Jahrzehnte später hat man schon vergessen, worum es eigentlich in dem Text ging.

Die Helden der badischen Revolution mussten auswandern, ➱Friedrich Hecker, ➱Franz Sigel und Carl Schurz gingen nach Amerika und kämpften im amerikanischen ➱Bürgerkrieg auf der Seite der Nordstaaten. Ludwig Pfau ging nach Frankreich, wurde Journalist, Übersetzer (seine Übersetzung von ➱Claude Tilliers Mein Onkel Benjamin ist immer noch erhältlich) und Kunstschriftsteller. Immerhin hat ihn seine Heimatstadt Heilbronn noch zu Lebzeiten rehabilitiert und ihn 1891 zum Ehrenbürger gemacht, und im Internet findet sich eine sehr gute ➱Seite zu Ludwig Pfau.

Wir tun uns in Deutschland schwer mit dem Erbe von 1848. Nicht jeder in Deutschland konnte einen Satz schreiben wie Die deutsche Arbeiterklasse wahrt in diesem Staat die fortschrittliche nationale Tradition, zu der in der Literatur vor allem auch das Werk der Dichter zählt, denen der vorliegende Band gewidmet ist. So steht es im Vorwort von Bruno Kaisers Buch Die Achtundvierziger: Ein Lesebuch für unsere Zeit, das 1952 erschienen war und von dem bei seiner Neuauflage 1973 (also zu der Zeit, als man im Westen die Lieder der 48er entdeckte) schon hunderttausend Exemplare verkauft waren. Ludwig Pfau, der auch der Gründer des Volks-, Witz- und Carricaturen-Blatts mit dem Titel Eulenspiegel war, ist in dieser schönen Sammlung des Widerstandskämpfers Bruno Kaiser repräsentativ vertreten. Es ist erstaunlich, dass sich auf dieser Seite der Zonengrenzen, die längst eine Staatsgrenze geworden war, niemand des Erbes der deutschen Revolution angenommen hat. Na ja, außer Leuten wie ➱Hannes Wader und anderen, die die Lieder von 1848 sangen. Aber die mochte der brave Deutsche ja sowieso nicht.

Nicht in dem Buch Die Achtundvierziger: Ein Lesebuch für unsere Zeit sind die Liebesgedichte von Ludwig Pfau enthalten (➱hier finden Sie eine Auswahl). Denn neben seiner politischen Lyrik hat er auch so etwas geschrieben:

Einsam bin ich und alleine,
Tragen muss ich Lust und Schmerz,
Und zurück ins eigne Herz
Rinnt die Thräne, die ich weine.

Frühling kam und hat nicht eine
Rose mir gesteckt ans Herz;
Frühling kam mit Spiel und Scherz,
Einsam bin ich und alleine.

Große Augen, arme kleine,
Schick' ich fragen allerwärts;
Aber in kein liebes Herz
Rinnt die Trähne, die ich weine.


Der Text hat überlebt. Texte mit Herz und Schmerz überleben in Deutschland immer, falsche Gefühle können echte Gefühle sein. Erstaunlicherweise hat Arnold Schönberg das Gedicht vertont. Es ist auch erstaunlich wie viele Gedichte Ludwig Pfaus vertont worden sind (Sie können ➱hier ein sorgfältig wissenschaftlich aufgearbeitetes Verzeichnis der Vertonungen sehen). Aus Ludwig Pfaus Liebesgedichten möchte ich aber eines zitieren:

Gute Nacht

Die Erde schloß die Augen zu,
Die Sterne halten Wacht,
Und alle Thäler stehn voll Ruh -
Mein Liebchen, gute Nacht!

Die Wasser rauschen fort von hier,
Die Lüfte ziehn mit Macht;
Sie bringen meine Grüße dir:
Mein Liebchen, gute Nacht!

Schlaf süß und wohl, mein fernes Kind!
Auf deinem Kissen wacht,
Auf deine Augen sinket lind
Des Liebsten gute Nacht

Das geht nun gar nicht, wenn schon Nacht und Sterne, dann muss es Eichendorff sein. Und deshalb gibt es hier noch einmal (ich habe es irgendwann schon einmal zitiert, wenn Sie Eichendorffs Namen in das Suchfeld eingeben, werden Sie sehen, dass dies schon beinahe ein Eichendorff Blog ist) Joseph von Eichendorffs Mondnacht. Und dann merkt man natürlich auch, dass dies eine Lyrik ist, die im Gegensatz zu den Gedichten von Ludwig Pfau kein Verfallsdatum besitzt:

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Sie könnten ➱hier Peter Schreiers Schumann Vertonung von Mondnacht singen hören (Peter Schreier hat ➱hier natürlich einen Post), aber viel schöner finde ich ➱dieses kleine Video. Ein wenig schräg, aber sehr rührend.

Keine Kommentare:

Kommentar posten