Freitag, 25. April 2014

Nachbarn


Aprilwind kommt, er fasst mich kalt und warm und feucht in meinem Zittern, Zögern - und das war immer so, Petrarca: Mehr hat es nie gegeben als die Verwirrung auf der Wendeltreppe hoch zum Dach und diesen traurig-sanften Wind. Der traurig-sanfte Wind gefällt mir, sanfter Wind ist eine lyrische Plattitüde, einen traurigen Wind besingt die Indie Band Schrottgrenze. Ist aber alles nix gegen Et le vent du Nord les emporte, Dans la nuit froide de l'oubli. Das bleibt im Kopf. Egal, wenn ➱Yves Montand oder ➱Juliette das singen. Mit dem traurig-sanften Aprilwind bin ich heute bei einem deutschen Dichter, nämlich Dirk von Petersdorff.

Kennst Du eigentlich Dirk von Petersdorff? fragte mich ein Freund aus Hamburg. Er wollte natürlich nicht von mir wissen, ob ich den deutschen Dichter, der jetzt Professor für Deutsche Literatur in der Stadt der Philosophie des deutschen Idealismus und der deutschen Romantik ist, persönlich kenne. Er wollte wissen, ob ich seine Gedichte gelesen habe. Deshalb war er auch von meiner Antwort überrascht, die Schon als plärrendes Kleinkind lautete. Das ist etwas übertrieben, Dirk ging schon zur Schule, als seine Mutter mit ihrer Familie meine Nachbarin wurde. Seinen Vater sah ich selten, die Eltern hatten sich getrennt. Aber ich habe den noch gut in Erinnerung, weil er als linker Revolutionär immer mit einem roten Schal herumlief. Wie Aristide Bruant auf dem Plakat von Toulouse-Lautrec.

Dirk von Petersdorffs Mutter kannte ich vom Studium her, sie war die schönste Frau unter den Studentinnen der Kunstgeschichte. Sie besaß damals schon ein Auto, das hatten die meisten von uns nicht. Das Fach Kunstgeschichte war in den sechziger Jahren ein Fach für Töchter reicher Eltern, die meistens so lange studierten, bis sie einen Mann fanden. Häufig hatten sie keinerlei wissenschaftliche Interessen. Stürmten wütend aus dem Zimmer, wenn der Ordinarius sie wieder nicht zur Prüfung zugelassen hatte: Und jetzt lerne ich Kindlers Malerei Lexikon auswendig! Das wäre doch schon mal ein schöner Anfang gewesen. Es war eine Szene, die mir in bleibender Erinnerung geblieben ist. Eine Studienordnung gab es in der Kunstgeschichte damals nicht (die Zahl der Studenten war so klein, dass das ganze Institut bei Exkursionen in den Uni-Bus passte), man machte Examen, wenn der Professor fand, dass jetzt die Zeit dafür sei.

Aber die Mutter von Dirk von Petersdorff war nicht nur schön, sie hat trotz der Belastung durch die Kiddies ihre Dissertation geschrieben. Ihr Sohn hat dann in Kiel Germanistik und Geschichte studiert, Staatsexamen, Promotion. 2003 habilitierte er sich an der Universität des Saarlandes, seit 2004 ist er Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Seit dem Wintersemester 2008 ist er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Professor für Neuere Deutsche Literatur. Er schreibt nicht nur Gedichte, er schreibt überhaupt sehr viel (➱hier sein Schriftenverzeichnis).

Er hat auch eine Geschichte der Deutschen Lyrik verfasst, die sich bei C.H. Beck offensichtlich gut verkauft. Wahrscheinlich, weil sie nur 124 Seiten lang ist, das liest man heute gerne. Man hat ja für nichts mehr Zeit. Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, Petersdorffs Darstellung in einem Schaubild zu illustrieren. Die Zahlen unter den Namen bedeuten die Zahl der Zeilen, die Petersdorff den jeweiligen Dichtern widmet. Also Wilhelm Lehmann bekommt fünf Zeilen, Robert Gernhardt sechsundfünfzig. Der Dichter Gerhard Neumann bekommt natürlich gar keine Zeile, aber dafür hat der bei mir einen Post. Ja, solch eindrucksvolle Grafiken sind schon aussagekräftig.

Es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein, dass es neuerdings bei allen Verlagen ganz kurze Einführungen zu allen Themen gibt. Der Hamburger Junius Verlag hatte mit solchen Einführungen zum Thema Philosophie ja schon vor über zwanzig Jahren begonnen. Am Ende dieser Entwicklung steht dann der Wikipedia Artikel, der Maggiwürfel der Bildung. Früher waren Literaturgeschichten lang, sehr lang. Die Herren Jörgensen, Bohnen und Öhrgaard brauchen für die beispielhafte Darstellung von Sturm und Drang (C.H. Beck) 660 Seiten für fünfzig Jahre deutscher Literatur.

Aber es geht kürzer: die gesamte deutsche Literatur seit dem Mittelalter auf 171 Seiten. Erschienen in der Reihe der Very Short Introductions der Oxford University Press. Diese Reihe gibt es seit 1995 und es sind schon mehr als 100 Titel in dieser Reihe erschienen. Vor fünfzig Jahren gab es in Frankreich schon einmal ein ähnliches Unternehmen mit der Reihe Que Sais Je? (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Das Ganze kann natürlich nur funktionieren, wenn man für diese Bände wirklich kompetente Spezialisten gewinnt. Für die deutsche Literatur hat man bei der Oxford University Press Nicholas Boyle ausgewählt, den wohl führenden englischen Germanisten seiner Generation. Boyle hat 1991 und 2000 die ersten beiden Bände seiner vielgerühmten Goethe Biographie vorgelegt, er schreibt zur Zeit am dritten Band. Und nebenbei hat er diese nette very short introduction der Deutschen Literatur geschrieben. Fünf Kapitel, zwei Seiten Literaturverzeichnis, ein Index und zahlreiche Illustrationen. Es ist eine tour de force, geistreich, amüsant und sehr provokativ. Mehr kann man auf 171 Seiten zu dem Preis nicht verlangen.

Dirk von Petersdorff ist mit Literaturpreisen geradezu überschüttet worden, Zeitungen wie ➱Zeit oder Welt drucken seine Gedichte, die Medien und die Kritiker sind nett zu ihm. Nicht alle, aber dazu später mehr. Seine Kollegen sind auch nett zu ihm, lesen Sie doch einmal ➱hier, was Harald Hartung über ihn schreibt. Zu Hartung muss ich sagen, dass ich jahrzehntelang gelesen habe, was er über Literatur schrieb, seine Gedichte aber vernachlässigt hatte. Das ist jetzt anders geworden, ich habe ➱hier vor Wochen über ihn geschrieben. Nicht alle Dichter haben diesen frühen Erfolg, den von Petersdorff hat. Aus Kindern werden Leute.

Inzwischen ist das Nachbarskind selbst Vater. Seine Vaterrolle und die ersten Jahre der beiden Zwillinge hat er emphatisch und geschickt in dem Buch Lebensanfang vermarktet. Ich fand es beruhigend, dass Meike Fessmann von der Süddeutschen in den lobhudelnden Chor der Rezensenten über die Leiden der jungen Väter nicht einstimmen konnte: Meike Fessmann ahnt Schlimmes. Bei der Lektüre von Dirk von Petersdorffs Buch über sein ganz persönliches Vaterglück hat sie das Gefühl, als führe die Entdeckung der Vaterrolle den neuen Mann direkt ins Reich des Pathos und im Falle Petersdorff auch zu dem "Gefühl, heiligen Dingen beizuwohnen". Allzu viel, findet Fessmann dabei, ist über das "Kind im Naturzustand" ja nicht zu sagen, und "Schreien, Saugen und Kacken" sind auch aus der Vaterperspektive noch keine Revolution. Und von der Selbstreflexion, die der übernächtigte Autor dagegen auffährt, denkt Fessmann, wird das Baby auch nicht trocken.

Dirk von Petersdorff erinnert sich noch immer an Kiel: Die Bilder ziehen vorüber: Ich in Tunesien. Ich als Nihilist. Ich mit einer Sektflasche auf den Stufen des Olympiazentrums in Kiel- Schilksee. Schnitte, und bei keinem halt ich an. Segeln im Juli, durch Felsenbuchten, Fjorde, flimmernde Seen. Du siehst über die Schulter und lachst. Ich sah die Liebe erkalten. Nicht alle Erinnerungen handeln von Sektflaschen im Olympiazentrum, manches ist offensichtlich in der Vergangenheit nicht so schön gewesen, wie das Gedicht Hochhausbanden zeigt (➱hier mit anderen Gedichten des Autors). Es ist viel Nostalgie in den Gedichten: 'Ach, ich bin ermüdet, zornig eher nicht – so endet das Gedicht 'In der Tiefe' des 1966 geborenen Dirk von Petersdorff. Es ist kein Widerspruch, dass diese Verse in Petersdorffs Band mit dem Titel 'Wie es weitergeht' erschienen sind. Denn am Ausgang des 20. Jahrhunderts galten Melancholie und Ironie als angemessenes Fortbewegungsmittel – und Müdigkeit als Souveränität. Aber: So geht es, buchstäblich, nicht weiter, schrieb Florian Illies (der die Generation Golf erfand) 2010 in der Zeit.

Was soll der Dichter dichten in dieser Zeit?

Die Zukunft beginnt
wie auf Raffaels Madonna:
Am unteren Bildrand lehnen
die Engel – nächste Generation.
Sie müssen fast gähnen.

Häufig, sehr häufig greift von Petersdorff zur Ironie. Da erscheint er beinahe wie ein Ziehsohn von Enzensberger (mit dem zusammen er 2013 auch die Tübinger Poetik-Dozentur hatte und über den er auch das Buch Hans Magnus Enzensberger und die Ideengeschichte der Bundesrepublik herausgegeben hat) Oder wie ein verspäteter Peter Rühmkorf. Manchmal - nein, vielleicht doch eher häufig - finden sich auch Klagen in seinen Gedichten. Wie in dem Gedicht, das Klage heißt:

Wir haben keine Lieder. Unsre Dichter reden rum. 
Hören Sie Eichendorff und Müller, die sangen 
von Sehnsucht bzw. ungestilltem Verlangen. 
Brentano sang: oh Kleid, oh Zeit, 
wir haben keine Lieder.

Dichter sollen natürlich nicht rumreden, sie sollen uns etwas sagen. Beschreibungen des Alltags sind ein Weg, den schon ➱Rolf Dieter Brinkmann, oder auf eine andere Weise, ➱Uli Becker gegangen sind. Aber gegen die - oder gegen ➱Hannelies Taschau - kommt von Petersdorff nicht an, irgendwie ist mir das alles zu weichgespült, traurig-sanft aprilfrisch und softig. Mit einem leisen Ton des Wehklagens. Da hat Florian Illies schon recht, wenn er diese Generation einer gewissen Mutlosigkeit zeiht. Ich zitiere mal eben das titelgebende Gedicht aus dem Band Nimm den langen Weg nach Haus:

Wenn Du immer an diesen Pfau denken musst, der plötzlich
im strömenden Regen auf der Straße stand, planlos herumwackelte,
dann nimm den langen Weg nach Haus. Wenn in der Nacht
ein dicker Zwerg vor deinem Bett steht, der erstaunlich genau
die treffendsten Vorwürfe gegen dich kennt, dann nimm
den langen Weg nach Haus. Geh durch den Park. Diese Jugendlichen
mit zu langen Armen und Beinen, die auf Bänken sitzen,
in die Ferne starren, schweigen, sind ein Trost.
Sei sentimental. Es ist gut, dass Du
die alte Lederjacke noch hast. Denk an den Sommerhof,
wo zärtliche Nachthemden über die Gänge glitten,
am Morgen Spinnenweben silbrig glänzten,
wo euch die Arbeit an einem Kugelschreiber-Comic-Bild
den ganzen Tag gefangen hielt, und nimm den langen Weg nach Haus.
Hans konnte so wunderbar „As tearsgoby“ pfeifen,
als die Dunkelheit und das Wellenglucksen in der Bucht
euch immer tiefer einhüllten, ihr ward unsichtbar, ihr ward
zu Hause. Und heute bist du schon dankbar,
wenn die Frau im Getränkemarkt lächelt –
deine Kisten mit Pfandflaschen sind vollständig, aber sonst?
Wegen des Pfaus hast du beim Zoo angerufen, sie sagten:
„Locken Sie den Pfau in eine Garage“, aber du hast keine Garage,
dreh noch eine Runde
durch den warmen Oktober, durch das Blättergeraschel,
auf das nun weicher Regen fällt.
Der WM-Ball 1986, in einem fantastisch hohen Bogen
aufs Meer geschossen, trieb so schnell ab,
uneinholbar, er nahm den langen Weg nach Haus.
Damals habt ihr in halbdunklen Räumen
eure traurigen Lieder getanzt, baumelnde Glühlampen
und Klebstreifen, die von der Decke hingen, über und über
mit Fliegen besetzt. Seitdem ist alles anders geworden
und alles ist gleich geblieben, noch immer frage ich:
Wo auf diesem mondbeschienenen Planeten
führt der lange Weg nach Haus?

Hans-Herbert Räkel war in der Süddeutschen Zeitung nicht so begeistert, man könnte sagen, dass er underwhelmed war. So heißt es in seiner Rezension zum Schluss: Wie zu erwarten, aber mit welcher Verve entfaltet der Refrain dann sein metaphysisches Potential: „der WM-Ball 1986, in einem phantastisch hohen Bogen / aufs Meer geschossen, trieb so schnell ab, uneinholbar, er nahm den langen Weg nach Haus“. Nach einem weiteren Umweg zur Jugend in „halbdunklen Räumen“ fliegen die Gedanken noch höher als der Fußball: „Seitdem ist alles anders geworden / und alles ist gleich geblieben, noch immer frage ich: / Wo auf diesem mondbeschienenen Planeten / führt der lange Weg nach Haus?“ Wenn Dirk in einem schwachen Augenblick starker Inspiration so etwas schreibt, sollte dann nicht Professor von Petersdorff es am nächsten Morgen in den Papierkorb werfen? Oder arbeiten sie gar nicht mehr zusammen? Und jemand, der sich thursdaynext nennt, schreibt irgendwo im Internet: Gedichte für die Midlife Crisis. Teilweise recht nett, wird diese Lebensphase aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Kein wahrer Spassbringer, eher reflektiv, egozentriert, dennoch durchaus lesenswert. Nett: das ist ein Wort, das mir auch die ganze Zeit auf der Zunge lag, aber man darf es nicht sagen, weil es in der Literaturkritik so ein Hackebeilwort ist. So ähnlich wie der beißt nicht, der will nur spielen. Spielerisch ist von Petersdorff auf jeden Fall, und er spielt auch gerne mit Zitaten, manchmal deutsche Romantiker zitierend.

Etwas, das sich wiederkehrend bei von Petersdorff findet ist das Liebesgedicht. Das ist ja eine der ältesten Formen der abendländischen Lyrik, die auch irgendwie unkaputtbar ist. Wenn von Petersdorff in den Zeilen ganz oben auf der Seite ➱Petrarca erwähnt, dann zitiert er nur wieder einmal den Stammvater des Liebessonetts. Petersdorff, der auch Niklas Luhmann verehrt, zitiert wie alle Kinder der Postmoderne ja gerne. Und zur Postmoderne fällt mir nur der schöne Dreizeiler von Uli Becker ein:

Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock
zum Existenzialistenrolli, anything goes
und alles kommt wieder, für 15 Minuten.


Uli Becker hat auch Liebesgedichte geschrieben, die manchmal etwas schräg ausfallen, wie zum Beispiel das Haiku:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock.


Wenn Uli Becker den Kalauer verwendet, dann ist das bei ihm ein Stilmittel, jemand wie Uli Becker darf das ungestraft tun. Wenn Dirk von Petersdorff allerdings in dem ➱Gedicht Liebesanfang schreibt der Sommer lang wie ihre Beine, dann ist das irgendwie peinlich. Der ➱Rezensent des Gedichtbandes Die Teufel in Arezzo fand in der FAZ die Kalauer in dem ➱Bierlied mit Benn gerade noch erträglich, resümierte aber Für die Mehrzahl der Gedichte dieses Bandes stellt die zweite Strophe von "Aufräumen" nicht nur die treffendere Diagnose, sondern auch schon die entscheidene Frage: "Da wächst und wuchert das Kleinklein / aus Jobs und Lust, man muss, man will - / und weiß nicht mehr, soll ich das sein?" Man wüßte es wirklich gerne.

Hier könnte ich Schluss machen, aber ich will noch nicht. Die Frage von Herbert Räkel geht mir nicht aus dem Sinn. Vor allem, wenn man Verse liest wie

In der Tiefe 
sprach ich, ich stand in einem 
U- Bahnhof, ich rief mir zu: 
EVALUIERE DICH SELBST! 
Aber mir fiel nichts ein. 
Wie stehe ich denn da?

Fragen, auf die ich leider auch keine Antwort weiß. Das postmoderne Selbst ruft nicht mehr aus der Tiefe zum Herrn, es flottiert nur auf einer Signifikantenkette, ist ermüdet aber nicht zornig. Je mehr man von Petersdorffs Lyrik liest, desto mehr drängt sich die Frage Räkels auf: Wenn Dirk in einem schwachen Augenblick starker Inspiration so etwas schreibt, sollte dann nicht Professor von Petersdorff es am nächsten Morgen in den Papierkorb werfen? Ich habe den Fehler gemacht, die Masse der Gedichte von Petersdorff erst zu lesen, als ich alle Gedichte von Harald Hartung gelesen hatte. Wenn ich es mit einem Vergleich aus der Fußballwelt sagen sollen: Wenn Harald Hartung (der ja aus dem Ruhrgebiet kommt) Borussia Dortmund ist, dann ist Dirk von Petersdorff Holstein Kiel (da kommt er auch her). Die spielen in einer anderen Liga.

Es gibt Kritiker, die böser sind als ich. Glücklicherweise. Bei der gegenseitigen Beweihräucherung von Dichtern und Literaturprofessoren untereinander, hatte ich ein klein wenig das Gefühl, das den Kieler Dichter Hans-Jürgen Heise beschlich, als er einer Einladung von Hans Werner Richter zur Tagung der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna erhalten hatte. Er schrieb kurz danach einen Erlebnisbericht, in dem sich die Sätze fanden: Ich vermute jedoch: es gibt, ganz wie im wirklichen Leben, mehrere Mafia-Familien, die sich untereinander teilweise aufs heftigste befehden, dabei aber irgendwie vernetzt sind — auf undurchschaubare Weise. Ich war richtig glücklich, als ich auf Alban Nikolai Herbst (der auch eine sehr schöne ➱Laudatio auf von Petersdorff geschrieben hat) stieß. Denn der schreibt auf seiner ➱Seite im Internet (die vom Deutschen Literatur Archiv in Marbach archiviert wird: Tatsächlich meidet Petersdorff in seinen „Gedichten” nicht eine einzige Banalität, ja er gefällt sich und, schlimmer, suhlt uns darin: das gilt für die Formen wie den Inhalt. Wo es hingeht, fleddert er in den letzten Knochen Gernhardts herum, der auch schon lyrisch ein, wenn auch ungewollt, Scharlatan war. Geht es, wie nahezu immer, schlecht, ist Petersdorff kaum mehr als eine Mary Roos der Alltagsgedingse. Das desavouiert die Formen, derer er sich bedient – immer auf das schnellstgefundene Reimwort gehüpft. Zwar ist dies nicht ohne Kunsthandwerk, denn das ist freilich recht toll, wenn selbst die Glätte klappert. „Ein Replikant”, dachte ich aber, „meine Güte: So schreiben Replikanten Gedichte.” Wo wahres Gefühl wäre zu erwarten, Betroffenheit, jaja: sagen Sie nur „sentimental” - das heißt doch nicht, das Engagement sei sentimental auch in Worte zu fassen... - kurz: wo L e b e n ein Gedicht beseelte, wirkt durch Petersdorffs Verse nichts als Mainstream-Prothetik. Und auf derselben Seite bedankt sich ein Student: Danke für die Worte zu diesem Professer, ich hatte damals eine LIT I bei ihm und es ist ihm nicht gelungen, mir die Literatur auszutreiben. Nur seine Veranstaltungen habe ich danach gemieden. Alle.

Wenn Sie Dirk von Petersdorff Fan werden wollen, lesen Sie niemals zuvor Harald Hartung oder Hannelies Taschau. Oder Carl Guesmer, dessen erste Gedichte Alfred Döblin 1949 veröffentlicht hatte. Die Zeit hatte immerhin schon 1955 sein Talent erkannt: Einer dieser Autoren der „Eremitenpresse“ heißt Carl Guesmer – sein Band, dem wir unser Gedicht entnahmen, trägt den Titel „Ereignis und Einsamkeit“. Die Gedichte dieses Bandes sind die Spuren eines sehr Begabten, der aber zuweilen noch nicht genau weiß, wie begabt er eigentlich ist. Dann dichtet er zu sehr in traditionellen Bildern. Er wird sich davon frei machen. Über diesen kaum beachteten und beinahe vergessenen Dichter hätte ich eigentlich noch im Poetry Month April schreiben wollen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Kann ja noch werden.

Wo bleibt das Positive? würde Erich Kästner fragen. Ich will jetzt nicht sagen, Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Nein, das Positive kommt hier. Nicht unbedingt mit diesem Photo. Das ist nicht die neueste Beate Uhse Kollektion, die wir aus der Fernsehwerbung kennen, dieses Photo findet sich in der Welt unter dem Titel Lyrische Erotik zur Illustration eines ➱Liebesgedichtes von Dirk von Petersdorff. Wie T.S. Eliot schon sagte, nimmt die Lyrik am wenigsten Platz weg. Diese U-Wäsche (oder sagt man da schon lingerie?) auch. Aber ein bisschen Platz bekommt hier noch ein Liebesgedicht von Dirk von Petersdorff.

Liebeslied

Der Herz-, der Sonnengong. Auf steiler Küste,
Wasserluft-Kamille-Gemisch.
Prise Segel in der Bucht.
Die Sandlinie
kurvt ins Land -

sah dich im schmalen Dress,
von Locken umspielt, Botticelli-like,
1-a-Kurven-Kelch. Steh auf,
sagt das Leben; ich stehe,
gut geblendet noch immer,
auf schwachen Füßen.
Weizenfeld bis geht nicht mehr.
Ruhig schneller noch, Herzlauf,
wohin ich niemals dachte.
Furchtlos gehen kann ich,
nicht genug kosten
von dringenden Lippen -
so muss ich immer reden -
volle Verklärung? Ach,

nennt es wie ihr wollt. Auf hoher Küste
schmaler Pfad. Ostsee
glitzert, Aura-Punkte.
So spielt der Wind
mit dem Meer. Alles gut.
Du. Alles da. Der Herzgong.

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