Mittwoch, 18. Dezember 2019

Lateinlehrer


Die Zahl der Schüler, die Latein als zweite Fremdsprache wählen, ist am Sinken, und trotzdem werden überall Lateinlehrer dringend gesucht. Sie scheinen zu einem endangered species zu werden. Und dabei brauchen wir sie dringend, als Wegführer zu jenen Kulturen, die die Grundlage unserer Kultur sind. Wir müssen einfach, weil wir nicht anders können, weil wir keine entsprechendere Lebenslaufbahn vor uns haben, weil wir uns zu anderen nützlicheren Stellungen einfach den Weg verrannt haben, weil wir gar kein anderes Mittel haben, unsre Constellation von Kräften und Ansichten unsren Mitmenschen nutzbar zu machen als eben den angedeuteten Weg. Schließlich dürfen wir doch nicht für uns leben. Sorgen wir nach unserem Theil dafür, daß die jungen Philologen mit der nöthigen Skepsis, frei von Pedanterie und Überschätzung ihres Fachs, als wahre Förderer humanistischer Studien sich gebärden. Soyons de notre siècle, wie die Franzen sagen: ein Standpunkt, den niemand leichter vergißt als der zünftige Philolog, hat der Altphilologe Friedrich Nietzsche über seinen Beruf gesagt.

Lateinlehrer: man vergisst sie nie. Von vielen dieser Lehrer meines Gymnasiums hier auf dem Photo kenne ich nicht mehr die Namen, aber die sechs Lateinlehrer, die erkenne ich sofort. Sechs Jahre Volksschule waren es damals in Bremen, bevor man zur Oberschule kam. Das hatten die amerikanische Besatzer gefordert, es sollte ein demokratisches Verhalten fördern. Hat es bestimmt. Das Gymnasium begann für uns mit der siebten Klasse. Es gab die Schicksalsfrage: Latein oder Französisch? Ich nahm Latein, weil man mir sagte, dass man dann später leichter Französisch lernen könne. Als Kind glaubt man ja alles, was einem die Erwachsenen erzählen.

Französisch lernt man ja am besten im Bett einer Französin heißt es, das Buch Französisch zwischen den Hügeln der Venus und den Lenden Adonis: Ein Sprachbuch für Liebeskünstler gibt es bei Amazon zu einem kleinen Preis. Es verspricht uns: Wer mit den 'Hügeln und Lenden' Französisch lernt, wird bald in der Lage sein, Liebesaffairen auch sprachlich zu bestehen. Wiederholt weisen die Autoren darauf hin, daß das Erlernen von Fremdsprachen zeitintensiv ist und daß ohne Fleiß kein Preis zu erwarten ist – zumindest keine differenzierteren Aussagen an französischen Stränden und in französischen Betten. Vielleicht hätte ich meiner schönen Buchhändlerin ein solches Buch zur Strandlektüre mitgeben sollen.

Solch amouröse Lernhilfen gibt es für das Latein nicht. Es gibt zwar ein Buch wie Latein für Dummies, aber da ist keine Rede von Venushügeln. Reicht das aus, um Vergils omnia vincit amor: et nos cedamus amori zu übersetzen? Ich hatte das Glück, dass es an meiner Schule experimentell eine reformierten Oberstufe gab, eine Vorwegnahme dessen, was später als Buxtehuder Modell bekannt wurde. Das bedeutete für mich drei Jahre Französisch in einer klitzekleinen Gruppe bei einem hervorragenden Lehrer. War vielleicht besser als drei Jahre im Bett von Brigitte Bardot (lesen Sie mehr dazu in dem Post Französisch). Für den Lateinunterricht änderte sich bei dieser Reform leider nichts. Nietzsches Soyons de notre siècle, kam da nicht vor. Vokabeln, Vokabeln, Vokabeln. Die Wörter schütteln, bis der Satz irgendwelchen Sinn macht. Eine word order wie im Englischen kennt diese Sprache nicht. Am liebsten mochte ich Hexameter, die skandiere ich noch beim Einchlafen. Oder so ein schönes elegisches Distichon: Cingere litorea flaventia tempora myrto, Musa, per undenos emodulanda pedes.

Mein Lateinlehrer in der ersten Klasse des Gymnasiums war auch mein Klassenlehrer. Er war einer der besten Lehrer unserer Schule. Ich habe ihn schon mehrmals in diesem Blog erwähnt, zuletzt in dem Post Birken. Damals hatte ich in Latein die Note Eins, die sollte sich im Laufe der Jahre verschlechtern. Das lag nicht am Latein oder an mir, das lag an den Lehrern. Mein Lateinlehrer in der Mittelstufe war adelig und unnahbar, hatte aber zwei hübsche Töchter. Die unerreichbar waren, weil ihr Vater Lateinlehrer war.

Ich habe ihn ein Jahrzehnt später an meiner Uni wiedergetroffen, er konnte sich nicht an mich erinnern, obgleich ich Jahre vor seiner Nase gesessen hatte. Er erzählte mir, dass er in den Sommerferien immer einen alten Freund besuche, der hier Ordinarius sei. Als er den Namen nannte, habe ich mich höflich verabschiedet. Sein alter Freund war ein großer Nazi gewesen, das wusste hier jeder an der Uni. Wahrscheinlich aus diesem Grund war sein Sohn zur RAF gegangen. War wenige Jahre zuvor von der Polizei erschossen worden. Als ich vor kurzem den Namen meines adeligen Lateinlehrers bei Google eingab, sah ich mit Erstaunen, dass er einen Wikipedia Artikel besaß. In dem stand, dass er ein großer Nazi gewesen war, das erklärte wohl die sommerlichen Besuche bei seinem Freund an der Universität. Latein macht einen nicht zum guten Menschen. Auch Franz Josef Strauß war Lateinlehrer.

Mein Lateinlehrer in der Oberstufe war direkt aus der Feuerzangenbowle in das Leben gestolpert. Bei Klassenfahrten trug er Knickerbocker, ein Norfolk Jackett mit Gürtel, eine Baskenmütze und eine umgeschnallte lederne Kartentasche. Ich habe ihn schon in dem Post Adam Oeser erwähnt, in dem es auch um den Lateinunterricht geht. Dem folgte damals am nächsten Tag wieder ein Post zu dem Thema, der den Titel O tempora, o mores! hatte. Sie können daraus sehen, dass der Lateinunterricht bei mir Spuren hinterlassen hat. Schlechte Lehrer sind auch eine gute Schule. In seinem Buch Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof hat Bastian Bielendorfer einen ähnlichen Typ Lateinlehrer wie den meinen beschrieben: Der Lateinlehrer lebt ständig in der Grauzone zwischen selbst empfundener Wichtigkeit der lateinischen Sprache ('allein schon für die humanistische Bildung') und dem aufkeimenden Bewusstsein, dass man ebenso Hirschpaarungslaute oder Klingonisch lehren könnte. Als Reaktion auf diese innere Dissonanz versucht sich der Lateinlehrer im Schulalltag durch das Tragen von Filzjacken-Cordhosen-Kombinationen in Taubenkot-Dunkelgrün zu tarnen und so die vierzigjährige Dienstzeit in der Lauerhaltung eines Kieselsteins einfach auszusitzen.

Ich habe meinen letzten Lateinlehrer nicht wirklich gehasst, er war mir gleichgültig, letztlich war er ein armes Schwein. Er hat mir auch nicht die Freude an der lateinischen Literatur genommen, selbst wenn ich heute zweisprachige Texte bevorzuge. Viele Fächer interessierten mich damals in der Schule überhaupt nicht, ich hatte ein ganz anderes Ziel: ich wollte mit einundzwanzig durch die Weltliteratur durch sein. Wenn ich mir meine Leseliste aus dem Jahr 1962 anschaue, dann steht da viel von dem drauf, was wir Klassik nennen. Allerdings auch viele Franzosen, weil ich damals Exi war. Aber Thukydides und Apuleius waren auch auf der Liste.

Von Zeit zu Zeit wird die tote Sprache Latein in diesem Blog höchst lebendig. All das, was ich über Griechen und Römer (und die Vorstellung, die wir von ihnen haben) geschrieben habe, hat mir sehr, sehr hohe Leserzahlen eingebracht. Mein Blog hat einen lateinischen Namen, den ich mir bei Publius Papinius Statius geklaut habe, der unter dem Namen Silvae seine kleineren verstreuten Dichtungen sammelte. Wenn man heute bei Google oder Bing den Namen Silvae eingibt, dann ist das Ergebnis Nummer Eins nicht Statius, sondern mein Blog. Das finde ich sehr witzig, dass ich in der Welt des Internets wichtiger zu sein scheine als Publius Papinius Statius. 

Wir wissen, wofür Französischkenntnisse gut sind. Um garçon, une bouteille de champagne! zu rufen, falls wir mal mit Carla Bruni ausgehen sollten. Und um schmutzige Dinge zu verstehen, die ein französischer Fußballspieler bei der Weltmeisterschaft seinem Trainer sagt. Aber was sollen wir mit toten Sprachen? Warum habe ich Latein gelernt? Also, es hat mir bis heute nicht geschadet, eher im Gegenteil. Und für das sogenannte Große Latinum (nicht dieses billige KMK Latinum von 1979) bin ich bis heute dankbar, auch wenn ich meinen letzten Lateinlehrer nicht mochte. Natürlich kommt man durchs Leben, ohne Latein oder Griechisch zu können, außer wenn man Papst werden will. William Shakespeare hatte little Latin and less Greek, wie ein Zeitgenosse sagte, er wurde zu einem der größten Dramatiker der englischen Literatur.

Und natürlich kann man eine klassische Bildung vortäuschen, in dem man aus Büchmanns Geflügelten Worten die lateinischen Sentenzen auswendig lernt und sie von Zeit zu Zeit in die Unterhaltung einflicht. Dieses Verfahren, das in Stephen Potters ironischem und satirischem Buch über die One-Upmanship schon beschrieben wurde, reicht ja heute schon aus, um ihm Fernsehen vorzugaukeln, man sei Philosoph. Lernen Sie zwanzig Namen von Philosophen von Aristoteles bis Foucault oder Luhmann auswendig und fügen Sie diese Namen in jeden dritten oder vierten Satz ein! Alle werden Sie für einen Philosophen halten. Thea Dorn hat damit Erfolg.

Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wer mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer. Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs, zur Lüge gemacht, man hat seine Jungfräulichkeit entehrt. Für den windigsten Schein, für die hohlsten Meinungen, für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe die geistreichsten, gehaltvollsten, kräftigsten Redensarten. Das alte schlichte: Überzeugung, ist deshalb auch aus der Mode gekommen, und man beliebt, von Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit, denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn, von denen man redet, und womit beschäftigt zu sein, man vorgibt, schreibt Karl Immermann 1836 in Die Epigonen.

Non scholae, sed vitae discimus, heißt es so schön. Aber der Satz ist reine Studienratsromantik. Im Original heißt es bei Seneca: Latrunculis ludimus. In supervacuis subtilitas teritur: non faciunt bonos ista sed doctos. Apertior res est sapere, immo simplicior: paucis (satis) est ad mentem bonam uti litteris, sed nos ut cetera in supervacuum diffundimus, ita philosophiam ipsam. Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus. Was auf deutsch heißt: Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.

Ich halte nicht so viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr! Lorella Bosco hat das in ihrer Dissertation über die deutschen Antikebilder kommentiert: Sie zeugen alle von demselben Bedürfnis, die eigene historische Stellung an ein für exemplarisch gehaltenes Zeitalter der Geschichte zu bestimmen, die Erwartungen und Wunschvorstellungen der eigenen Zeit auf eine beliebige Vergangenheit als Kontrastfolie für die Gegenwart zu projizieren. Man findet sich in der Vergangenheit wieder, man definiert sich durch das Vergangene, das zugleich das Andere und das Eigene ist. 

Alles über alle Maaßen historisch falsch, sagt Nietzsche, wir würden heute das Wort Fake gebrauchen. Winckelmann hat keines seiner begonnenen Universitätsstudien abgeschlossen, er war nie in Griechenland. Aber wir haben immer noch dieses edle Einfalt und stille Größe im Kopf, glauben, dass nur er die griechische Kunst verstanden hätte. Das ist das furchtbar-schöne Gorgonenhaupt des Klassischen, das Nietzsche in Über die Persönlichkeit Homers, seiner Antrittsrede an der Universität Basel 1869, erwähnte.

Der Satz History is bunk, wird Henry Ford zugeschrieben. Genauer hat er gesagt: History is more or less bunk. It's tradition. We don't want tradition. We want to live in the present, and the only history that is worth a tinker's damn is the history that we make today. Donald Trump, der kein Latein kann und auch keine Fremdsprache außer Twitter spricht, würde ihm da wahrscheinlich zustimmen. Andrew Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte, das e pluribus unum im Wappen der Vereinigten Staaten musste man ihm übersetzen. Auf den Gedenkmünzen, die jeder amerikanische Präsident ausgeben kann, steht jetzt zum ersten Mal nicht mehr e pluribus unum. Das war wohl zu schwer für Trump. Stattdessen steht da jetzt: Make America great again.

Nicht nur Rom ist untergegangen (wahrscheinlich so ähnlich, wie es der amerikanische Maler Thomas Cole hier gemalt hat), auch das Amerika der Gründerväter gibt es nicht mehr. Die Amerikaner haben zwar wie die alten Römer einen Senat und Senatoren und klassizistische Regierungsgebäude, die darauf hinweisen, dass Amerika aus dem Geist des Klassizismus geboren wurde, dem Bedürfnis, die eigene historische Stellung an ein für exemplarisch gehaltenes Zeitalter der Geschichte zu bestimmen. Aber das sind im Amerika des Donald Trump nur noch Bühnenbilder für die amerikanische Tragödie. Soll man wieder einmal Petronius zitieren: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est?

Das letzte Mal, dass ich meinen Freund Keith traf, schrieb er altgriechische Wörter in ein Vokabelheft, zwei Lexika lagen neben ihm auf dem Tisch. Draußen auf der Straße stand sein Bentley. Dunkelgrün, mit hellbraunen Ledersitzen. Davon hat er mehrere, auch Daimlers und einen Aston Martin. Er war auf einem humanistischen Gymnasium gewesen und hatte natürlich ein großes Latinum. Aber er war kein Philologe geworden, Philologen besitzen selten einen Bentley oder einen Aston Martin, mein letzter Lateinlehrer hatte einen Opel Kadett. Ich hatte das Gefühl, dass mir noch etwas fehlt, sagte Keith, als ich ihn fragte, weshalb er Griechisch lerne. Da hat einer außer einem Alvis all die Autos, von denen ein Autosammler träumt, und lernt Griechisch, weil er das Gefühl hat, dass ihm etwa fehlt. Irgendwie gab mir das damals das Gefühl, dass noch nicht ubique naufragium ist. Omnia quae sunt sunt lumina.


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