Mittwoch, 31. Dezember 2014

Jahreswechsel


Ein neues Buch, ein neues Jahr

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rückläßt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

So steht es überall im Internet zu lesen. Aber: so hat es Theodor Fontane eigentlich nicht geschrieben. Das Gedicht sieht im Original etwas anders aus. Fontane hat es immer wieder bearbeitet, eine andere Fassung findet sich in der ➱Sammlung Unterwegs und wieder daheim. In seinem Tagebuch aus der Zeit in London können wir lesen:

Sonnabend d. 22. Dezember Brief vom Reg. Rath Zitelmann aus Frankfurt a. M. Wohlwollende Rathschläge und Aufforderung zur Mitarbeiterschaft an der Minerva. Miß Miriam kennt weder Trafalgar-Square noch Whitehall. Verabredungen mit Schweitzer wegen des Weihnacht-heilig-Abends. Nach Haus.

Am Kamin.

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?! 
Wird's werden wie es immer war. 
Halb scheitern, halb gelingen?

Wird es mit Sammt mir streicheln die Haut, 
Oder wird es in Lohe mich gerben? 
Gleichviel was es im Kessel braut. 
Nur wünsch' ich nicht zu sterben.

Ich mag noch nicht von hinnen gehn, 
Wie's oft die Kämpfenden müssen; 
Ich möchte mein Weib noch wiedersehn 
Und meinen Jungen küssen.

Ich möchte noch wieder im Vaterland 
Die Gläser klingen lassen 
Und möchte noch wieder des Freundes Hand 
Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und thun
Und athmen eine Weile, 
Denn um im Grabe auszuruhn,
Da ist nicht Noth, nicht Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn 
Rückläßt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin, 
Die eben zu Asche gesunken.

Da das Gedicht von Fontane hier schon einmal stand, und die Silvester Posts ➱Tucholsky und ➱Dinner for One, die ich noch anbieten könnte, auch nicht wirklich neu sind, und weil dieser Blogger immer auf der Suche nach dem Neuen ist, gibt es heute noch etwas wirklich Neues. Es ist ein Gedicht von Kay Hoff, das Meditation zu Ende des Jahres heißt. Dr Kay Hoff ist am 15. August dieses Jahres neunzig geworden, eigentlich wollte ich über ihn schreiben (er ist in diesem Blog immerhin schon dreimal erwähnt worden), habe es dann aber leider vergessen. Vergessen ist der Autor nicht, seine Heimatstadt Neustadt hat ihn an seinem Geburtstag mit einem ➱Festakt geehrt.

Seinen Lesern wird er immer durch seinen Erstlingsroman Bödelstedt oder Würstchen bürgerlich in Erinnerung bleiben. Der Roman erschien zuerst 1966 bei Hoffmann und Campe, und obwohl er wohlwollend von der Kritik besprochen wurde, ist er heute leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Völlig zu Unrecht, wie jede erneute Lektüre beweisen wird, denn dieser Roman kann sogar neben Günter Grass' Blechtrommel bestehen. Im Rahmen einer Gesamtausgabe seines Werkes ist der Roman 2002 vom Siegener Carl Böschen Verlag wieder aufgelegt worden.

Hier greift ein geborener (und gebildeter) Erzähler auf Konventionen des Romans des 18. Jahrhunderts wie Herausgeberfiktion und Motto für jedes Kapitel zurück, um die Geschichte des fiktiven Örtchens Bödelstedt in Schleswig-Holstein und seiner Bewohner im Dritten Reich im Krieg und bei Kriegsende zu erzählen. Es hätte nicht Schleswig-Holstein sein müssen, Bödelstedt ist überall. Hoffs Roman ist damals von den Kritikern in die Nähe zu Jean Paul und Thomas Mann gerückt worden, und solche Verweise sind sicherlich berechtigt. Satire und Ironie gehören zum selbstverständlichen Handwerkszeug des Autors. Vielleicht lässt sich die Zeit auch nicht anders schildern. Am Anfang des Romans steht die Geschichte vom Schäferhund Botho, den man darauf abgerichtet hat, das ihm hingeworfene Fleisch nur zu fressen, wenn ihm Ist vom Arier! zugerufen wird. Als die ersten englischen Panzer ins Dorf rollen, muss man den Hund leider töten. Das satirische Panorama des Ortes Bödelstedt wird uns erzählt aus der Perspektive eines ewig Gestrigen, und die Unzuverlässigkeit seines Erzählens macht sicherlich auch den Reiz dieses deutschen Sittenbildes aus.

Der Lyriker Kay Hoff ist weniger bekannt geworden, und deshalb tippe ich heute aus dem Band Zeit-Gewinn: Gesammelte Gedichte 1953-1989 (ich habe natürlich ein signiertes Exemplar) dies Gedicht ab:

Eingeholt, endlich: da
bin ich, noch immer, bist du,
Winter, in mir, außer Atem, 
und ich habe vergessen, warum:
du frierst mich, frierst mir
Eis in die Fenster, ermattet,
und ich fliehe nicht mehr:
mit blind geschliffenen Gläsern
suche ich Spuren und Schatten,
taste Erinnerungen ab,
finde nur wieder, flüchtig,
dein Weiß: sprödes Gezweig,
und keine Bewegung mehr.

Ich wünsche all meinen Lesern alles Gute für das neue Jahr.

Kommentare:

  1. Kay Hoffs Gesammelte Werke in Einzelbänden sind beim Verlag nicht mehr erhältlich, werden aber in Kürze als PDF sowohl auf der Kay-Hoff-Seite des Internettauftritts der Stadt Neustadt in Holstein wie auch über die UB Kiel zum kostenlosen Download angeboten. Ralf-Henning Steinmetz

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  2. Die Geschichte von dem Schäferhund erinnert mich an einen Hundehalter in Berlin-Lichtenrade, der seinen Hund darauf abgerichtet hatte, auf den Zuruf "Mach den Gruß" die rechte Pfote zu heben...

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