Mittwoch, 24. Dezember 2014

Weihnachtsgeschichte


Wir kennen die Geschichte, sie wird jedes Jahr wieder erzählt. Es wird, wie bei allen Geschichten, immer etwas dazu getan, etwas weggelassen. Vieles sind auch Übersetzungsfehler, die ganze Bibel ist voll davon. Studenten der Kunstgeschichte lernen schon im ersten Semester, dass Moses keine Hörner gewachsen sind, wenn er vom Berg Sinai herabsteigt. Auch wenn der Moses von Michelangelo Hörner hat. Die professionellen Exegeten des Textes tun das ihre zu der Geschichte, um sie ihrem Glauben anzupassen. Und die Maler verwandeln die Erzählung, dass sie in ihr Bild passt. So, dass wir uns das vorstellen können. Dass wir das begreifen können, was da geschehen ist. Das Unbegreifliche wird zu einem Bild.

Der Evangelist Lukas versichert uns: Schon viele haben versucht, die Ereignisse zusammenhängend darzustellen, die Gott unter uns geschehen ließ und mit denen er seine Zusagen eingelöst hat. Diese Ereignisse sind uns überliefert in den Berichten der Augenzeugen, die von Anfang an alles miterlebt hatten und die den Auftrag erhielten, die Botschaft  Gottes weiterzugeben. So habe auch ich mich dazu entschlossen, all diesen Überlieferungen bis hin zu den ersten Anfängen sorgfältig nachzugehen und sie für dich, verehrter Theophilus, in der rechten Ordnung und Abfolge niederzuschreiben. Du sollst dadurch die Zuverlässigkeit der Lehre erkennen, in der du unterwiesen wurdest.

Wie immer die Stadt Davids vor zweitausend Jahren ausgesehen haben mag, auf den Bildern sehen wir ganz andere Landschaften im Hintergrund. Bei Pieter Brueghel findet die Schätzung, die der Kaiser Augustus befohlen hat (zur zeit da Kyrenius Landpfleger in Syrien war), im Winter statt, doch bei Lukas und Matthäus finden wir keine Jahreszeit. Bethlehem sieht hier aus wie ein holländisches Dorf im Schnee, Teiche und Flüsse sind zugefroren. Es könnte das gleiche Dorf sein, das wir auf dem ➱Bild Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle sehen.

Den Hirten auf dem Felde wird die Botschaft von der Geburt Christi zuerst verkündet: VND es waren Hirten in der selbigen gegend auff dem felde / bey den Hürten / die hüteten des nachts jrer Herde. Vnd sihe / des HERRN Engel trat zu jnen / vnd die Klarheit des HERRN leuchtet vmb sie / Vnd sie furchten sich seer. Vnd der Engel sprach zu jnen. Fürchtet euch nicht / Sihe / Jch verkündige euch grosse Freude / die allem Volck widerfaren wird / Denn Euch ist heute der Heiland gebörn / welcher ist Christus der HERR / in der stad Dauid. Vnd das habt zum Zeichen / Jr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen. Vnd als bald ward da bey dem Engel die menge der himelischen Herrscharen / die lobten Gott / vnd sprachen / Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen.

Irgendwann kommen die drei Heiligen Könige, die wohl gar keine Könige sind. Im griechischen Text heißen sie magoi apo anatolôn, Magier von Osten. Magier, Priester, Sterndeuter, Philosophen, was immer sie sein mögen. Bei Luther sind sie die Weisen aus dem Morgenland: Da Jhesus geborn war zu Bethlehem / im Jüdischenlande zur zeit des königes Herodis / Sihe / da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem / vnd sprachen / Wo ist der newgeborne König der Jüden? Wir haben seinen Sternen gesehen im Morgenland / vnd sind komen jn an zu beten. Dass sie Caspar, Melchior und Balthasar heißen, und dass einer von ihnen schwarz ist, davon finden wir nichts in der Bibel.

Immer wieder wird die Geschichte von den Königen und der Krippe erzählt, meistens von der Kanzel herab. Das klingt dann in den Worten eines englischen Bischofs so: Last we consider the time of their coming, the season of the year. It was no summer progress. A cold coming they had of it at this time of the year, just the worst time of the year to take a journey, and specially a long journey. The ways deep, the weather sharp, the days short, the sun farthest off, in solsitio brumali, the very dead of winter. Venimus, we are come, if that be one, venimus, we are now come, come at this time, that sure is another. Das ist eine Predigt aus dem 17. Jahrhundert, aber sie klingt schon beinahe modern. Das das war es wohl auch, was ➱Eliot daran gereizt hat, dieses A cold coming they had of it von Lancelot Andrewes in sein Gedicht Journey of the Magi hinein zu schreiben.

Lancelot Andrewes ist einer der Väter der englischen Bibelübersetzung gewesen, die wir als Authorized Version oder King James Version der Bibel kennen. Wenn wir einmal einen Blick auf Lukas 2 in der King James Version werfen: And it came to pass in those days, that there went out a decree from Caesar Augustus that all the world should be taxed. (And this taxing was first made when Cyrenius was governor of Syria.) And all went to be taxed, every one into his own city. And Joseph also went up from Galilee, out of the city of Nazareth, into Judaea, unto the city of David, which is called Bethlehem; (because he was of the house and lineage of David:) To be taxed with Mary his espoused wife, being great with child. And so it was, that, while they were there, the days were accomplished that she should be delivered. And she brought forth her firstborn son, and wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger; because there was no room for them in the inn.

Es ist diese einfache Klarheit der Sprache, die nach vierhundert Jahren immer noch eindrucksvoll ist. Das Englische dieser Bibel hat Generationen von Schriftstellern geprägt. Vor allem in Amerika. Ich weiß nicht, wer über Hemingway gesagt hat, dass sein Stil eine Mischung aus der Sprache der Bibel in der King James Version und dem Telegraphenstil von Western Union ist, aber es passt doch gut. Das sagt auch Robert Alter, der Autor von Pen of Iron: American Prose and the King James Bible (Princeton University Press). Auf die Frage Is there a particular essence of the style of the KJV—or its effect on the reader—that is passed down through American prose? antwortete Alter: I don't believe that the effects of the KJV can be reduced to a single “essence.” Different writers have taken away different things from the KJV—for Melville, it was the power of biblical poetry; for Hemingway, the parallel syntax and the attachment to plain language; for Faulkner, certain key biblical terms around which he organized his vision of history and human life. Sogar der Stil von ➱Cormac McCarthy wird bei Robert Alter berücksichtigt.

Wenn man die Bibel in englischer Sprache lesen will, dann hätte ich noch eine Literaturempfehlung. Es ist The Bible Designed to be Read as Literature von Ernest Sutherland Bates, seit 1936 ein kleiner Klassiker. Ich habe es vor Jahren von Georg zu Weihnachten bekommen, ich lese immer darin. Es ist die alte King James Version, allerdings befreit von unnötigem Ballast. Doch die altertümlichen Wendungen wie die schönen thous sind geblieben. Aber wenn man Sprache und Stil der englischen King James Version lobt, sollte man doch unsere Lutherbibel nicht kleinreden. 

Auch sie hat eine große sprachliche Kraft, die die deutsche Sprache und Literatur geprägt haben. Es gilt sicherlich das Wort von Johann Gottfried Herder: Er ists, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden; er ists, der die scholastische Wortkrämerei, wie jene Wechslerische, verschüttet; er hat durch seine Reformation eine ganze Nation zum Denken und Gefühl erhoben. Und Goethe sagt im Gespräch mit Eckermann: Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zu Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen.

Luther schreibt schon frühneuhochdeutsch. Einige Sprachstufen zurück, im Gotischen, hätte die Weihachtsgeschichte in der Bibel des Wulfila so ausgesehen: Warþ þan in dagans jainans, urrann gagrefts fram kaisara Agustau, gameljan allana midjungard. soh þan gilstrameleins frumista warþ at (wisandin kindina Swriais) raginondin Saurim Kwreinaiau. jah iddjedun allai, ei melidai weseina, ƕarjizuh in seinai baurg. Urrann þan jah Iosef us Galeilaia, us baurg Nazaraiþ, in Iudaian, in baurg Daweidis sei haitada Beþlaihaim, duþe ei was us garda fadreinais Daweidis, anameljan miþ Mariin sei in fragiftim was imma qeins, wisandein inkilþon. warþ þan, miþþanei þo wesun jainar, usfullnodedun dagos du bairan izai. jah gabar sunu seinana þana frumabaur jah biwand ina jah galagida ina in uzetin, unte ni was im rumis in stada þamma. 

Ich habe im Studium ein Gotisch Proseminar besucht, weiß aber nichts mehr davon; weiß nur noch, dass ahak die Taube heißt, weil das das erste Wort im Lexikon war. Und selbst wenn wir das Warþ þan in dagans jainans verstehen können, den Rest können wir nicht lesen. Und deshalb gibt es den Anfang der Weihnachtsgeschichte nach Lukas noch einmal im frühneuhochdeutschen Original:

Es begab sich aber zu der zeit / Das ein Gebot von dem Keiser Augusto ausgieng / Das alle Welt geschetzt würde. Vnd diese Schatzung war die allererste / vnd geschach zur zeit / da Kyrenius Landpfleger in Syrien war. Vnd jederman gieng / das er sich schetzen liesse / ein jglicher in seine Stad. Da machet sich auff auch Joseph / aus Galilea / aus der stad Nazareth / in das Jüdischeland / zur stad Dauid / die da heisst Bethlehem / Darumb das er von dem Hause vnd geschlechte Dauid war / Auff das er sich schetzen liesse mit Maria seinem vertraweten Weibe / die war schwanger. Vnd als sie daselbst waren / kam die zeit / das sie geberen solte. Vnd sie gebar jren ersten Son / vnd wickelt jn in Windeln / vnd leget jn in eine Krippen / Denn sie hatten sonst keinen raum in der Herberge.

Ich wünsche all mein Lesern ein frohes Weihnachtsfest, auch wenn das Wetter mit Dauerregen und frühlingshaften Temperaturen keine ➱Weihnachtsgefühle aufkommen lässt. Aber das hat es auch schon einmal gegeben. So notierte der Pfarrer Gilbert White am 27. Dezember 1768 in seinem Tagebuch: Weather more than April than the end of December. Hedgesparrow sings.

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