Samstag, 15. Juli 2017

Generalskrise


Möge es Ihnen gelingen, gegenüber dem in der Öffentlichkeit überstrapazierten Begriff der 'Reformer' einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch zu verhelfen. Das schreibt dieser so nett lächelnde Herr 1964 an den neuen Inspekteur des Heeres. Manche SPD Politiker halten ihn für einen der reaktionärsten Generäle der Bundeswehr. Mit 37 Jahren war er einer der jüngsten Generäle Hitlers. Kommandeur der Division Feldherrnhalle, Ritterkreuz mit Eichenlaub. Im Nürnberger Prozess wird er eidesstattliche Versicherungen abgeben, dass die Division Feldherrnhalle keine SA Einheit gewesen sei (obgleich sie den Namen einer SA Einheit trägt und die meisten Soldaten aus der SA kommen). Die Amerikaner behalten ihn nach dem Ende des Krieges erst einmal, übergeben ihn an die Russen und bekommen ihn wieder zurück. Warum haben sie ihn nicht behalten? Als die Bundeswehr gegründet wird, ist der ehemalige Generalmajor Günther Pape sofort dabei. Fängt als Brigadegeneral an und hat bald seinen alten Dienstgrad wieder.

Und er erinnert den Kollegen Ulrich de Maizière an diese etwas schwammige geläuterte soldatische Tradition verbunden mit modernem Denken. Mit den reformerischen Kräften hat Pape nichts am Hut, so wie er mit den Offizieren des Widerstands nichts zu tun hatte. Wenn er in einem Düsseldorfer Gymnasium einen Vortrag hält, dann ist das entscheidende Zitat Wer in der Gegenwart die Vergangenheit vergißt, verliert die Zukunft! Es ist ein Zitat von Hans Röttiger, der der erste Inspekteur des Heeres der Bundeswehr war, ich weiß nicht, was der Generalleutnant, der noch den Ersten Weltkrieg mitmachte (und sein Eisernes Kreuz eher als sein Notabitur hatte), von Günther Pape gehalten hat.

Der General Pape, der heute vor 110 Jahren geboren wurde, meint mit der Vergangenheit offenbar etwas anderes als Hans Röttiger (hier im Gespräch mit Helmut Schmidt). Röttiger war 1956 als Inspekteur des Heeres nicht unumstritten. Kesselring hasste ihn, weil Röttiger in Italien mit den Alliierten Kapitulationsverhandlungen aufgenommen hatte, als Kesselring noch an den Endsieg glaubte. Erich von Manstein verachtete Röttiger, weil er kein Ritterkreuz hatte, wegen der Kapitulation in Italien und wegen seiner Rolle bei den Nürnberger Prozessen. Denn da hatte sich Röttiger gegen seine Kameraden gestellt, weil er eingesehen hatte, dass der Rußlandfeldzug den Zweck hatte, den militärischen Bandenkampf des Heeres dazu auszunutzen, die rücksichtslose Liquidierung des Judentums und anderer unerwünschter Elemente zu ermöglichen. Hans Röttiger war in Himmerode dabei, wo die Bundeswehr geplant wurde. Zu der Zeit saß der Generalmajor a.D. Pape in einer Kommission, die sich damit beschäftigt, ob die Ritterkreuzträger in der neu zu schaffenden Armee ihr Ritterkreuz tragen dürfen. Wer in der Gegenwart die Vergangenheit vergißt, verliert die Zukunft!

Röttiger war strikt gegen die Atombewaffnung: Nach den Erfahrungen in dieser Richtung, insbesondere in der Folgezeit des Zweiten Weltkrieges, dürfte es immerhin fraglich sein, ob ein seiner Verantwortung bewußter Soldat gleich welchen Dienstgrades, sich bereit finden wird, den Einsatz von Massenvernichtungswaffen mit seinem Namen zu decken oder auch nur ‚mitzudecken’. Es wäre sehr wohl denkbar, daß der Soldat, der wohl wie kaum ein anderer die Folgen eines derartigen Handelns zu beurteilen vermag, in einem solchen Fall zu einer Art ‚Atomdienstverweigerer’ würde.

Allerdings hatte Röttiger eine Versuchsgruppe ins Leben gerufen, die einen möglichen Einsatz von Atomwaffen durchspielen sollte. Ich zitiere dazu einmal aus einer interessanten ➱Dissertation: Symptomatisch ist hier der Verlauf der ersten Lehr- und Versuchsübung des Heeres (LV 58) auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne/Niedersachsen 1958, bei denen erstmals in einer Manöverlage der Einsatz von Atomsprengkörpern theoretisch durchgespielt wurde. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans Röttiger, brach die Übung schließlich ab, als der Atomeinsatz sich tatsächlich unerwartet verheerend auf das durchgeführte Gefechtsszenario der gepanzerten und infanteristischen Kräfte ausgewirkt hatte. Da muss wohl das gleiche passiert sein, was ich in dem Post ➱Fallex beschrieben habe. Dies Bild ist auch im Jahre 1958 in Bergen-Hohne gemacht worden: Adenauer betrachtet wohlfällig ein Holzmodell des ➱HS-30, den man gerade ankauft. Den Panzer gibt es zwar noch nicht, aber ein Holzmodell ist doch auch schön.

Es geht bei der Generalskrise von 1966 darum, wie die Bundeswehr in die Gesellschaft integriert werden soll, es geht um die Macht, die Leute wie Pape und der Generalinspekteur Trettner gerne hätten. Ich habe dazu einen lesenswerten Report des Spiegel mit dem Titel ➱Uns versteht keiner so richtig. Ich habe in den sechziger Jahren genügend Generäle kennengelernt, manche waren menschlich und als Vorgesetzte hervorragend. Wie mein erster Divisonskommandeur Cord von Hobe (hier bei seiner ➱Rede zum 20. Juli im Hof des Bendlerblocks). Sein Nachfolger Otto Uechtritz sieht zwar in seiner Uniform schneidig aus, besitzt aber keine intellektuellen Fähigkeiten. Den General Ulrich de Maizière habe ich einmal erlebt, es war ein sehr peinlicher Auftritt, Sie können die Geschichte in dem Post ➱Heinrich Hannover nachlesen.

Die Bundeswehr hat in den sechziger Jahren die Stärke von beinahe einer halben Million erreicht. Sie hat damals 230 Generäle, inzwischen ist die Bundeswehr kaum noch halb so stark, hat aber immer noch etwas mehr als zweihundert Generäle. Was machen die alle? Dass wir eine gegenüber den Allierten vorzeigbare Armee haben, täuscht darüber hinweg, dass es im Inneren nicht in Ordnung ist. Was wir als Spiegel Affäre bezeichnen, ist der größte politische Skandal der Bundesrepublik. Am Ende muss Strauß gehen und Adenauers Regierung ist beschädigt, von dem Abgrund an Landesverrat bleibt nichts übrig. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch eine kleine Anekdote zu Strauß und Röttiger einfügen. Im Bonner Presseclub hat Strauß über den neben ihm sitzenden General Röttiger gesagt, er trage eine Uniform, in der man ihn, wenn er keine Rangabzeichen trüge, für einen Zigarettenverkäufer halten könnte. Das sind wunderbare Manieren dieses gebildeten Altphilologen. Über seinen Rausschmiss aus dem Amt wusste er Erstaunliches zu sagen: Ich bin damals behandelt worden wie ein Jude, der es gewagt hätte, auf dem Reichsparteitag der NSDAP aufzutreten.

Nach der Spiegel Affäre kam der Skandal von Nagold, Übergriffe gegen Soldaten häuften sich. Auch in unserer Brigade hatte wir einen Fall. Da hatte ein Leutnant des Fallschirmjägerbataillons 313 in Varel seine Soldaten zum Essen von Brennesseln gezwungen, hatte sie Liegestütze über einem offenen Messer machen lassen etc. Die Bundeswehr reagierte damals sehr schnell. In Nagold war die Kompanie sofort aufgelöst worden, alle Soldaten wurden strafversetzt.

Im Fall des Brennesselfresser wurde der für die Dauer der staatsanwaltlichen Ermittlungen zu meiner Kompanie versetzt. Das am Sonntag geplante Fußballspiel konnte nicht stattfinden, der Fußballplatz war mit Hubschraubern vollgeparkt, da war die halbe Hardthöhe bei uns. Der Brennesselfresser durfte normalen Dienst tun, aber keine Waffe tragen. Und er durfte nicht in den Speisesaal des Kasinos, er musste in der Küche essen. Es wurden ihm da aber keine Brennesseln serviert. Wenn der Staatsanwalt ihn sehen wollte, musste ich in vorführen, musste dafür den Helm aufsetzen und die P38 umbinden. Der Brennesselfresser war ein armes Schwein, er hatte einen reichen Vater, war von jeder Schule geflogen. Abitur an einem schlecht beleumundeten Internat. Danach Berufssoldat, ein Säufer und Schinder. Solche Leute hätte die Bundeswehr nie gebraucht. So wie sie den General Günther Pape nicht gebraucht hätte.

Aber der General Pape ist mit seinen Kameraden im Hintergrund (oder sollte man Untergrund sagen?) dabei, dass einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch verholfen wird. Sprich, dass die Generäle gegenüber der Politik mehr Macht bekommen. Sie wittern Morgenluft, da der Nachfolger von Strauß, Kai-Uwe von Hassel, ein schwacher Mann ist. Angeblich wurde er in diesen Kreisen von Quassel genannt. Ich konnte damals nichts gegen von Hassel sagen, sein Name steht auf meiner Ernennungsurkunde zum Leutnant. Im BMVg gibt es einen Hauptabteilungsleiter namens Ernst Wirmer, der für eine klare Trennung zwischen Truppe und Zivilverwaltung eintritt. Das ist für ihn das wichtigste Element einer demokratischen Wehrverfassung. Er hat einen anderen Hintergrund als die reaktionären Generäle. Sein Bruder wurde von Freisler zum Tode verurteilt worden, und Wirmer selbst war von der Gestapo verhaftet worden. Wir können glücklich sein, dass es auch solche Männer im Verteidigungsminsterium gegeben hat.

Die sechziger Jahre, insbesondere die Zeit von 1963 bis 1967, gelten als die Epoche des Ausbaus und der Konsolidierung. Es sind zugleich die Jahre des Ringens um die Innere Führung. Die Gegensätze zwischen Befürwortern und Gegnern brechen nun in voller Schärfe auf, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Der General Pape ist mit seinen Kameraden im Hintergrund (oder sollte man Untergrund sagen?) dabei, dass einer geläuterten soldatischen Tradition verbunden mit modernem Denken zum Durchbruch verholfen wird. Sprich, dass die Generäle gegenüber der Politik mehr Macht bekommen.

Der ist jetzt Generalinspekteur, über ihn hat die DDR gerade ein Weissbuch über die Kriegsverbrechen des General-Inspekteurs der Bundeswehr, General Heinz Trettner veröffentlicht. Und nun geschieht etwas Fürchterliches, es kommt der Gewerkschaftserlass, den Ernst Wirmer bei von Hassell durch gesetzt hatte. Trettner ist so beleidigt, dass er seinen Hut nimmt, einen Tag später folgt ihm sein Kumpel Pape. Der Inspekteur der Luftwaffe Werner Panitzki (Bild) war Tage zuvor wegen der Starfighter Krise zurückgetreten, damit verliert die Bundeswehr in einer Woche drei Generäle aus der Führungsetage.

Der Spiegel titelt Aufstand der Generale, aber ist das Ganze wirklich so schlimm? Es ist ein Sieg des Hauptabteilungsleiters Ernst Wirmer und ein Sieg der Demokratie über die ewig Gestrigen.Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel wußte die Chance zu nutzen. Die Generale hatten ihm die Rolle eines Retters der Demokratie vor dem Griff der Militärs nach der Macht zugespielt. Ein General kann nach dem Soldatengesetz jederzeit ohne Begründung in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Und Generäle gibt es genug, auch wenn sie kein Ritterkreuz haben wie Trettner und Pape. Ich möchte an dieser Stelle einmal an den Satz von Abraham Lincoln erinnern, den er auf einem Truppenbericht, wonach man so und soviel ➱Generäle und so und soviel Pferde verloren habe, notiert, dass es schade um die Pferde sei. I can make more generals but horses cost money. Das sind doch mal Prioritäten.

Trettner wird noch den Vorschlag machen, die Grenze zur DDR mit Atomminen zu sichern, und er weiß auch, daß der Krieg gegen die Sowjetunion - anders als die Umerziehungspropaganda behauptet - in erster Linie ein nur schweren Herzens begonnener, aufgezwungener Präventivkrieg war und daß unmenschliche Formen vom ersten Tage an von den aufgeheizten sowjetischen Soldaten durch die Ermordung deutscher Kriegsgefangener ... in die Auseinandersetzung hineingetragen wurden. Da war Hans Röttiger ganz anderer Meinung. Herr von Hassel wird sein klein bisschen Reputation verspielen, wenn er bei der Beerdigung des Generals der Waffen SS Hans Jüttner die Trauerrede hält.

Eine traurige Sache ist es hiermit. Diese Flagge hatte der ➱Bruder von Ernst Wirmer 1944 als Flagge des deutschen Widerstands entworfen, heute dient sie der ➱Pegida als Flagge. Von dem nettesten General, mit dem ich eine Viertelstunde gesprochen habe, weiß ich nicht einmal den Namen. Ich weiß nur, dass es ein Brigadegeneral war, der aus Bonn kam. Und dass er plötzlich mitten in der Nacht in meinem Zelt saß. Wir waren in einem Großmanöver mit den Engländern, und die Lage war katastrophal. Drei Tage Dauerangriff ohne anzuhalten, drei Tage kein Schlaf.

Die Engländer spielten nur zwei Tage mit, sagten damned German blitzkrieg und verpieselten sich dann in die Wälder. Das waren Berufssoldaten, die wussten, wann man aufhören muss. Die ersten Fünftonner landeten im Straßengraben, weil ihre Fahrer am Lenkrad einschliefen. Auf einer Straßenkreuzung sah ich meinen Freund W., der in der Dunkelheit wie ein besoffener Pariser Flic den Verkehr zu regeln versuchte. Was ist mit ihm? fragte ich seinen Fahrer. Er hat Captagon genommen, Herr Leutnant, sagte der. Hol ihn von der Kreuzung, sagte ich. Und nimm ihm das Captagon weg (W. ist übrigens ohne das Captagon noch Oberst im Generalstab geworden). Diese kleine Geschichte fügte ich auch in den Lagebericht ein, den der nette General von mir forderte. Ich bin nicht glücklich, wenn ich nicht eine kleine Geschichte einfügen kann. Der General stellte mir noch einige Fragen, war aber mit der Schilderung der Lage zufrieden. Als er das Zelt verließ, fragte ich ihn: Warum ich? Er drehte sich um und sagte: Ach, das ist einfach. Wenn ich einen Berufsoffizier frage, weiß ich, was er mir erzählen wird. Da frage ich doch lieber einen Reserveoffizier, der im Studium ist. Der hat einen klareren Kopf und keinen Respekt vor der militärischen Hierarchie. Und außerdem habe ich mit einem englischen Colonel geredet, der mir gesagt hat, dass Sie der einzige deutsche Offizier seien, mit dem er sich vernünftig unterhalten kann.

Und dann sagte er noch: Schlafen Sie gut. Morgen ist alles anders. Am nächsten Morgen war alles anders, es gab eine Auszeit von 24 Stunden. Niemand bewegte sich in Richtung des Fulda Gap. Nur die Engländer wurden gebeten, die Positionen einzunehmen, die sie vor einem Tag besetzt haben sollten.

1 Kommentar:

  1. Die letzte eingefügte Geschichte ist eine sehr interessante Geschichte, die zum Schmunzeln führt.
    Vor allem passt der Post sehr gut in die aktuelle BW-Diskussion und verblüfft dadurch, dass diese nicht erwähnt wird.
    Viele Grüße aus MeckPom

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