Mittwoch, 26. Juli 2017

Besucher


So haben wir die englischen Royals gerne, wenn sie Deutschland besuchen. Sie sind ja eigentlich sowieso Deutsche und haben hier viele Verwandte, von dem ➱Pinkelprinzen wollen wir nicht reden. Und natürlich gibt es in der königlichen Familie immer wieder Leute, für die man sich ein bisschen schämt. Also zum Beispiel Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Enkel von Victoria. Der verlor all seine englischen Titel, bekam aber von Adolf Hitler schöne neue. Und da ich den erwähne, könnte ich vielleicht noch ein königliches ➱Ehepaar erwähnen, das Deutschland besucht, aber das lassen wir lieber.

Wenn Sie noch einen Termin beim Arzt oder beim Friseur haben, dann können Sie alles über den Besuch von Kate und William in der Bunten lesen, deshalb lasse ich das heute mal weg. Und nein, ich weiß auch nicht, wer die Frau da rechts ist, die so alberne Gesten macht. Manche Leute machen ja alles, um mit den Royals aufs Bild zu kommen.

Ich muss mal eben zu einem anderen Besucher Deutschlands kommen, er heißt Wilhelm August und ist ein Sohn des englischen Königs Georg II. Sein Vater war der letzte englische Herrscher, der nicht in England geboren wurde. Er war auch der letzte englische Herrscher, der eine Armee auf dem Schlachtfeld führte. Sein Sohn ist in ➱Dettingen auch dabei, wird am Bein verwundet und ist ein Held. Über den heldenhaften Kampf des Vaters reden wir lieber nicht. Sein Pferd geht durch und rast nach hinten, George II sieht nichts von der Schlacht. Aber Wilhelm August darf im nächsten Jahr ein englisches Heer anführen. Nicht nur das, eine ganze Armee von Verbündeten. Unglücklicherweise ist Moritz von Sachsen auf der anderen Seite ➱Maurice de Saxe, ein gebildeter Mann und ein fähiger Heerführer. Das sind Dinge, die niemand über Wilhelm August sagen würde, der ist voll proll und als Feldherr völlig unfähig. Wilhelm August verliert die Schlacht von Fontenoy.

Und doch schreibt ein Deutscher, der in London arbeitet (es gibt noch keinen Brexit), eine Hymne auf ihn, die ➱See, the Conqu‘ring hero comes heißt:

See the conqu’ring hero comes,
Sound the trumpets, beat the drums,
Sports prepare, the laurel bring,
Songs of triumph to him sing.

Wir singen das zu Weihnachten als Tochter Zion, freue Dich und denken dabei nicht an Wilhelm August, den Sieger der Schlacht von Culloden. Der einzigen Schlacht, die er gewann. Gegen die weit unterlegenen Schotten, die er nach der Schlacht gnadenlos verfolgte und abschlachten ließ, heute würde man ihn einen Kriegsverbrecher nennen (lesen Sie mehr dazu in den Posts ➱Bonnie Prince Charlie und ➱Culloden). Wilhelm Augusts Rolle bei Culloden trägt ihm den Namen Butcher Cumberland ein, und mehr als ein Schlächter ist er auch nicht. Das BBC History Magazine hat ihn als the 18th century's worst Briton bezeichnet. Ein Jahr nach Culloden ernennt ihn sein Vater zum Generalkapitän aller britischen Truppen und das Parlament spendiert ihm eine jährliche Zulage von 25.000 Pfund Sterling, das wären heute einige Millionen Pfund. So ausgerüstet zieht er nach Holland und verliert wieder einmal gegen Maurice eine Schlacht.

Und danach besucht der dicke Cumberland Deutschland. Nicht die Universität Göttingen, die sein Vater 1737 gegründet hatte. Nein, er kommt als Feldherr, er soll das Kurfürstentum ➱Hannover vor den Franzosen schützen. Wie wir ihn kennen, wird daraus nichts. Schmählich muss er sich nach der Schlacht von ➱Hastenbeck den Franzosen ergeben. Die nach der Konvention von Zeven im Kurfürstentum Hannover herrschen. Es ist eine Tragödie für die hannöverschen und braunschweigischen Regimenter (hier der Herzog Ferdinand von Braunschweig), die in der Schlacht heldenhaft kämpfen, dass sie mitansehen müssen, dass Kummerland, wie sie ihn nennen, ihre Heimat preisgibt.

Wenn Cumberland nach London zurückkehrt, wird sein Vater ausrufen: Here is my son who has ruined me and disgraced himself. Jahrezehnte zuvor war er stolz auf seinen martial boy, jetzt will er nichts mehr von ihm wissen. Der König war übrigens gerade beim Kartenspiel, als er das berühmte Here is my son who has ruined me and disgraced himself sagt. Er spielt weiter und würdigt den Generalkapitän aller britischen Truppen keines weiteren Worts. Cumberland verliert alle militärischen Ämter, zieht sich ins Privatleben zurück, wird immer fetter (er wiegt mehr als 130 Kilo) und züchtet Rennpferde. Die Schotten hassen ihn bis heute.

Cumberland hätte in Hastenbeck nicht aufzugeben brauchen, die beiden hannöverschen Obersten von Breitenbach und von Dachenhausen (hier von ➱John Singleton Copley gemalt), denen niemand gesagt hat, dass die Schlacht zu Ende ist, haben Teile des Schlachtfelds unter Kontrolle. Sie beginnen, die Franzosen mit ihren eigenen Kanonen zu beschießen und ihre Nachhut anzugreifen. Das erinnert ein wenig an den kleinen Hauptmann Tuschin in Tolstois ➱Krieg und Frieden, der auch ohne Befehl genau das Richtige macht.

Hauptmann Tuschin ist eine Erfindung von Tolstoi, der reale Oberst Maximilian von Breitenbach schafft es in einen Roman. Gleich am Anfang von Wilhelm Raabes ➱Hastenbeck taucht er auf: Als der hannoversche Oberst von Breitenbach ebenfalls seine gewonnenen Fahnen in später Nacht dem Helden von Culloden überreichte, soll dieser doch geweint haben. Die Tränen können wir ihm schenken. Der Marschall d'Estrées hatte recht behalten: über Nienburg und Verden ist der jämmerliche Rückzug weitergegangen und das flüchtige Heer erst bei Stade zum Stillstehen gekommen. Das welfische Allod – die Lande Braunschweig und Lüneburg – und das Hannoversche lagen der Frau Marquise von Pompadour und dem König Louis dem Fünfzehnten zu freiester Verfügung –

Im Jahre 1913 hat der Honourable Sir Evan Edward Charteris, der mit ➱John Singer Sargent und Edmund Gosse befreundet war, ein Buch über Cumberland geschrieben, wo er im Vorwort sagt:
In 1770 a statue of the Duke of Cumberland was placed in Cavendish Square by Lieutenant-General Wlliam Strode. On the pedestal were inscribed the following words: "In gratitude for his private kindness; in honour to his public virtue." Many years later the statue was removed and melted down to its original condition of shapeless metal. This act of destruction excited no protest. The incident is only too significant of the position occupied by Cumberland in public esteem: "Private kindness and public virtue" have seldom been the qualities by which the Duke has been known. On the contrary, his memory has been associated with a dull obloquy and odium. To the great majority of those among whom his name is familiar, he is merely known as that "Butcher of Culloden" who extinguished the last hope of a romantic cause by a series of acts of savage brutality. That is a reputation from which, hitherto, no very serious effort has been made to reclaim him.

Und einen serious effort to reclaim him wollen wir heute am Jahrestag der Schlacht von Hastenbeck auch nicht machen. Wir lassen ihn mal the 18th century's worst Briton sein. Ich nehme an, dass das Parlament den Bonus von 25.000 Pfund nicht weiterbezahlt hat. An Kriegen kann man ja immer schön verdienen. Diesen Pavillion hat sich der Herzog von Richelieu bauen lassen, das Geld kam aus dem Feldzug gegen Cumberland. Weil es deutsches Geld war, das das Bauwerk bezahlt hatte, gab ihm der Pariser Volkswitz den Namen Pavilion de Hanovre. So ist immer noch ein bisschen Hannover in Paris.

Hätte es heute vor 260 Jahren in Hastenbeck so geregnet, wie es im Landkreis Hameln in den letzten Tagen geregnet hat, dann hätte die Schlacht von Hastenbeck wohl nicht stattgefunden. Dann hätte Dr Wilhelm Havemanns Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg, bei der sich Wilhelm Raabe reichlich bedient hat, anders ausgesehen. Und der Marschall Richelieu hätte keinen Pavilion de Hanovre.


Lesen Sie auch: HannoverHastenbeck, Hoya

Keine Kommentare:

Kommentar posten