Mittwoch, 3. Juni 2020

flüsternde Geigen


Der Schriftseller Arno Schmidt ist am 3. Juni 1979 im Alter von fünfundsechzig Jahren gestorben. Die letzten zwei Jahre seines Lebens konnte er sorgenfrei leben, da hatte ihm Jan Philipp Reemtsma 350.000 DM in die Heide gebracht, das ist die Summe, die ein Nobelpreisträger für Literatur erhält. Ich habe die letzten Tage, wie ich es in Mozart? ankündigte, viel Mozart gehört. So einmal durch das volle Programm der Klaviersonaten. Und als ich las, dass heute der Todestag von Arno Schmidt ist, fragte ich mich, ob der Solipsist in der Heide Mozart geliebt hat. Oder jemals in der Oper war. Hatte er überhaupt einen Plattenspieler? Arno Schmidt und die klassische Musik, das wäre doch mal ein interessantes Thema. Gibt das etwas her?

Mit achtzehn Jahren, als er seine ersten Gedichte schrieb, wollte Arno Schmidt mit seinem Schulkameraden Heinz Jerofsky eine Oper nach E. Th. A. Hoffmanns Die Bergwerke zu Falun schreiben, daraus ist aber nichts geworden. Am Ende von Brand's Haide heißt es: ich trug sie hin und her in beiden Händen; trat vor die Türe und trocknete mich im fahrenden Wind: Also: Weine nicht, Liu! Und dieses Weine nicht, Liu! können wir in Puccinis Turandot wiederfinden. Ein wenig Musik scheint in dem Werk von Schmidt doch zu sein. Aber es ist noch viel, viel mehr. Ein Forscher namens Roland Burmeister hat auf 795 Seiten Die Musikstellen bei Arno Schmidt zusammengetragen. Die meisten Fundstellen beziehen sich da auf Zettel's Traum, in dem sogar Gilbert Becauds Nathalie und die Filmmusik zu Ein Mann und eine Frau erwähnt werden. Das Buch von Burmeister scheint kein Bestseller zu sein, man kann es antiquarisch preiswert bekommen. Kommt man dem Schriftsteller Arno Schmidt näher, wenn man alle Schlager kennt, die er in Zettels Traum hineinschreibt? Aber Mozart wird über 120 mal erwähnt (Wagner ebenso oft), ist mir beim Lesen von Arno Schmidt nie aufgefallen.

Arno Schmidt hat gesagt, dass er von Musik wenig verstehe: wobei ich gern & von vornherein zugebe, daß ich von Musik & Religion wenig verstehe: weil mich das opernhafte Element in beiden abstößt. Über ein Cello Konzert von Penderecki schreibt er: NEE ! ! !; also sowas hör ich mir für Geld nich mehr an: wie von ei'm verrückt gewordnen Techniker, für verrückt gewordne Techniker geschriebm. Ich bin wahrlich großgeherzt id Künstn; aber die Schranke könnt' ich nicht mehr überspringn. Das hat aber moderne Komponisten nicht davon abgehalten, Musik für Arno Schmidt zu schreiben. Maurizio Kagels Konzert Für Arno Schmidt kann ich nicht unbedingt empfehlen, aber die CD Halt's Maul und mach was: Ein Konzert für Arno Schmidt, die finde ich sehr witzig.

Ich habe heute am Todestag von Arno Schmidt ein kleines Gedicht von ihm, in dem auch Musik vorkommt:

Trunkner im Dunkel

Da eine Geige flüstert um Mitternacht,
hat mich mein Rausch in mondhelle Gassen gebracht;
leicht tönt mein Schritt in der Nacht.

Lampiges Fenster weht auf, Stimmen und Wolkenzug;
Brunnengeliebte am Markt spendet aus steinernem Krug.
Herbstliches Wasser trank ich in stummem Zug.

Wind im Gehölz, Wanderwind striegelt mein Haar;
Kammer in der Du schläfst, füllt er dir wunderbar,
Mond auf den Kissen küßt dich schon manches Jahr.

Da alle Wolken reisen um Mitternacht,
habe auch ich den Weg zu deinem Fenster gemacht:
flüstert mein Lied in der Nacht …..


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