Mittwoch, 18. Januar 2012

Arno Schmidt


In zwei Jahren hat er hundertsten Geburtstag. Deo volente, nobis viventibus schreibe ich dann über ihn, versprochen [das ist ein Versprechen, das ich wahr gemacht habe. Lesen Sie doch hier ➱Arno (Otto) Schmidt]. Bis dahin können Sie ja seine Werke lesen. Mit ➱Zettel's Traum sollte man nicht unbedingt anfangen. Ich erinnere mich noch daran, als das Buch auf den Markt kam. Die Universitätsbibliothek hatte ein kleines Podest aufgebaut, darauf das Trumm von einem Buch. Jeden Tag wurde eine neue Seite aufgeschlagen. Konnte man jahrelang lesen, 1334 DIN A3 Seiten. Irgendwann gab es einen Raubdruck, da sollte man auf ein unbekanntes Konto viel Geld schicken, wusste aber nicht, ob man das Buch auch wirklich bekam. Habe es dann doch gelassen, aber als die erste preiswerte Ausgabe erschien, habe ich die gekauft. War auch noch 10x18x45 cm groß. Falls Sie noch nie da hinein geschaut haben, habe ich mal ein Pröbchen:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, 

Ist nicht jedermanns Sache, aber Arno Schmidt Fans sind hart im Nehmen. "Zettels Traum" mußte - allein schon ob der Etym-Basis - ein zu zwei Dritteln humoristisches Buch werden, das aber auch alles mögliche Andere natürlich zeigt: das Flickwerk unserer Eingeweide, und den Schmelz der Interpunktion, hat der Autor über das Werk gesagt, das ihn zehn Jahre seines Lebens gekostet hat. Der Schmelz der Interpunktion bereitet vielen Lesern Kopfzerbrechen. Dieter E. Zimmer sagte beim Erscheinen des Buches in der ZeitEs könnte schon sein, dass in 'Zettel’s Traum' das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholz-Eiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht auch beides.

Ich weiß jetzt nicht, ob seine Ehefrau Alice in den zehn Jahren noch Tagebuch geführt hat - die ➱Tagebücher von 1954 bis 1956 sind inzwischen erschienen - aber es muss eine Zeit des Leidens gewesen sein. Arno knickt mir wieder meine Flügel, ist nur einer der Sätze, die das ahnen lassen.

Ich lese gerade mit großer Faszination einen Band der Tagebücher. Kommen viele Katzen drin vor, ist nix für Katzenhasser und Asthmatiker. Alltägliches und Weltbewegendes gehen nahtlos ineinander über, Manchmal gibt es Augenblicke des Glücks, wie im Jahre 1955: Und dann schickt Werner Steinberg ein Exemplar der »Documents«. Eine französische Monatsschrift ! »Revue mensuelle des questions allemandes 9ième année Décembre 1954 No. 12. ziemlich dickes Ding. (150 frcs) als 2. Artikel: Deutschland, Deutschland über alles« par Werner Steinberg. Mittendrin, blau angestrichen, folgendes: N’y a-t-il donc, dans la République fédérale, aucune résistance à semblables faits? // Je considère Arno Schmidt comme le plus grand écrivain vivant d’Allemagne occidentale. Le 15 septembre 1954, j’ai publié dans la revue Die Kultur un article sur Arno Schmidt et son œuvre. Ma conclusion était la suivante: (und jetzt folgt der letzte Teil aus der Kulturzeitung. Dann weiter): Voilà ce que j’écrivais à propos d’Arno Schmidt, qui, en 1950, obtint le Grand Prix de l’Académie pour la science et la littérature. // Quinze jours plus tard il me répondit. Il me disait entre autres: »Depuis un an j’ai dans mes tiroirs Seelandschaft mit Pocahontas, et je ne sais si quelqu’un voudra l’éditer, ni quand.« Wir freuen uns natürlich über diesen »größten lebenden Schriftsteller Westdeutschlands sehr! Der Mann ver- steht was ! ! Lese es A. im Laufe des Tages oft neckend vor. – Ich bin übrigens heute ganzen Tag im Bettel, nicht unbedingt aus Krankheit, tut mir nur sehr wenig weh, mehr zur Vorsicht, essen ist ja auch nur zu wär- men, draußen ists kalt und so kann ich im Bettel auch arbeiten. Sehe, d. h. kürze 2 weitere 3-Seitige Zeitungsartikel auf 2 (Prinzessin v. Ahlden und kuriöses Meublement.) etwas frz. – N – 15 30 F + 1/2; 1640 F –2; – 23 A –21/2; pläppen; V uv.

Einen Satz wie Je considère Arno Schmidt comme le plus grand écrivain vivant d’Allemagne occidentale hört man im Hause Schmidt ja nicht so häufig. Die beiden kämpfen noch ums finanzielle Überleben. Der junge Herr Reemtsma ist noch nicht am Gartentor erschienen und hat dem Arno noch nicht die gleiche Geldsumme angeboten, die der Nobelpreis abwirft. Heute gibt es die ➱Arno Schmidt Stiftung, heute man man das Haus des Solipsisten in der Heide besuchen und den Wohnwagen (oben im Bild) angucken, über den ich schon ➱einmal geschrieben haben.

Ich habe im jugendlichen Übermut (damals hatte ich auch den ➱Bargfelder Boten abonniert) einmal das Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm von Arno Schmidt rezensiert, dem Autor einen netten Brief geschrieben und einen Sonderdruck beigelegt. Er hat den Brief aber nie beantwortet, aber in der Arno Schmidt Bibliographie ist meine Rezension immerhin verzeichnet. Der Triton mit dem Sonnenschirm heißt im Untertitel Großbritannische Gemütsergetzungen, es ist eine Sammlung von literaturhistorischen Skizzen zu englischen Autoren. Es ist ein wunderbar lesbares Buch, wie man überhaupt alle literaturhistorischen Essays und Hörspiele von Arno Schmidt ohne Einschränkung empfehlen kann.

Man kann sich ihm als unbefangener Leser schon ohne Angst nähern, auf jeden Fall dem Frühwerk. Und wenn Sie von mir einen kostenlosen Ratschlag haben wollen, womit man die Lektüre beginnen soll (also jetzt mal von den Essays abgesehen, die gehen immer), dann würde ich sagen: Lesen Sie ➱Seelandschaft mit Pocahontas. Dazu könnten Sie natürlich auch dies ➱Gutachten lesen, das Hermann Kasack in seiner Eigenschaft als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1956 geschrieben hat.

Arno Schmidt hat viel geschrieben. Aber noch mehr haben die Kritiker über ihn geschrieben. Was einmal unter dem ironischen Namen ➱Dechiffrier Syndikat begann, ist längst zu einem wirklichen Syndikat geworden. Einer Publikationsmaschine, gut geölt durch das Geld von Reemtsma. Auch die Universität entdeckte ihn irgendwann. Als Reimer Bull bei Karl Otto Conrady über Arno Schmidt promovierte, muss er einer der ersten gewesen sein. Hat sogar einen Brief von Schmidt gekriegt, wie er mir letztens erzählte. Und zusätzlich zu der Vielzahl der Kritiker gibt es dann noch die Rezensenten, die die Bücher der Arno Schmidt Kritiker rezensieren. Wie ich zum Beispiel. Einige habe ich furchtbar abgewatscht (ich nenne heute mal keine Namen), das hätte dem Arno - egal ob er nun im Himmel oder in der Hölle ist - sicherlich gefallen. Vieles von dem Zeuch ist ja schlichtweg unlesbar. Das beste Kurzporträt, das es von Arno Schmidt gibt, findet sich in Ulrich Holbeins Buch ➱Narratorium auf den Seiten 861-865. Eigentlich sollte der Autor das mal auf seine ➱Seite im Internet stellen. Falls Sie noch nie etwas von Ulrich Holbein gehört haben: er ist die Wiedergeburt von Arno Schmidt. Und dabei immens lesbar. Und komisch. Lesen Sie mal als Leseprobenhäppchen das Portrait von Jean Paul aus Narratorium auf seiner ➱Homepage.

Wir haben es ja in Deutschland mit der Größe. Friedrich II muss Friedrich der Große sein, Goethe muss ein Gigant sein. Da oben in den Olymp, da will das Dechiffrier Syndikat den Arno auch hinhaben. Martin Henkel war in seinem Buch Martin Henkel: BLUFF, auch mare ignoratiae oder Des king ! s neue Kleider: Eine Studie zu Wesen, Werk und Wirkung Arno Schmidts vor zwanzig Jahre entschieden dagegen. Irgendwie vermisse ich bei dieser Diskussion den Namen Alice Schmidt. Remember the Ladies; don't forget us while you are away, or that we are now doing many of the things that men traditionally once did, hat die kleine Abigail Adams (die nur körperlich klein war, aber sonst sehr groß ist) ihrem John Adams geschrieben. Und so sollten wir Alice nie vergessen. Ohne sie wäre Arno Schmidt nix geworden.

Und dieser grüne Schmidt da oben ist von der Seite des Karikaturisten ➱Ralf Zeigermann. Und wenn Sie auf diese ➱Seite gehen, können Sie sich einen kleinen Arno Schmidt basteln und ihn verschiedenartig bekleiden.

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