Donnerstag, 5. Januar 2012

Alfred Brendel


Herzliche Glückwünsche nach London: Alfred Brendel wird heute achtzig. Ob er sich heute mal ans Klavier setzt und den Flohwalzer spielt? Er tritt seit zwei Jahren nicht mehr auf, er bereut die Entscheidung auch nicht. Er hat sich nicht völlig zurückgezogen, er scheut die ➱Öffentlichkeit nicht. Er soll aber noch Schüler unterrichten, wie zum Beispiel seinen Lieblingsschüler Kit Armstrong. Er ist auch bei einer Vielzahl von Abschiedskonzerten gefeiert worden, sein Plattenlabel (neuerdings Decca und nicht mehr Philips) hat auch eine Birthday Tribute CD herausgebracht. Manche Pianisten hören ja nie auf. Bei Elly Ney hatte man immer das Gefühl, sie hätte Beethoven noch persönlich gekannt. Hat mit 82 Jahren noch eine riesige Tournee gegeben. Wilhelm Backhaus hat bis zu seinem Tod gespielt. Seine letzten Aufnahmen von 1969 sind immer noch großartig. Horowitz gab sein letztes Konzert mit 86, Rubinstein mit 89. Mieczysław Horszowski hat noch mit hundert gespielt. Aber es ist sicherlich eine gute Entscheidung, aufzuhören wenn man alles erreicht hat. Und was er erreicht hat, kann sich sehen lassen, wenn man mal einen Blick auf die ➱Diskographie wirft.

Alfred Brendel liest viel, sein Haus in Hampstead scheint, wenn man den Berichten der Journalisten glauben darf, die ihn in den letzten Monaten interviewt haben, eine einzige Bibliothek zu sein. Überall liegen Bücher herum, chaotisch. Was dem Hausherrn die Gelegenheit gibt, Novalis zu zitieren: Das Chaos muss durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern. Den Satz muss ich mir mal merken, bei mir ist schon mehr Chaos als Flor der Ordnung. Brendel schreibt jetzt viel. Schreibt immer mit der Hand. Er hat immer schon viel geschrieben. Jetzt schreibt er vermehrt Gedichte, die ich allerdings nicht verstehe. Wenn Sie welche lesen wollen, klicken Sie ➱hier. Die Gedichte, die ich in der englischen Übersetzung las, gefallen mir besser als die deutschen Versionen. Hier eins aus One Finger Too Many (Faber & Faber):

No one
ever dared open the windows
Fresh air
might harm the poetry
the music’s aroma
to be savoured undiluted
by ears flared like nostrils
craving nuances previously unfathomed
But not mocked as viciously as the coughers and sneezers – to be found at all perfomances:
Attempts by unfeeling artists or impresarios
to question such privileges
have led to a Coughers and Clappers initiative
Members are required to applaud
immediately after sublime codas
and cough distinctly
during expressive silences


Wenn er nicht mehr im Frack am Klavier sitzt, braucht er nicht mehr so auf seine Finger achtzugeben. Finger sind ja das Kapital von Pianisten. Manche versichern sie. Sport ist da nicht drin. Mit einem Ferrari über italienische Landstraßen brettern wie Arturo Benedetti Michelangeli, das geht schon. Wenn man Schriftsteller ist, kann man Fußballtorwart sein wie Albert Camus, als Pianist nicht. Ich kann das bestätigen, obgleich meine pianistischen Fähigkeiten gering sind: ich habe mir in den Jahren, in denen ich im Tor einer Fußball- oder Hallenhandballmannschaft stand, vier Finger gebrochen. Ich bin immer wieder überrascht, wie beweglich die Finger doch noch sind. Die Beweglichkeit von Fingern ist eine ➱Wissenschaft geworden. Es gibt auch schon Ärzte, die sich auf die Behandlung der typischen Leiden von Musikern spezialisiert haben. Die manchmal ratlos sind, wenn einem Pianisten plötzlich die Finger nicht mehr gehorchen. Leon Fleisher, Glenn Gould, Murray Perahia und Gary Graffman (um nur einige zu nennen) haben das erlebt. Eine Kollegin von mir hat Brendel einmal in Heathrow in der Halle des Flugplatzes gesehen, er hatte alle Finger einzeln mit Leukoplast verpflastert. Das nenne ich Vorsicht. Konzertbesucher haben ihn auch schon mit diesen Bandagen gesehen - es ist wegen der Fingernägel, sagt Brendel, sie neigen dazu abzubrechen. Wenn Sie sehen wollen, was er mit seinen Fingern macht (ohne Leukoplast), dann schauen Sie doch hier einmal hinein.

Pianisten brauchen ihre Fingerkuppen, ihre taktilen Sinne scheinen höher entwickelt als bei normalen Menschen. Es gibt die schöne Geschichte, dass Rubinstein sich weigert auf einem Flügel zu spielen, weil ihm die Tasten zu glatt waren. Dabei hatte der junge Klavierstimmer der Firma Steinway mit dem schönen Namen Franz Mohr sie doch gerade so hingebungsvoll geputzt! Mohr versprach Abhilfe, und als Rubinstein eine Stunde später wiederkam, war die pianistische Welt wieder in Ordnung. Das Geheimnis war eine Dose Haarspray, und dann einmal pffffft über die Tasten, das machte den Unterschied.

Während es über die divahaften Launen von Pianisten ganze Bücher voller Anekdoten gibt, wird man so etwas bei Brendel vergeblich suchen. Er lässt sich nicht vermarkten wie Lang Lang, der ja schon auf der Schwundstufe von David Garrett angekommen ist. Noch eine Stufe weiter und Lang Lang spielt mit André Rieu zusammen. Das ist alles nichts für Brendel. Obgleich er schon ein klein wenig exzentrisch ist. Aber das lieben die Engländer ja, wahrscheinlich ist er deshalb schon vor Jahrzehnten nach London gezogen. Er ist in der Öffentlichkeit eher schüchtern und zurückhaltend (auch sehr englisch), privat ist er voll von kauzigem Humor. Dass er auf viele Kritiker bei Konzerten wie ein Clown wirkte, dafür kann er nichts. Aber er hätte in den siebziger Jahren diese langen ➱Koteletten besser nicht getragen. Und ein besserer Haarschnitt und eine andere Brille hätten auch viel ausgemacht. Zu der Kassenbrille der fünfziger Jahre (etwas, was eine jüngere Generation heute Pornobrille nennt) steht er aber, und inzwischen steht sie ihm auch.

Er hat alles an Ehrungen bekommen, was man bekommen kann: ist Ehrendoktor der Universitäten von London, Oxford, Yale. Die Queen hat ihn zum Knight of the Order of the British Empire (ehrenhalber) ernannt. Aber einen wirklichen Ritterschlag stellte für ihn im Jahre 2010 der Lifetime Achievement Award der Zeitschrift ➱Gramophone dar. Diese Zeitschrift, deren Gründung wir dem schottischen Romanautor Compton Mackenzie verdanken, hat ja einen wirklich beinahe unfehlbaren Geschmack. Auch wenn der Stil ihrer Besprechungungen vielleicht nicht jedermanns Sache ist: Unusual recordings of the Beethoven Fifth are, of course, no novelty to the British collector. One calls to mind that elegiac statement Sir Joshua committed to the gramophone in his last years as well as that splendidly spirited rendition transcribed under actual concert conditions by the Newcastle-on-Tyne Light Orchestra upon the occasion of the inadvertent air-alarm of 27 August 1939 [...] The entire undertaking smacks of that incorrigible American pre-occupation with exuberant gesture and is quite lacking in those qualities of autumnal repose which a carefully judged interpretation of this work should offer...Dies könnte aus Gramophone stammen, ist aber eine Gramophone Parodie von Glenn Gould - der mindestens so viel Humor hat wie Alfred Brendel.

Leser, dieses Blogs werden wissen, dass ➱Glenn Gould hier schon häufig vorgekommen ist, ➱Friedrich Gulda auch (sogar zweimal). ➱Van Cliburn und ➱Arturo Benedetti Michelangeli sowieso. Ja, selbst für Victor Borge war hier schon Raum. Nix über Alfred Brendel, irgendwie gehe ich ihm aus dem Weg, ich habe auch nur ein halbes Dutzend CDs von ihm. Wenn ich trotzdem einen Brendel Tipp geben sollte, fallen mir sofort seine Diabelli Variationen ein und die Klavierkonzerte KV 466 und 491, die er zusammen mit Charles Mackerras aufgenommen hat. Und da ich bei Mozart Klavierkonzerten bin, die beiden Doppel CDs, die Philips 1994 unter dem Titel Die großen Klavierkonzerte herausbrachte, sind ihr Geld unbedingt wert. Philips hatte damals nur im (ganz) Kleingedruckten erwähnt, dass Sir Neville Marriner und Brendel die Konzerte Jahrzehnte früher eingespielt  hatten. Diese middle period Aufnahmen von Brendel gelten bei Musikkritikern nicht so viel. Wenn man dann noch alle drei Brendel CD-Sets besitzt, die 1998 in der Reihe ➱Great Pianists of the 20th Century von Philips erschienen sind, ist man natürlich fein heraus. Wenn Sie nun nicht auf meine Empfehlungen hören wollen, was ich in diesem Fall verstehen kann, dann folgen Sie doch einfach dem, was auf Brendels Homepage unter ➱Favourite Recordings steht. Und zum Schluss habe ich heute noch einige wunderbare Zeilen des Dichters Alfred Brendel - wieder auf Englisch:

Once upon a time
I was no wunderkind
Due to my obstinacy
Though
I became one later


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