Mittwoch, 25. Januar 2012

Hochzeitsmarsch


Heute vor 154 Jahren hat der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen im St James's Palace von London die Tochter von Königin Victoria geheiratet. Er war ein Mann von Bildung und liberalen Ansichten. Deutschland hat nicht so viel davon gehabt, weil er nur 99 Tage Kaiser war. Das Jahr 1888 wurde zum Dreikaiserjahr. Seinen Nachfolger hält er hier auf dem in Balmoral gemachten Photo an der Hand. Falls Sie schon immer einmal wissen wollten, wie das Wohnzimmer in Balmoral aussieht, dann klicken Sie hier. Der Teppich im Tartanmuster ist ein Design von Prince Albert.

Den kleinen Schottenjungen da oben kennen wir alle, das ist unser Willem II in schottischer Verkleidung. Verkleidungen hatte er in seinem Leben viele. Ein theatralischer Transvestit, halbverkrüppelt, mit der geschichtlichen Mission, die Welt unter vergoldetem Marschallstab den herrlichen Tagen Herrn Hitlers entgegen zu führen. Dieser schöne Satz stammt von Erwin Blumenfeld, ich habe ihn gerade parat, da ich seine Autobiographie Durch tausendjährige Zeit noch einmal lese. Denn morgen gibt es hier Erwin Blumenfeld. Das Bild von Anton von Werner könnten wir sofort wieder vergessen, ich habe es nur hier, um Ihr Augenmerk auf die kleine Exzellenz am Fenster zu lenken. Da steht er, der kleine Adolph Menzel, der ein größerer Maler als Anton von Werner ist.

Wenn der deutsche Prinz die englische Prinzessin heiratet, muss natürlich auch Musik gespielt werden. Welche Musik? Sie ahnen es schon, natürlich Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus der Bühnenmusik von Ein Sommernachtstraum. Aber hier ist es eine Premiere. Millionen von Brautleuten werden es von da an dem königlichen Paar nachmachen. Warum hat die Königin Victoria für ihre Tochter und ihren Schwiegersohn nun diese Musik ausgesucht? Man mag Mendelssohn bei Hofe. Im Juni 1842 war er zum ersten Mal Gast im Buckingham Palace. Zuvor war er in der englischen High Society herumgereicht worden. Victoria lässt für den Anlass die Volieren mit ihren Lieblingsvögeln aus dem Zimmer tragen, sie könnten durch ihr Gezwitscher den Maestro stören. Der spielt die Lieder ohne Worte. Dann gibt es noch Webers Lützows wilde Jagd und Gaudeamus Igitur.

Und hat zum Schluss noch eine Zugabe, eine freie Improvisation, bei der er die österreichische Nationalhymne mit der rechten, und die Rule Britannia mit der linken Hand spielt. Really I have never heard anything so beautiful...We were all filled with the greatest admiration. Poor Mendelssohn was quite exhausted when he had done playing, notiert Victoria in ihrem Tagebuch. Es wird nicht der einzige Besuch im Buckingham Palace (the only really nice, comfortable house in England... where one feels completely at home) sein. Felix Mendelssohn wird wiederkommen, um die kleine Orgel von Albert zu bewundern. Gemeinsam machen die drei dann Hausmusik, Victoria singt. Mendelssohn wird Victoria dann noch seine gerade vollendete Schottische Symphonie widmen.

Auf dem überlebensgroßen Bild von Franz Xaver Winterhalter (von dem Victoria begeistert war: a chef d’oeuvre” ... such beautiful, brilliant, fresh colouring - & we were enchanted)  ist Vicky, die den deutschen Kronprinzen heiraten wird, auf der rechten Seite des Bildes. Da spielt sie noch mit ihrer kleinen Schwester. Dreizehn Jahre später hat sie ihren eigenen kleinen Willy. Aber vorher gab es ja noch Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Sie hätten ja auch Elsas Brautlied aus Wagners Lohengrin nehmen können. Scheint das beliebteste Stück zu sein, das Teenager bei YouTube klimpern.

Den Richard Wagner, der Mendelssohn hasst wie die Pest, mag man im Königshaus nicht so besonders. Gewiss, er wird einmal in Windsor empfangen, und Victoria und Albert hören sich die Tannhäuser Ouvertüre an, aber das ist es dann aber auch. Es hat Wagner geschmerzt, dass ihn die Königin gefragt hat, wann denn seine Opern ins Italienische übersetzt würden, damit auch sie sie verstehen könne. Ich weiß jetzt nicht, wie man Wagalaweia ins Italienische übersetzt, aber der Gedanke ist köstlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Victoria die deutsche Sprache perfekt beherrscht. Es hat Wagner natürlich noch mehr geschmerzt, dass er Jahre später wegen seiner antijüdischen Hasstiraden von Friedrich Wilhelm und Victoria öffentlich gerügt wird. Da werden die beiden sicher froh gewesen sein, dass sie Mendelssohns Hochzeitsmarsch zur Hochzeit hatten und keine Musik von diesem komischen Sachsen, der nur drei Sätze Englisch konnte.

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