Sonntag, 13. August 2017

mehr Jazz?


Mein dritter Post als frischgebackener Blogger im Jahre 2010 hatte den Titel ▹Jazz. Der kanadische Professor Jack Chambers, den ich da vorstellte, ist im Nebenberuf  ein berühmter Jazzkritiker. Er taucht zwei Jahre später in dem Post ▹Richard Twardzik wieder auf, dazwischen gab es aber doch schon den einen oder anderen Post zum Thema Jazz. Es könnten mehr sein, sagte mir letztens ein Bekannter, den ich auf der Straße traf. Da ist etwas dran, aber leider haben die Jazz Posts das traurige Schicksal, dass niemand sie so recht liest. Nehmen wir mal ▹Lush Life: von der Statistik gesehen ein Flop, dabei ist das ein netter Post. Nur der Post ▹Ingeburg Thomsen ist so etwas wie ein Bestseller.

Viele Leser haben den Eindruck, ich würde nur über Schuhe schreiben. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Ich muss dem widersprechen, ich habe mal nachgezählt: die Posts über ▹Schuhe machen etwas mehr als ein Prozent in diesem Blog aus. Und es gibt mehr Posts zum Thema Jazz als zum Thema Schuhe. Hinter den Satz sollte ich eine ▹Brüllstange setzen. Und diese Schuhe sind keine gewöhnlichen Schuhe, das sind die Schuhe von ▹Billie Holiday.

Um Jazz zu hören, braucht man ein Abspielgerät. Wenn man nicht in Bremen im Jazzclub ▹Lila Eule hockt oder sich nicht immer auf Jazzkonzerten herumtreibt (es war ein Fehler, bei Albert Mangelsdorff in der ersten Reihe zu sitzen). Wenn man mutig war, schlich man sich nach dem Konzert hinter die Bühne, um dem Solisten die Hochachtung auszudrücken. Mein Freund Hannes Hansen hat so ▹Louis Armstrong kennengelernt. Und auf diese LP hat ▹Champion Jack Dupree mir mit ganz dickem Filzer Yours Champion Jack Dupree 1975 geschrieben. Im Jahre 1975 war es keine Schwierigkeit, Jazzplatten zu bekommen. Zwanzig Jahre zuvor schon. Da war man glücklich, wenn ein Freund in Amerika war und einem nicht nur ▹Harry Belafonte, sondern auch Jazz Begins vom Label ▹Folkways schickte.

Mein erster Plattenspieler war von der Firma Braun, er hat vom Volksmund den Namen ▹Schneewittchensarg bekommen. Ich habe ihn heute noch, auch wenn er nur dazu da ist, dass alle Glenn Gould CDs auf ihm gestapelt liegen. Dann kam die Zeit von ▹HiFi, heute habe ich natürlich einen ▹CD Player. Einen Plattenspieler habe ich selbstverständlich heute auch noch, sonst hätte ich Eugenie Baird nicht hören können, als ich ▹Lush Life schrieb.

Der Jazz begleitet mich schon lange, schließlich bin im amerikanisch besetzten ▹Bremen aufgewachsen und hörte täglich zum Entsetzen meiner Eltern AFN (manchmal auch BFN). Viele ▹Musiklehrer mochten diese Negermusik überhaupt nicht, sie hielten sie für den Untergang des Abendlands. Sie hatten nicht gemerkt, dass das Abendland längst untergegangen war.

In Bremen begann eine neue Zeit, es ist ja kein Zufall, dass ▹Elvis 1958 in Bremerhaven an Land geht, da ist noch das Hauptquartier der US Army. Da wurden wir früher in amerikanischen Armeebussen hingekarrt, um amerikanische Theaterstücke zu sehen. Mann, hatten die fette Ledersessel und tausend Tischtennisplatten. Und natürlich eine kleine Bühne. Das Schönste war die Rückfahrt in der Nacht, die Busse hatten keine Fenster, weil sie Armeebusse waren. Aber sie hatten oben kleine Halbfenster, wenn man den Sitz zurücklehnte konnten man einen langen Film mit dem Sternenhimmel sehen. Die VW Werbung mit Nick Drakes ▹Pink Moon ist nichts dagegen.

Immer wenn wir in ▹Langeoog im Frühling und im Herbst Haus Meedland in Schuss brachten, hockten wir bei schlechtem Wetter in der Penthousewohnung des Landesjugendpfarrers (ganz oben auf dem Photo) zusammen. Das dürfen wir, das hat er uns erlaubt. Er hat uns auch erlaubt, seinen Plattenspieler zu benutzen. Er hat, und das ist sehr stilvoll, einen Braun Schneewittchensarg. Allerdings das größere Modell, nicht den, den ich habe. Er hat auch Jazzplatten, aber das ist leider alles ▹Zickenjazz. Massenhaft ▹Louis Armstrong. Und Spirituals. Aber besser als gar nichts, die Wohnung hat eine riesige Fensterfront, und man kann hier oben schön über die Dünen gucken. Und die ▹Regenwolken vorbeirennen sehen.

Und dabei Satchmos When Israel was in Egypt’s land oppressed so hard they could not stand und Down by the riverside hören. Und Bücher am Fenster liegend lesen. Wir liegen in dieser Zeit in dieser Wohnung immer auf dem Fußboden. Tut man damals auf Parties auch. Außer, wenn man Klammerblues tanzt. In dieser Zeit höre ich (und die Jazz Fans in meiner ▹Klasse) noch ▹Chris Barber und all den Zickenjazz. Und wir haben eine ▹Skiffle Group. Der englische Dichter ▹Philip Larkin ist da stehen geblieben, wir bewegten uns schon in Richtung ▹Charlie Parker.

Wohin der berühmte Philosoph Adorno, der so gerne Barpianist geworden wäre, nie gekommen ist. Er musste natürlich auch etwas über den Jazz sagen, ein deutscher Philosoph muss immer etwas zu allem sagen. Der berühmte englische Historiker ▹Eric Hobsbawm hat über Adorno gesagt: Adorno wrote some of the most stupid pages ever written about jazz. Und das ist noch das Netteste, was man über Adorno sagen kann. Hobsbawm hat für den New Statesman in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Pseudonym Francis Newton geschrieben. Der Name war angelehnt an den Trompeter Frankie Newton (der ist auf der Aufnahme von  Billie Holidays ▹Strange Fruit mit drauf). Auch das Buch The Jazz Scene von Hobsbawm trägt den Namen Francis Newton.

Dass man Jazz mag, erzählt man bei der Bundeswehr besser nicht. Obgleich ich da auch Leute getroffen habe, die im Privatleben in einer Jazzband spielten. Wenn das ▹Bundeswehrorchester Jazz spielt, klingt das grauenhaft. Andererseits, alles, was die Big Band spielt, klingt irgendwie grauenhaft. Das können die Engländer besser. Aber ich habe in meiner Dienstzeit viel für den Jazz getan. Weil ich jede Jukebox in jeder Kneipe mit soviel Kleingeld gefüttert habe, dass da für die nächste halbe Stunde nichts anderes als ▹Take Five lief.

Heute kann man über Jazz und Literatur in der Amerikanistik promovieren wie ▹Alexander Beissenhirtz das getan hat. Als ich studierte, wäre das unmöglich gewesen. Natürlich fällt einem beim Thema Jazz und Literatur sofort Langston Hughes ein (man könnte auch ▹Ralph Ellison als Beispiel nehmen), der mit seinen Gedichten schon in den Posts ▹April Rain Song, ▹Chris Barber und ▹Ralph Ellison auftaucht. Aber ich finde das Gedicht Jazz Tears von der amerikanischen Dichterin Raynette Eitel (die ich schon einmal in dem Post ▹John Steinbeck vorgestellt habe) auch sehr hübsch:

Jazz Tears

Jazz stirred in a cold martini,
staccato beating frozen memories
upon my fragile struggling heart.

Sounds of jazz are twins to twilight,
A soft soothing of indigo grief
great waves crashing over my body:

Warm jazz tears wash down my cheeks
in salty streaks if silver sadness.
Sweet images of the past

done in syncopated notes,
soft and mellow as golden moonlight,
call my ghosts to dance again.

Jazz tears and old fears hum,
blends of sadness and euphoria.
My martini twirls in the glass.

Ich liste unten einmal die Posts auf, in denen Jazz vorkommt. Selbst wenn es nur eine kleine Erwähnung ist. Wie in ▹Bachs Cellosuiten. Weil da plötzlich in dem schönen Film ▹Jazz On a Summer’s Day der Cellist Fred Katz (der Professor für Kulturanthropologie aber eigentlich Jazzer war) in einer kleinen Szene ▹Bach spielt. Eigentlich ist Bach ja sowieso Jazz, das haben wir alle schon immer gewusst.

Und,wie gesagt, hier noch mehr Jazz (und ganz ohne Schuhe): Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Play Bach, Birdland, Charlie Parker spielt La Paloma, Michel Legrand, Candy Dulfer, Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Mundharmonika, Nick Drake, Gulda, Rosemary Clooney, Sun Ra, Dexter Gordon, Don Byas, Richard Twardzik, Lena Horne, Monica Zetterlund, Cantate, Aimez-vous Brahms?, Folksongs, Teddy Boys, Mein Dänemark, Sempé, Marshall McLuhan, Arnold Duckwitz, Nico, Lou Reed, Madeleine Peyroux, Die Harmonie der Welt, Jean-Louis Trintignant, Birdland, P.J. Kavanagh, Improvisationen, Saturn, Nachtfahrt

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