Mittwoch, 26. Dezember 2012

Trenton, Weihnachten 1777


Nein, so hat es auf keinen Fall ausgesehen. Obgleich beinahe jeder Amerikaner dieses Bild von ➱Emanuel Leutze für eine korrekte Wiedergabe dieser Geschichte hält, wie der General George Washington in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 1777 über den vereisten Delaware gekommen ist. Und wie er die hessische Garnison in Trenton leicht überwältigen konnte, weil die noch alle von der Weihnachtsfeier besoffen waren.

Aber die deutsche Garnison (also diese Hessen, die ihr ➱Landesherr an die Engländer verkauft hatte) war nicht betrunken, als Washingtons sie im Morgengrauen des 26. Dezembers angreift. Sie waren seit drei Tagen im Alarmzustand. Und der Übergang über den Delaware bei McConkey's Ferry sah in der Wirklichkeit auch ganz anders aus als auf Leutzes Historienbild. Wohl kaum wie auf diesem Bild von George Caleb Bingham (1871), denn dieses flatboat kennt man nur am Mississippi und Missouri.

Wenn man David Hackett Fischers Buch ➱Washington's Crossing liest, bekommt man eine andere Sicht der Dinge. Der Doyen der amerikanischen Historiker hat sich die ersten Siege von Washingtons Armee bei Trenton und Princeton als Thema genommen (vorher hatte Washington in ➱New York und New Jersey nur Niederlagen hinnehmen müssen). Nicht, dass Trenton oder Princeton wirklich bedeutende Schlachten des Unabhängigkeitskrieges gewesen sind. ➱Saratoga wäre das. Oder das Gefecht von ➱Cowpens. Aber die ineinander übergehenden Gefechte von Trenton und Princeton sind, wie der Reihentitel von Fischers Buch sagt, Pivotal Moments in American History. Sie sind psychologisch von ungeheurer Bedeutung und geben der zusammengewürfelten Armee und ihrem Oberkommandierenden Selbstvertrauen. Washington wollte endlich einen Sieg, auch wenn es nur ein kleiner Sieg war. Er fürchtete, dass sich seine Armee sonst bis zum Jahresende aufgelöst hätte.

Fischer hat alle Figuren dieses Dramas aus den Archiven geholt (der 200-seitige Appendix macht diese Leistung deutlich), von General Howe bis zum kleinen hessischen Soldaten, und hat sie zum Leben erweckt. Nicht nur das Militär, auch die Zivilbevölkerung wird vor unseren Augen wieder lebendig. Es gelingt dem Autor, uns das Geschehen so plastisch zu vermitteln, dass wir als Leser das Gefühl bekommen, an der Jahreswende 1776 zu 1777 hier dabeigewesen zu sein. Das Wetter bei der nächtlichen Flussüberquerung inklusive (Stormy with much Rain. Hail & Snow at Times). Aber so exzellent das Buch ist, es fehlt ihm irgendwie das letzte Flair. Barbara Tuchmann schreibt in ➱The First Salute aufregender (obgleich ihre Leistung als Historikerin da gar nicht so großartig ist), und auch Christopher Hibbert ist in Redcoats and Rebels: The American Revolution Through British Eyes spannender.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass Fischer kein Militärhistoriker ist. In diesem Fall hätte es ihm nicht geschadet, wenn er etwas weniger in Archiven gewühlt und etwas mehr vom englischen Meister der military history, John Keegan, gelernt hätte. Man braucht als Historiker nicht jedes Detail aufzutischen. Nigel Nicolson macht das in seinem zweihundert Seiten kurzen Napoleon 1812 auf brillante Art und Weise deutlich. Und manchmal sind auch bedeutende Historiker betriebsblind. Wenn David Hackett Fischer von einem Studenten in hessischen Diensten namens Seume berichtet, dann ist dieser ➱J.G. Seume für ihn nur eine von vielen Quellen, er bringt ihn nicht mit dem deutschen Dichter in Verbindung.

Wenn ich jetzt ein wenig an David Hackett Fischer herummäkle, dann heißt das nicht, dass Washington's Crossing kein hervorragendes Buch ist. Er hat immerhin den Pulitzer Prize dafür bekommen. Aber seine Bücher Albion's Seed: Four British Folkways in America oder Liberty and Freedom sind eben noch besser. Man wird von diesem Autor ja verwöhnt. Das Interessanteste in dem 200-seitigen Appendix ist das Kapitel über die Darstellung des Übergangs über den Delaware. Aus dem ich dieses Bild von Sandow Birk (der ja auch einmal Copleys ➱Watson and the Shark variiert hat) habe, das ich vorher nicht kannte.

Die anderen Bilder sind, von oben nach unten: Leutzes berühmtes Washington Crossing the Delaware und das gleiche Motiv von ➱George Caleb Bingham. Larry Rivers' ➱Bild von 1953, das eine Provokation der Kunstwelt sein sollte, das ist es wahrscheinlich noch heute. Bei dem riesigen Bild ➱The Passage of the Delaware von Thomas Sully aus dem Jahre 1819 hat man ein wenig das Gefühl, dass der Maler an Napoleon an der ➱Beresina gedacht haben könnte. Man kann hier auch sicher einen Einfluß der französischen heroischen Schlachtenmalerei annehmen. Das nächste Bild fällt - wie auch Sandow Birks Surferbild - ein wenig aus der Reihe. Es ist Robert Colescotts George Washington Carver Crossing the Delaware, zu dem es ➱hier einen informativen Artikel gibt.

Das hier wollte ich Ihnen eigentlich gar nicht zumuten. So hat es in der kalten Weihnachtsnacht auf dem Delaware auf keinen Fall ausgesehen. Das Photo stammt von einem der jährlich stattfindenden re-enactments, so etwas können die Amerikaner ja nicht lassen. Irgendwie schmeckt das furchtbar nach einer Disneyisierung der amerikanischen Geschichte. Dazu fällt mir jetzt nur eine Stelle aus ➱Kurt Vonneguts Roman Slaughterhouse Five ein: The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen