Samstag, 1. Dezember 2012

Ehebruch


In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing – die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.

In front of the old manor house occupied by the von Briest family since the days of Elector George William, the bright sunshine was pouring down upon the village road, at the quiet hour of noon. The wing of the mansion looking toward the garden and park cast its broad shadow over a white and green checkered tile walk and extended out over a large round bed, with a sundial in its centre and a border of Indian shot and rhubarb. Some twenty paces further, and parallel to the wing of the house, there ran a churchyard wall, entirely covered with a small-leaved ivy, except at the place where an opening had been made for a little white iron gate. Behind this arose the shingled tower of Hohen-Cremmen, whose weather vane glistened in the sunshine, having only recently been regilded. The front of the house, the wing, and the churchyard wall formed, so to speak, a horseshoe, inclosing a small ornamental garden, at the open side of which was seen a pond, with a small footbridge and a tied-up boat. Close by was a swing, with its crossboard hanging from two ropes at either end, and its frame posts beginning to lean to one side. Between the pond and the circular bed stood a clump of giant plane trees, half hiding the swing. 

Manche Bücher gewinnen durch die Übersetzung ins Englische. Weil hervorragende englische Übersetzer sich manchmal weigern, dieses gestelzte Kanzleideutsch, das die deutsche Sprache so häufig auszeichnet, zu übersetzen. Und plötzlich kann man Karl Marx oder Sigmund Freud verstehen, probieren Sie es mal aus! Es gibt aber auch Werke, von denen ein nicht so begabter Übersetzer lieber die Finger lassen sollte. Diese Übersetzung des Anfangs von Effi Briest - und was ist das für ein Romananfang! - stammt von einem Amerikaner namens William A. Cooper. Der Professor von der Stanford Universität hatte 1934 von der Universität Köln einen Ehrendoktor bekommen und fuhr 1938 wieder nach Deutschland, um sich den Verdienstorden vom Deutschen Adler verleihen zu lassen. Das vergessen wir jetzt lieber einmal. Die Übersetzung von Cooper ist auch nicht vollständig, arranged steht vorne auf dem Titelblatt. Ich mag die Übersetzung ganz und gar nicht, ich stolpere schon über das occupied, und the bright sunshine was pouring down ist mir auch zu viel des Guten. Warum müssen die Platanen giant sein, geht es nicht eine Nummer kleiner? Blicken wir mal eben in diesen Text:

To the front of Hohen-Cremmen, country seat of the von Briest family since the time of Elector Georg Wilhelm, bright sunshine fell on the midday silence in the village street, while on the side facing the park and gardens a wing built on at right angles cast its broad shadow first on a white and green flagstone path, then out over a large roundel of flowers with a sundial at its centre and a border of canna lilies and rhubarb round the edge. Some twenty paces further on, corresponding exactly in line and length to the new wing and broken only by a single white-painted iron gate, was a churchyard wall entirely covered in small-leaved ivy, behind which rose Hohen-Cremmen's shingled tower, its weather-cock glittering from recent regilding. Main house, wing and churchyard wall formed a horseshoe, enclosing a small ornamental garden at whose open end a pond and a jetty with a moored boat could be seen, and close by a swing, its horizontal seat-board hanging at head and foot on two ropes from posts that were slightly out of true. Between the roundel and the pond, partially concealing the swing, stood some mighty plane trees.

Dies ist die Übersetzung von ➯Hugh Rorrison und ➯Helen Chambers, die 1996 den Oxford-Weidenfeld Translation Prize knapp verpasst haben (im letzten Jahr ist ihnen das mit ihrer weltweit gelobten Übersetzung von Unwiederbringlich wieder passiert). Penguin hat die Übersetzung von Rorrison und Chambers im Jahre 2000 in der Reihe Penguin Classics auf den Markt gebracht. Sie löste da eine Übersetzung aus dem Jahre 1967 ab, die ich gar nicht so schlecht fand - es ist übrigens die einzige Fontane Übersetzung, die ich ganz gelesen habe. Der Übersetzer war Douglas Parmée vom Queens College, Cambridge. Der hatte während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park deutsche Codes entziffert, wenn man so etwas kann, kann man bestimmt auch Fontane übersetzen. Sein langes Leben wird von einem Familienmitglied ➯hier gewürdigt, ein Text, den man nur mit Bewunderung für ein Gelehrtenleben lesen kann. Und so gibt es dann zum Schluss auch noch die Übersetzung von Douglas Parmée aus dem Jahre 1967:

In front of the von Briests' house in Hohen-Cremmen--their family house since the reign of the Elector George Wilhelm--the village street lay bathed in the glare of the midday sun, whilst towards the park and gardens, a side-wing, built on at right angles, cast a broad shadow, first on a white and green flagged path and, beyond, on a large round flower-bed with a sundial in the middle and cannas and rhubarb growing round its edge. A dozen yards further on, exactly symmetrical with the wing, ran a churchyard wall with small-leafed ivy growing along its whole length except where it was pierced by a small, white-painted iron gate; beyond the wall rose the tall tower of Hohen-Cremmen, with its shingle roof and its glittering, recently regilded weather-cock. The house, the wing and the churchyard wall formed a horseshoe enclosing a small ornamental garden, open on one side to reveal a little lake and a jetty to which a boat was moored and, close by, a swing with its wooden seat suspended from two ropes at each end; the posts supporting the wooden crossbar were already somewhat askew. Between the lake and the circular bed, however, half hiding the swing, stood a few immense old plane trees.

Ich habe einen Anlass, Sie heute mit ein wenig Effi Briest zu füttern. Denn heute vor 126 Jahren ist der Amtsgerichtsrat Emil Ferdinand Hartwich gestorben. Kennen Sie nicht? Der ist sogar bei Facebook, und da kann man so herrlich schwachsinnige Sätze lesen, wie: Major von Crampas (Emil Ferdinand Hartwich) ist bei Facebook. Um dich mit Major zu verbinden, registriere dich noch heute für Facebook. Wenn Sie immer schon einmal den Verführer von Effi Briest kennenlernen wollten, dann registrieren Sie sich bei Facebook und gehen auf diese ➯Seite.

So ließ er denn die Kränze liegen, wo sie lagen, und vergaß ihrer beinah ganz, als sie gleich danach in einen Straßenteil einbogen, der ihn durch seine bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog. Rechts, auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun, über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und neusten Datums, einige dagegen, und gerade die größten und buntesten, griffen weit zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen und mit ihnen abwechselnd hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet, vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rücksicht auf die zahlreichen Kirchhöfe, meist nur Kreuze, Säulen und Obelisken ausstellten. All das konnte nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen, und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke her, unter wachsender Neugier, die nicht endenwollenden und untereinander im tiefsten Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazu gehörigen Bilder musterte. »Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches Ballwerfen, sechs Wurf zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit oder erster Frisiersalon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer Schießhalle:

›Schieße gut und schieße schnell,
Schieß und triff wie Wilhelm Tell.‹«

Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.

Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte. 

Das ist nun wieder Fontane, wir sind im 21. Kapitel von Irrungen, Wirrungen. Diese Romanstelle zitiere ich - mit dieser schönen Symbolik von Grabkreuzen und dem Knattern von Gewehren - weil hier auf der Berliner Hasenheide der Düsseldorfer Amtsgerichtsrat (und Reserveoffizier) Emil Ferdinand Hartwich in einem Pistolenduell tödlich verwundet wurde. Sein Kontrahent, der Baron Armand Léon von Ardenne, wird zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Sitzt aber nur achtzehn Tage ab und wird umgehend zum Major befördert. Weil er ein Ehrenmann ist, er wird noch preußischer General werden. Er hatte den Mann, den er erschoss, gut gekannt. Sie hatten sich in Düsseldorf, wo Ardenne anfangs der achtziger Jahre stationiert war, kennengelernt. Im Malkasten, wo der kunstsinnige Baron den begabten Amateurmaler Emil Hartwich traf. Der dann auch gleich ein Portrait von seiner Gattin malte. Das Bild von Wilhelm Schreuer Heitere Runde im Malkasten ist um 1900 gemalt, wäre es zwanzig Jahre älter, könnten Emil Hartwich und Armand Léon von Ardenne mit seiner Frau darauf sein.

Dies ist eine ganze andere ➯Geschichte als die, die Theodor Fontane uns erzählt. Und in dem Roman, der Wirklichkeit heißt, stirbt die Heldin auch nicht an gebrochenem Herzen, da wird sie beinahe hundert Jahre alt. Und der Baron heiratet eine Soubrette und leidet darunter, dass die neue Frau gesellschaftlich geächtet wird. Die Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei ... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit.

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