Donnerstag, 9. August 2012

Hermann Hesse


Ich war noch sehr jung, als ich das erste Gedicht von Hermann Hesse las. Es hieß Im Nebel und war auf der ersten Seite der Welt am Sonntag abgedruckt. Ich dachte damals, dass dieses Seltsam, im Nebel zu wandern! eine Erstpublikation gewesen wäre, musste aber später dazu lernen, dass das Gedicht schon sehr alt war. Meine zweite Begegnung mit Hesse war einigermassen kurios, meine Eltern hatten mich zum Kauf des Buches Das Glasperlenspiel losgeschickt. Ich kam ohne Buch zurück und berichtete meinen Eltern, dass mich die Frau hinter der Ladentheke gefragt hätte, was für ein Spiel das denn sein sollte. Da kaufen wir nie wieder, sagte mein Vater. Ich wurde dann zu der Buchhandlung Otto & Sohn geschickt, wo wir sonst immer kauften, und die hatten das Buch natürlich.

Ich muss gestehen, dass ich es, obgleich ich es besitze, bis heute noch nicht gelesen habe. Wenn Sie sich (oder mich) jetzt fragen, was dieses Photo hier soll: das sind die Mitglieder einer ➱Band, die sich den Namen Glasperlenspiel von Hermann Hesse geborgt haben. Wahrscheinlich haben sie sich bei der Namenwahl gedacht, dass ➱Steppenwolf auf diese Art ja auch eine Menge Platten verkauft hat.

Hermann Hesse ist ein wenig an mir vorbeigelaufen. Als sich in den sechziger Jahren halb Amerika für Hesse begeisterte, schwappte davon nichts zu mir über. Ich habe Klingsors letzter Sommer, Demian, Narziß und Goldmund und den Steppenwolf gelesen. Aber es machte mich nicht zum Hesse-Fan. Es sprang beim Lesen nichts elektrisierend über, so wie ich es bei der Lektüre von ➱Robert Walser, ➱Ernst Penzoldt und ➱Albert Vigoleis Thelen verspürte. Vielleicht war er damals einfach zu berühmt. Berühmte Schriftsteller ließ ich bei meinem Leseprogramm (ich wollte ja mit einundzwanzig durch die Weltliteratur durch sein) erst einmal links liegen, mich interessierten eher die Autoren, die meine Deutschlehrer nicht kannten.

Meine dritte Begegnung mit Hermann Hesse war 1958 ein Bertelsmann Bildband, der Autoren der Gegenwart: Dichter hieß. Man kann ihn heute noch bei Amazon Marketplace zu Preisen zwischen 0.99 und 100 Euro bekommen. Ich hatte mir den Band aus dem Bertelsmann Programm selbst ausgewählt, meiner Mutter war in dem Quartal nichts eingefallen. Die Romane von Otto Flake hatte sie schon alle. Ich will gegen den Bertelsmann Lesering der fünfziger Jahre nichts sagen, ohne ihn hätte ich ➱Otto Flake vielleicht nie kennengelernt. In dem Photoband Dichter waren alle Schriftsteller abgebildet, die in der Zeit des Wirtschaftswunders bedeutend waren. Hervorragende Photographien (alles natürlich schwarzweiß), dazu kurze Texte des Herausgebers Günther Steinbrinker. Hesse bekam gleich eine Doppelseite und war vorne auf dem Buch abgebildet. Die Photos von Hesse waren von dem Schweizer Photographen Gotthard Schuh (der in dem Band auch Thomas Mann photographiert hatte) - der Band Dichter versammelte nicht nur die Crème de la Crème der Literatur, sondern auch die Crème de la Crème der Photographen. Das Buch bedeutete mir viel, ich wollte damals wissen, wie die Schriftsteller aussahen, welche Kleidung sie trugen. Hermann Hesse trug ein gestreiftes Hemd (aber keinen Schlips) und einen Cordanzug mit Weste. Er wirkte so ganz anders als T.S. Eliot, der auf dem Photo von Ingeborg Sello so überkandidelt englisch aussah. Man kann aus guten Photos viel über die Dargestellten lernen. Wenn ich auch bei manchen meiner Bücher nicht so genau weiß, wo sie sich in den Regalen verstecken, den Band Dichter mit Hermann Hesse vorne drauf, den finde ich sofort.

Mein wirkliches Hesse Erlebnis musste noch ein paar Jahre warten. Genau genommen bis zum Februar 1971, als ich mir für sechs Mark achtzig die Suhrkamp Ausgabe der Briefe kaufte. Davon hat er ja zigtausende geschrieben, mir reichten die 566 Seiten schon aus. Aber es hat mich schwer beeindruckt - diese Ehrlichkeit, diese Geradlinigkeit! Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Ich habe dann später gelesen, dass der Herr Reich-Ranicki über die Briefe gesagt hat: Es steht in diesen Briefen viel Vernünftiges und Richtiges, sie nötigen oft ehrlichen Respekt ab … nur dass ich dabei gähnen musste. Denn Hesse offeriert hier, um es kurz und grob zu sagen, gute Gesinnung und wenig Geist. Dazu sage ich gar nichts, ich versaue mir doch nicht diesen Tag, indem ich mich über Herrn Reich-Ranicki ärgere.

Er ist in diesem Blog ja schon häufig erwähnt worden, sogar in einem Post über ➱Regenschirme habe ich es nicht lassen können, ihn zu erwähnen. Ich kann als Gegenmittel zu Reich-Ranicki nur die Lektüre dieses Artikels von Volker Michels ➱Prügel für den Steppenwolf oder: Wie man einen Nobelpreisträger zur Schnecke macht. Marcel Reich-Ranicki und Hermann Hesse empfehlen. Geschrieben zum fünfzigsten Todestag von Hermann Hesse. Volker Michels ist der Herausgeber der Hesse Gesamtausgabe (die Suhrkamp gerade neu wieder herausbringt), der versteht von dem Nobelpreisträger Hesse vielleicht etwas mehr als der Bambi-Preisträger Reich-Ranicki. Unter dem Artikel steht der köstlich feige Satz: Der Suhrkamp Verlag macht darauf aufmerksam, dass die Darstellung und Formulierungen Volker Michels nicht die Meinung des Verlags zu diesem Thema spiegeln. Suhrkamp Verlag, Mai 2012.

Dazu fällt mir nur der Brief ein, den Hermann Hesse 1959 nach dem ➱Tode Peter Suhrkamps an den neuen Verlagschef Siegfried Unseld schrieb: Der Verleger muß 'mit der Zeit gehen', wie man sagt, er muß aber nicht einfach die Moden der Zeit übernehmen, sondern auch, wo sie unwürdig sind, ihnen Widerstand leisten können. Im Anpassen und im kritischen Widerstehen vollzieht sich die Funktion, das Ein- und Ausatmen des guten Verlegers. So einer sollen Sie sein.

Hermann Hesse ist heute vor fünfzig Jahren gestorben. Er wird noch Leser haben, wenn keiner mehr weiß, wer Reich-Ranicki war.

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