Sonntag, 2. Dezember 2018

Träumerei


Vielleicht ist der Titel falsch, wir müssen uns von Chopin und Schumann lösen, die Titel wie Träumerei im Programm hatten. Und auch eine TV Serie namens Reverie lassen wir aus. Und vielleicht passt dieses Bild von Paul Helleu, dem Maler der Belle Époque, nicht so ganz ins Bild. Es heißt zwar Rêverie, aber die rêverie, auf die ich hinaus will, ist etwas anderes als der träumerische Zustand der eleganten Dame. Wir kennen zwar nicht ihren Tagtraum, aber wir kennen ihren Namen. Es ist Alice Guérin, Helleus Modell (auch andere Maler wie John Singer Sargent haben sie gemalt), seine Muse und Ehefrau.

Du träumst ja schon wieder, Junge, sagte meine Mutter. Sie sagte es häufig, ich neigte zum Träumen. Tue ich immer noch. Gedankenverloren für kurze Zeit. Das, was die Franzosen rêverie nennen, ist längst zu einem philosophischen Begriff geworden. Der fest in französischer Hand ist. Namen wie Montaigne, Rousseau, Proust, François Ponge und Gaston Bachelard sind hier zu nennen. Letzteren habe ich schon in dem langen Post Roland Barthes gewürdigt, habe damals sein Werk La Poétique de la rêverie aber nicht erwähnt. Es ist ein Spätwerk des Philosophen, der einmal als Briefträger angefangen hat, fügt sich aber in vorangegangene Werke wie La Poétique de l’éspace ein. Wenn man sich einmal auf seine Sprache und seinen Stil eingelassen hat, ist er einer der interessantesten  Franzosen des 20. Jahrhunderts.

Ich hatte in dem Post Montaigne en allemand die Engländerin Sarah Bakewell vorgestellt. Und von der habe ich hier einen sehr klugen Aufsatz mit dem Titel Reverie and Ambush: On the Influence of Montaigne. Michel de Montaigne muss genannt werden, weil er am Anfang der Begriffsgeschichte der rêverie steht. Das können wir auch dem Wikipedia Artikel Tagtraum entnehmen. Das Wort rêverie hat damals (und noch bis in die Romantik) einen negativen Beiklang, Montaigne spricht von verworrenem Geschwätz und Phantastereien. Aber er schreibt alles auf, es ist der Beginn seiner Essais. Die ja auch häufig ungeordnet sind und glücklicherweise nicht den Maximen eines pedantischen Deutschlehrers für das Schreiben eines Besinnungsaufsatzes folgen.

Für Bachelard ist die rêverie der Beginn der Literatur: In contrast to a dream a reverie cannot be recounted. To be communicated, it must be written, written with emotion and taste, being relived all the more strongly because it is being written down. Vielleicht sind Marcel Prousts mémoires involontaires in ihrer exakten Dosierung zwischen Erinnerung und Vergessen auch aus der révererie des Autors entstanden.

Der Augenblick zwischen Traum und Erwachen rettet Reste des Traums in den Tag. John Fowles hat in Notes on an Unfinished Novel gesagt, dass er eines Morgens, noch halb im Schlaf ein Bild vor Augen hatte: It started four or five months ago as a visual image. A woman stands at the end of an ancient quay and stares out to sea. Er wurde das Bild nicht mehr los, die Szene mysterious und vaguely romantic kam immer wieder zurück. Er versuchte to analyze and hypothesize why it held some sort of immanent power. Die einsame Figur auf der Mole von Lyme Regis ist offensichtlich eine Ausgestoßene der viktoktorianischen Gesellschaft: I didn’t know her crime, but I wished to protect her. That is I began to fall in love with her. Or with her stance. I didn’t know which. Fowles verwirft den Roman, an dem er gerade schreibt und schreibt stattdessen The French Lieutenant’s Woman.

Wenn in dem Traum, aus dem man erwacht, Frauen vorkommen, hält sich dieser Traumfetzen offenbar lange. Ich zitiere einmal eben Marcel Proust, dessen mémoires involontaires vielleicht auch aus den reveries entstanden sind. Wir finden in Combray folgende Stelle: Zuweilen wurde während meines Schlafes aus einer falschen Lage meines Schenkels heraus ein Weib geboren, so wie Eva einer Rippe Adams entsprang. Obwohl ich sie der Lust verdankte, die zu genießen ich im Begriff war, stellte ich mir doch vor, dass vielmehr sie es war, die mir diese Lust verschaffte. Mein Körper, der in dem ihren seine eigene Brunst verspürte, wollte sich darin mit ihr vereinigen, und ich erwachte. Der Rest der Menschheit erschien mir wie in weite Ferne entrückt im Vergleich zu dieser Frau, die ich vor wenigen Augenblicken erst verlassen hatte; meine Wange war noch heiß von ihrem Kuss, mein Körper noch lahm von der Last ihrer Lenden. 

Wenn sie, wie es auch hin und wieder vorkam, die Züge einer Frau trug, die ich im wirklichen Leben gekannt hatte, so setzte ich anschließend alles an das eine Ziel: sie wiederzufinden, so wie es jenen ergeht, die eine Reise unternehmen, um mit ihren eigenen Augen eine ersehnte Stadt anzusehen, und dabei glauben, man könne auch in der Wirklichkeit den Zauber einer Träumerei genießen. Nach und nach verlor sich die Erinnerung an sie, ich hatte das Mädchen meines Traumes vergessen.

Aber nein, Marcel, die Mädchen der Träume vergisst man nicht. Ich habe da einen kleinen immer wiederkehrenden Tagtraum, bei dem ich zu einer Party auf der Dachterasse eines Hochhauses eingeladen bin. Das Hochhaus gibt es nur in diesem Traum, aber die Straße da unten mit ihren Häusern, die gibt es auch außerhalb von Träumen. Ich kenne die Häuser, ich weiß, wer da wohnt. Alles ist wie vor fünfzig Jahren, in meinen Träumen ist immer alles wie vor fünfzig Jahren. Wir bleiben ewig jung. Die Party ist langweilig, ich bin gerade dabei, die Dachterasse zu verlassen, da kommt sie. Diese Frau, die immer wieder in diesem Blog auftaucht. Sie trägt einen weißen Burberry Trenchcoat, obgleich es ein warmer Sommertag ist. Sie umarmt mich. Und flüstert mir zu, dass sie unter dem Trenchcoat nackt sei. Und an dieser Stelle ist der kleine Tagtraum immer zu Ende. Reicht das für einen Roman?

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